Wenn KI den Bildschirm verlässt
Die Verschmelzung von KI und Robotik gilt vielen als nächste industrielle Revolution. Doch ob sie Massenarbeitslosigkeit auslöst oder den Fachkräftemangel lindert, darüber gehen die Prognosen weit auseinander.
Die Debatte über Künstliche Intelligenz konzentriert sich – zumindest im Westen – bislang vor allem auf Chatbots, Textgeneratoren und digitale Assistenten. Doch die eigentliche Revolution könnte noch bevorstehen. Davon sind Harald Müller und Astrid Orthmann überzeugt. In ihrem neuen Buch „Die 5. Revolution: KI + Roboter“ argumentieren die beiden Geschäftsführer der Bonner Wirtschafts-Akademie, dass die Verschmelzung von KI und Robotik eine neue Phase der technologischen Entwicklung einläuten werde. Nicht die Software allein, sondern intelligente Maschinen, autonome Fahrzeuge und lernfähige Roboter würden Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern.
Tatsächlich spricht einiges dafür, dass die Verbindung von KI und Robotik zu den wichtigsten Technologietrends der kommenden Jahre gehört. In den USA experimentieren Unternehmen wie Tesla, Amazon oder Boston Dynamics mit humanoiden Robotern und autonomen Systemen. In China investieren Staat und Industrie Milliardenbeträge in die Automatisierung von Fabriken. Gleichzeitig wächst die Leistungsfähigkeit sogenannter „Physical AI“, also von KI-Systemen, die nicht nur Informationen verarbeiten, sondern direkt mit der physischen Welt interagieren.
Die Autoren gehen jedoch deutlich weiter. Sie prognostizieren menschenleere Fabriken innerhalb der nächsten anderthalb Jahrzehnte und halten es für möglich, dass langfristig die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze automatisierbar wird. Besonders provokant ist ihre These, dass sich die heute viel diskutierte Mensch-Roboter-Kollaboration letztlich als Übergangsmodell erweisen könnte. Aus rein ökonomischen Gründen werde man versuchen, den Menschen zunehmend aus Routineprozessen herauszunehmen.
Solche Prognosen haben allerdings eine lange Geschichte. Bereits in den 1960er Jahren wurden vollautomatische Fabriken vorhergesagt. In den 1980er Jahren sollte die Computerisierung massenhaft Arbeitsplätze vernichten. In den 2010er Jahren sorgte die vielzitierte Oxford-Studie von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne mit der Prognose für Aufsehen, fast die Hälfte aller Jobs könne automatisiert werden. Tatsächlich veränderten sich viele Tätigkeiten, doch die befürchtete Massenarbeitslosigkeit blieb aus.
Auch neuere Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Automatisierung vernichtet zwar einzelne Tätigkeiten, schafft aber zugleich neue Berufe, neue Produkte und zusätzliche Nachfrage. Historisch war technologischer Fortschritt meist kein Nullsummenspiel zwischen Mensch und Maschine. Entscheidend war vielmehr, ob die Produktivitätsgewinne zu neuen Investitionen und neuen Märkten führten.
Mit diesen Argumenten widerspricht der Soziologe Florian Butollo der verbreiteten Angst vor einer KI-bedingten Massenarbeitslosigkeit. Er vertritt die These, dass Arbeit in den kommenden Jahrzehnten trotz KI eher knapper werden könnte. Ausschlaggebend seien demografische Faktoren: Die alternden Gesellschaften Europas verlieren Millionen Erwerbstätige, während gleichzeitig der Bedarf an Pflege, Gesundheit, Bildung und persönlichen Dienstleistungen steigt. Selbst wenn KI viele Routinetätigkeiten übernimmt, könnte die Nachfrage nach menschlicher Arbeit insgesamt hoch bleiben.
Butollo glaubt, dass KI helfen könne, die Folgen des Fachkräftemangels abzufedern. Gerade in alternden Volkswirtschaften wäre dies eher eine Entlastung als eine Bedrohung. Die Frage sei deshalb nicht primär, ob Arbeit verschwindet, sondern wie sich ihre Struktur verändert.
Damit stehen sich zwei unterschiedliche Zukunftsbilder gegenüber. Das eine sieht eine weitgehende Automatisierung großer Teile der Wirtschaft und einen massiven Rückgang menschlicher Arbeit. Das andere erwartet eine Gesellschaft, in der KI zwar zahlreiche Aufgaben übernimmt, menschliche Arbeitskraft aufgrund demografischer Entwicklungen aber dennoch ein knappes Gut bleibt.
Die Debatte über KI zeigt zugleich, dass sie sich längst nicht mehr auf Chatbots und Textgeneratoren verengen lässt. Ob in Fabriken, Logistikzentren, Krankenhäusern oder Verwaltungen: Die Verbindung von künstlicher Intelligenz und physischen Maschinen dürfte in den kommenden Jahren zunehmend sichtbar werden.