Das Gespenst von Weimar
Allein die Ausweitung der Geldmenge war in der Weimarer Republik keineswegs schuld an der Hyperinflation. Vielmehr waren es angebotsseitige Schocks, die den Stein ins Rollen brachten.
Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der Inflation. Dieser Tage warnen vermeintliche Top-Ökonomen aller politischer Couleur vor einer ausufernden Inflation. Wieder mal. Schuld daran: steigende Staatsschulden und eine zunehmende Geldmenge. Selbst Bezüge zur Hyperinflation der Weimarer Republik werden bemüht. Die Angst ist groß.
Vor allem aber ist sie entlarvend: wirtschaftshistorisches Wissen ist bei Deutschlands Spitzenpolitikern und Top-Ökonomen dünn gesät. In Deutschland sind sämtliche Debatten um Inflation von einem kollektiven Bewusstsein über die 1920er Jahre beeinflusst. Wir alle haben sofort ein bestimmtes Bild vor Augen: Menschen, die mit Schubkarren voll Geld durch die Gegend laufen, um sich davon ein Brot zu kaufen. Damit scheint der Fall abgeschlossen; die expansive Geldpolitik allein war schuld an der Hyperinflation.
Aber sehen wir uns die Weimarer Republik einmal genauer an. Wer die Hyperinflation der 20er Jahre verstehen will, darf nicht erst bei der Ruhrbesetzung anfangen und auch nicht bei Kriegsende. Nein, die Hyperinflation nimmt ihren Ursprung bedeutend früher.
Beginnen müssen wir mit dem Jahr 1914. Mit Beginn des ersten Weltkrieges hat das Deutsche Reich eine sehr expansive Geldpolitik gefahren, die in den Ausbau der Rüstungsindustrie floss. Es wurde ein Gesetz erlassen, dass es der Regierung ermöglichte, eine Nachfrage weit über das Produktionsniveau hinaus zu erzeugen; Geld wurde zur Verfügung gestellt, obwohl dem gegenüber keinerlei Möglichkeit zur Ausweitung der Produktivität, insbesondere im zivilen Bereich mehr stand.
Einer wachsenden Rüstungsindustrie stand eine nach und nach schrumpfende Warenmenge an zivilen Gütern gegenüber. Die dringend benötigten Arbeitskräfte und Rohstoffe nahmen während des gesamten Krieges kontinuierlich ab, während immer mehr für die Kriegsproduktion ausgegeben wurde. Auch die Landwirtschaftlichen Erzeugnisse nahmen während des Krieges enorm ab.
Durch Blockaden war es Deutschland zudem nicht mehr möglich, die für die landwirtschaftliche Produktion so wichtigen Güter wie Dünger zu importieren. Bereits während des Krieges schrumpfte so das gesamte zivile Warenangebot um ein Vielfaches. Die Versuche, der Wirtschaft beispielsweise mittels Kriegsanleihen Kaufkraft zu entziehen, blieben wirkungslos. Dies ist die Ausgangssituation, in der sich Deutschland im Jahr 1918 befindet.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit blieb das Produktivitätsniveau auf einem niedrigen Stand. So erreicht die Industrieproduktion im Jahr 1919 lediglich 37% ihres Niveaus von 1913. Ähnliches gilt für die Landwirtschaft: der fehlende Dünger und die vom Krieg geschundenen Böden sorgten dafür, dass im Jahr 1919 die landwirtschaftlichen Erträge weniger als die Hälfte des Jahres 1913 betrugen. Dieser Trend einer konstant niedrigen Produktivität wurde durch verschiedene Faktoren verstärkt; die Demobilmachung, politische Unruhen, Lieferengpässe und nicht zuletzt durch die Reparationszahlungen – welche in Fremdwährung oder Gold zu leisten waren.
Das bedeutete, dass Deutschland einen erheblichen Teil seiner geringen zivilen Produktion exportieren musste und somit das inländische Angebot zusätzlich verknappte. Wurden Kredite in Fremdwährung aufgenommen, lief deren Rückzahlung auf ein ähnliches Problem hinaus. Die Industrieproduktion in Deutschland wurde durch die Ruhrbesetzung im Jahr 1920 schließlich nahezu vollständig abgewürgt. Dieser enorme Produktivitäts- und Warenmangel stand weiterhin eine enorm hohe Kaufkraft durch die Staatsausgaben während des Krieges gegenüber.
Dazu kam die Angst vor einer "roten Revolution"; diese Angst beherrschte nicht nur die Politik, sondern ebenso die privaten Unternehmer. In der Hoffnung, derlei Umsturzbestrebungen den Wind aus den Segeln nehmen zu können, reagierten diese auf politisch motivierte Streiks ihrer Belegschaften mit großzügigen Lohnerhöhungen. Diese Anstiege der Lohnstückkosten schlugen sich wiederum auf das knappe Warenangebot nieder. Die politischen Unruhen, das Bekanntwerden der finanz- und wirtschaftspolitischen Bedingungen des Friedensvertrages, sowie die Nachfrage des Reichs nach ausländischen Devisen hatten massive Folgen für die Parität der Mark zum Dollar.
Zu Beginn der 1920er Jahre lässt sich beobachten, wie Privatpersonen als auch Unternehmen versuchen, ihr Geld in Sachwerten wie Rohstoffen oder aber in Devisen anzulegen. Privatpersonen tendierten dazu, Dinge wie haltbare Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände zu kaufen. Nun ist es nicht überraschend, dass einerseits die steigende Warennachfrage – der, es sei daran erinnert, ein sehr niedriges Warenangebot gegenüberstand – die Inflation weiter anfachte, während die steigende Nachfrage nach Devisen zeitgleich dafür sorgte, dass der Wechselkurs der Mark gegenüber dem Dollar weiterhin in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Nun kennt ein jeder das Bild der Deutschen, die ihr Geld in Schubkarren durch die Gegen schoben und es ihren Kindern als Spielzeug gaben. Bei den enormen Preissprüngen, die nun einsetzten, reichte es bald nicht mehr, den Arbeitern ihren Lohn monatlich oder wöchentlich auszuzahlen – die Auszahlungen erfolgten jeden Morgen in Bar. Sobald die Belegschaft ihre Löhne erhielt, wurden die Betriebe geschlossen, damit die Menschen die Möglichkeit hatten, das Geld direkt in Waren einzutauschen.
Diese katastrophale Situation bremste die ohnehin schon kaum vorhandene Produktivität weiter. Matthias Erzberger von der Zentrumspartei gelang es immerhin, den Kaufkraft- und Wertverlust der Mark durch eine Reform des Steuersystems kurzzeitig zu bremsen: der Höchststeuersatz der ehemaligen preußischen Einkommenssteuer wurde kurzerhand von 4 auf ganze 60% angehoben. Diese kurze Phase der scheinbaren Stabilität wurde allerdings schnell durch politische Unruhen beendet.
Als die deutsche Regierung den Streik der Arbeiter und Unternehmen gegen die französische Ruhrbesetzung 1923 bedingungslos durch direkte Lohnfortzahlungen finanzierte, gab es kein Halten mehr. Politische Unruhen und steigende Kaufkraft sowie Lohnkosten standen eine niedrige Produktivität und ein knappes Warenangebot gegenüber – die Hyperinflation war unvermeidbar.
Es war also keineswegs allein die Ausweitung der Geldmenge, die in der Weimarer Republik die Hyperinflation auslöste. Erst die massiven angebotsseitigen Schocks brachten den Stein ins Rollen. Hätte den Staatsausgaben und der steigenden Kaufkraft der Wirtschaft eine entsprechende Ausweitung des Produktivitätsniveau gegenübergestanden, wäre die Geschichte vermutlich anders verlaufen.
Angesichts dieses historischen Hintergrunds sind die unablässigen Inflationswarnungen in Deutschland und der EU nicht mehr als Panikmache. Ein Land und eine Union, die eine konstant hohe Zahl an Unterbeschäftigten ausweisen, sollte keinerlei Probleme haben das Produktivitätsniveau ihrer Wirtschaft in einem notwendigen Maße steigen zu lassen – angekurbelt durch notwendige staatliche Investitionen in den wirtschaftlichen Strukturwandel und den Ausbau der Infrastruktur. Ganz ohne nennenswerte Inflation.