Makroskop
Updates zur Konjunktur

Deutschlands letzter Konjunkturmotor

| 02. Juli 2026

Der Stellenabbau in der Industrie beschleunigt sich, Unternehmen investieren zunehmend im Ausland. Während die Privatwirtschaft auf die Bremse tritt, wird der Staat immer stärker zum letzten Konjunkturmotor.

  • Strukturwandel in der Industrie beschleunigt sich: Beschäftigung, Stellenausschreibungen und Lohnvorsprung spürbar zurückgegangen.
  • Fall Volkswagen exemplarisch für die Anpassungsprobleme der deutschen Automobilindustrie.
  • Unternehmen verlagern Investitionen und Forschung zunehmend ins Ausland, Bundesregierung setzt auf Kostensenkung.
  • Deutsche Industrie trotz sinkender Anteile am Produktionswert zentraler Treiber der Wertschöpfungs-, Beschäftigungs- und Entgelttreiber.
  • Der Staat erhöhte seine Bruttoinvestitionen 2025 so stark wie seit 2000 nicht mehr, liegt aber weiterhin unter EU-Durchschnitt.
  • Neue Beschäftigung entsteht vor allem außerhalb der Industrie, etwa im Bau-, Pflege- und IT-Bereich.

Beschleunigter Stellenabbau in der Industrie

Der schleichende Stellenabbau in der deutschen Industrie setzt sich fort. Im Jahr 2025 sank die Zahl der Industriebeschäftigten auf nur noch 6,6 Millionen – den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung gingen allein in den vergangenen sechs Jahren rund 420.000 Industriearbeitsplätze verloren. Der Anteil der Industrie an der Gesamtbeschäftigung fiel von 22 Prozent im Jahr 2014 auf nur noch 19 Prozent im Jahr 2024.

Mit dem Rückgang der Industrie schrumpft zugleich ihr Beitrag zur Kaufkraft. Der Lohnvorsprung der Branche gegenüber anderen Wirtschaftszweigen hat sich bei den Einstiegsgehältern innerhalb eines Jahrzehnts halbiert – von 20 auf 10 Prozent. Damit verliert ausgerechnet jener Sektor an Bedeutung, der lange zu den wichtigsten Trägern der privaten Konsumnachfrage zählte.

Bemerkenswert ist dabei die Art des Beschäftigungsabbaus. „Der Stellenabbau findet nicht durch große Entlassungswellen, sondern eher schleichend statt", erklärt Luisa Kunze von der Bertelsmann-Stiftung. Viele Unternehmen stellen seltener neu ein oder verzichten darauf, frei werdende Stellen nachzubesetzen. Entsprechend sank die Zahl der Online-Stellenausschreibungen in der Industrie binnen sechs Jahren um rund 161.000.

Auch das Beschäftigungsbarometer des ifo-Instituts bestätigt diesen Trend. Es fiel im Juni 2026 um 1,6 Punkte auf 92,3 Zähler und damit auf einen der niedrigsten Werte seit der Corona-Pandemie. „Der Arbeitsmarkt bleibt schwach. Von einer nachhaltigen Belebung der Beschäftigung ist Deutschland derzeit noch weit entfernt", sagte ifo-Experte Klaus Wohlrabe.

Als Ursachen nennen Unternehmen hohe Arbeitskosten, Steuern und Bürokratie, den Strukturwandel der Automobilindustrie, den wachsenden Wettbewerbsdruck chinesischer Hersteller sowie die Belastungen durch neue US-Zölle. Gleichzeitig entstehen in anderen Bereichen neue Arbeitsplätze: Das Baugewerbe gewann innerhalb der vergangenen zehn Jahre rund 80.000 Beschäftigte hinzu, die Informations- und Kommunikationsbranche rund 70.000. Auch im Gesundheits- und Pflegebereich wächst die Beschäftigung weiter.

Für den Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist vor allem die hohe Investitionsunsicherheit das zentrale Problem. „Die Unsicherheit ist im Moment massiv hoch, und das hält Investitionen zurück." Aus nachfrageorientierter Sicht liegt die Ursache jedoch nicht allein in steigenden Kosten, sondern vor allem in fehlender Planungssicherheit über die künftige Nachfrage. Unternehmen investieren nur dann in neue Kapazitäten, wenn sie auch mit verlässlichen Absatzperspektiven rechnen können. Weber spricht deshalb von einer „Erneuerungskrise": Die Deindustrialisierung verlaufe schleichend und lasse sich nur durch neue Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und zukunftsfähige Industrien aufhalten.

Der Fall Volkswagen als Belastungsprobe

Kaum ein Unternehmen steht derzeit so exemplarisch für die Anpassungsprobleme der deutschen Industrie wie Volkswagen. Der weltweit zweitgrößte Autobauer plant, die Produktion an vier Werken einzustellen und weltweit bis zu 100.000 Stellen abzubauen – eines der größten Restrukturierungsprogramme der Unternehmensgeschichte.

Dabei galt der im Dezember 2024 erzielte Kompromiss zwischen Konzern und Gewerkschaften bereits als historisch. Damals einigte man sich auf den Abbau von 35.000 Stellen bis 2030 und konnte Werksschließungen in Deutschland noch vermeiden. Doch die Rahmenbedingungen haben sich seither weiter verschlechtert. Steigende Energiekosten, neue US-Zölle und die schwächere Nachfrage in China zwangen den Konzern zunächst dazu, sein Sparziel auf 50.000 Stellen anzuheben. Inzwischen gilt selbst diese Marke offenbar nicht mehr als ausreichend.

Die Probleme reichen jedoch tiefer als die aktuelle Konjunkturschwäche. Chinesische Hersteller haben bei Elektrofahrzeugen technologisch aufgeholt und profitieren zugleich von umfangreichen staatlichen Subventionen sowie niedrigeren Produktionskosten. Hinzu kommt, dass sich die Nachfrage verändert hat: Für viele Käufer sind Software, digitale Dienste und Fahrerassistenzsysteme heute wichtiger als klassische Ingenieurskunst.

Volkswagen ist dabei allerdings kein repräsentativer Durchschnittsfall. Die Schwierigkeiten des Konzerns wurden durch strategische Fehlentscheidungen zusätzlich verschärft. Zwar leitete VW nach dem Dieselskandal 2015 früh den Wandel zur Elektromobilität ein, doch wichtige Modelle kamen verspätet auf den Markt. Gleichzeitig kämpfte der Konzern über Jahre mit Problemen bei der Entwicklung eigener Software.

Auch die Eigentümerstruktur erschwert tiefgreifende Veränderungen. Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte und unterstützte in der Vergangenheit häufig die Position des Betriebsrats, der die Hälfte der Sitze im Aufsichtsrat besetzt. Dieses Modell der paritätischen Mitbestimmung galt lange als Erfolgsfaktor der deutschen Industrie. Nach Einschätzung der Bertelsmann-Stiftung bewährte es sich sowohl in langen Wachstumsphasen als auch während der Corona-Pandemie. In Zeiten tiefgreifender technologischer Umbrüche kann es jedoch notwendige Anpassungen verlangsamen.

Wie groß der Wandel ist, zeigen die Produktionsziele: Vor der Pandemie plante Volkswagen noch mit einer Jahresproduktion von zwölf Millionen Fahrzeugen, künftig sollen die Kapazitäten nur noch bei rund neun Millionen liegen. Betriebsrat und Gewerkschaft kündigten bereits an, Werksschließungen „mit aller Kraft“ verhindern zu wollen. Konzernchef Oliver Blume brachte deshalb ins Spiel, gefährdete Standorte künftig für die Rüstungsindustrie oder andere Fertigungsbereiche zu nutzen. Ob sich solche Konzepte tatsächlich umsetzen lassen, ist bislang offen.

Der Fall Volkswagen reicht damit weit über ein einzelnes Unternehmen hinaus. Er zeigt exemplarisch, vor welcher Herausforderung das deutsche Industriemodell insgesamt steht: Wie lassen sich Wettbewerbsfähigkeit, technologische Erneuerung und sozialpartnerschaftliche Strukturen in einer Zeit tiefgreifender globaler Umbrüche miteinander vereinbaren?

Kostensenkung statt Ausbau: Der Blick der Unternehmen

Eine Befragung von rund 1.000 Industrieunternehmen durch die Unternehmensberatung Horváth und das Handelsblatt bestätigt diesen Trend. Bis 2030 planen 60 Prozent der Unternehmen einen weiteren Stellenabbau. Allein 2026 könnten rund 100.000 Arbeitsplätze wegfallen, nachdem bereits 2025 etwa 120.000 Stellen gestrichen wurden. Besonders betroffen sind die Automobilindustrie, der Maschinenbau und die Bauwirtschaft, in denen jeweils mehr als 30.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.

Entsprechend steht Kostensenkung ganz oben auf der Agenda: 71 Prozent der befragten Vorstände und Geschäftsführer bezeichnen sie als „sehr wichtig“. „Die Kostensenkungsprogramme der letzten Jahre greifen zwar, doch die äußeren Belastungsfaktoren verstärken sich parallel“, sagt Studienleiter Ralf Sauter.

Gleichzeitig verlagern viele Unternehmen ihre Zukunftsinvestitionen zunehmend ins Ausland. Nur noch rund 40 Prozent der Investitionsbudgets fließen nach Deutschland – und dort überwiegend in den Erhalt bestehender Anlagen oder in Automatisierung. Neue Produktionskapazitäten entstehen dagegen vor allem in den USA, China, Indien und Osteuropa. Selbst Forschung und Entwicklung werden verstärkt dort angesiedelt, wo künftig die Nachfrage erwartet wird. „Die Kunden kaufen keine standardisierten Weltprodukte mehr. Sie erwarten Lösungen, die auf lokale Bedürfnisse zugeschnitten sind“, so Sauter. Für den Standort Deutschland bedeutet das den Verlust wichtiger Investitions-, Nachfrage- und Beschäftigungsimpulse.

Als möglicher Ausweg gilt vielen Unternehmen der Verteidigungssektor. Rund jedes vierte Industrieunternehmen prüft den Einstieg oder Ausbau des Rüstungsgeschäfts, besonders in der Metallindustrie (72 Prozent), im Maschinenbau (33 Prozent) und in der Automobilindustrie (38 Prozent). Die Studienautoren dämpfen jedoch die Erwartungen: „Defense wird die deutsche Wirtschaft definitiv nicht retten. Der Markt ist, auch global gesehen, dafür überhaupt nicht groß genug.“

Warum die Industrie volkswirtschaftlich so bedeutsam ist

Gerade vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die langfristige Bedeutung der Industrie. Eine Studie des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu einem klaren Ergebnis: Der häufig beschworene Übergang Deutschlands zu einer reinen Dienstleistungsgesellschaft hat nicht stattgefunden. Gemessen am Anteil am weltweiten Industrieumsatz gehört Deutschland weiterhin zu den vier größten Industriestandorten der Welt – hinter China, den USA und Japan, aber vor allen übrigen EU-Staaten.

Zwar wuchs der Dienstleistungssektor seit der Wiedervereinigung mit einem Produktionsplus von 190 Prozent deutlich stärker als die Industrie (+91 Prozent). Dennoch bleibt das Verarbeitende Gewerbe ein zentraler Pfeiler der Volkswirtschaft. Sein Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung liegt seit rund zwei Jahrzehnten stabil zwischen 19 und 20 Prozent. Zugleich ist die Industrie eng mit anderen Wirtschaftszweigen verflochten: Sie bezieht umfangreiche Vorleistungen aus dem Dienstleistungssektor und schafft dort gleichzeitig selbst Nachfrage.

Besonders groß ist ihre Bedeutung für Einkommen und Kaufkraft. Obwohl nur rund ein Viertel aller Beschäftigten in der Industrie arbeitet, entfielen 2020 rund 30 Prozent der gesamten Arbeitnehmerentgelte auf diesen Sektor. Die Industrie zahlt damit überdurchschnittliche Löhne, die wiederum Konsum und Binnennachfrage stützen. Seit der Wiedervereinigung stieg die Lohnsumme um 56 Prozent, obwohl die Zahl der Beschäftigten gleichzeitig um ein Viertel zurückging – ein Hinweis auf erhebliche Produktivitätsgewinne.

Hinzu kommt die Schlüsselrolle im Außenhandel. Noch immer entfallen 84 Prozent der deutschen Exporte auf industrielle Güter. Über drei Jahrzehnte hinweg lieferte die Industrie – mit Ausnahme weniger Krisenjahre – mehr als 30 Prozent des gesamten deutschen Außenbeitrags. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, weshalb Stellenabbau und Investitionsverlagerungen weit über einzelne Unternehmen hinausreichen: Sie treffen nicht nur einen Wirtschaftszweig, sondern einen der wichtigsten Träger von Wertschöpfung, Beschäftigung, Kaufkraft und Exporten in Deutschland.

Der Staat als letzter Investor

Während die Privatwirtschaft ihre Investitionen zurückfährt, gewinnt der Staat als Investor zunehmend an Bedeutung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stiegen die staatlichen Bruttoinvestitionen 2025 auf 147,5 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 12,3 Prozent beziehungsweise 16,2 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr und dem stärksten Anstieg seit dem Jahr 2000. Bereits in den Jahren zuvor waren die Investitionen deutlich ausgeweitet worden. Im ersten Quartal 2026 verlangsamte sich das Wachstum allerdings auf 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

Getragen wurde der Investitionsschub vor allem von den Ausrüstungsinvestitionen, die um 47,7 Prozent zulegten – insbesondere infolge höherer Beschaffungen für die Bundeswehr. Die Bauinvestitionen wuchsen dagegen mit lediglich 2,0 Prozent deutlich langsamer als in den Vorjahren, während die Ausgaben für Forschung, Entwicklung und Software um 5,2 Prozent stiegen. Insgesamt erhöhte sich der Anteil der Bruttoinvestitionen an den gesamten Staatsausgaben auf 6,5 Prozent, nach 6,1 Prozent im Jahr 2024 und 5,9 Prozent im Jahr 2023. In einer Phase schwacher privater Investitionstätigkeit fließen diese Ausgaben unmittelbar in Aufträge, Einkommen und Nachfrage und stabilisieren damit die Konjunktur.

Trotz des kräftigen Anstiegs investiert der deutsche Staat im internationalen Vergleich weiterhin unterdurchschnittlich. Die öffentlichen Bruttoinvestitionen entsprachen 2025 lediglich 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im Euroraum lag der Durchschnitt bei 3,7 Prozent, in der EU bei 3,9 Prozent. Länder wie Frankreich (4,5 Prozent), Polen (5,4 Prozent) oder Estland (7,6 Prozent) investieren deutlich mehr, während lediglich Irland mit 2,7 Prozent hinter Deutschland liegt.

Gerade weil Unternehmen Investitionen verschieben oder zunehmend ins Ausland verlagern, dürfte der Spielraum für eine aktivere staatliche Investitionspolitik noch längst nicht ausgeschöpft sein. Solange die Privatwirtschaft keine ausreichenden Nachfrage- und Wachstumssignale sieht, bleibt der Staat der wichtigste Stabilisator der deutschen Konjunktur.