Umgekehrte Polarität
Plus zu Minus, Nettoexport zu Nettoimport: Batterien und Handelsbilanzen leben von der Bewegung. Auch zwischen Deutschland und China hat sich viel bewegt. Batterien werden zum Sinnbild der neuen Handelsbeziehung.
Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort, sondern eine Systemfrage. In seiner Kolumne „Kreislauf, Klima, Kapital“ beleuchtet Lukas Poths die Schlüsselindustrien der ökologischen Transformation – von der Energiebranche über Mobilität und Landwirtschaft bis zu den Finanzmärkten.
Jahrzehntelang genoss die deutsche Wirtschaft eine komfortable, scheinbar unumstößliche Gewissheit: Deutschland liefert die hochkomplexen Maschinen, die Premium-Autos und das technologische Know-how – und China liefert billige Konsumgüter und fungiert als „Werkbank der Welt“. Diese Erzählung war das Fundament des deutschen Exportmodells.
Doch ein Blick auf die jüngsten Handelsbilanzen und die tiefgreifenden Erschütterungen in der europäischen Industrie zeigt: Die Verhältnisse haben sich radikal umgekehrt. China erzielt längst Handelsbilanzüberschüsse gegenüber Deutschland. Und Nirgendwo zeigt sich diese Demütigung des einst so stolzen Exportweltmeisters deutlicher als bei einem Grundbauteil der deutschen Energiewende – der Batterie.
Noch zwischen 2020 und 2023 herrschte in Europa Goldgräberstimmung. Der European Green Deal sollte nicht nur das Klima retten, sondern durch eine industriepolitische Kraftanstrengung eine eigene europäische Batterieindustrie aus dem Boden stampfen. Rund zwei Terawattstunden (TWh) Kapazität wurden vollmundig angekündigt. Die Corona-Lockdowns und der Ukraine-Krieg hatten die Verwundbarkeit globaler Lieferketten gnadenlos offengelegt. Die Devise lautete: Unabhängigkeit.
Doch heute, nur wenige Jahre später, sind die Trümmer dieser Strategie unübersehbar. Von den ambitionierten Plänen wird kaum die Hälfte realisiert. Die Gründe für das Batteriebeben sind ein toxischer Mix aus makroökonomischen Verschiebungen und naivem Management: Die gestiegenen Zinsen machten ab 2022 die ohnehin kapitalintensive Finanzierung von Gigafactories in Europa unrentabel. Gleichzeitig brach die Nachfrage nach E-Autos ein. Auch wegen dem Spar-Fetisch der Bundesregierung, die die E-Auto-Subvention strich, um den Haushalt zu konsolidieren.
Das Hauptproblem aber war: Wenn gekauft wurde, dann bei der chinesischen Konkurrenz. Ostasiatische Hersteller hatten sich über Jahre – massiv staatlich gefördert – einen uneinholbaren Vorsprung in der technisch hochkomplexen Zellproduktion erarbeitet. Sie produzieren nicht nur billiger, sondern technologisch überlegen.
Die Folgen spüren wir jetzt im Herzen der deutschen Industrie: Während der einstige Hoffnungsträger Northvolt in die Insolvenz rutschte (an dem VW mit 20 Prozent beteiligt war), baut Volkswagen, unter anderem mangels einer tragfähigen und bezahlbaren E-Auto-Strategie, bis 2030 wohl 100.000 Stellen ab.
Europa: Werkbank der Welt?
Wer nun glaubt, in Europa würden gar keine Batterien gebaut, irrt. Es gibt sie, die überlebenden Gigafactories. Sie stehen vor allem in Nordfrankreich, in Spanien und – als unangefochtener Spitzenreiter – im lange von Viktor Orbán regierten Ungarn. Subventionen, niedrige Strompreise und billige Arbeitskräfte haben diese Standorte zum Rückgrat der europäischen Produktion gemacht.
Doch wem gehören diese Fabriken? Die bittere Wahrheit ist: Europa wurde zur verlängerten Werkbank degradiert. Wir schrauben heute das zusammen, was in Asien erdacht und in Teilen geliefert wird. Ostasiatische Unternehmen – allen voran chinesische Giganten wie CATL, Gotion oder BYD, gefolgt von südkoreanischen Playern – dominieren die europäische Landschaft. Sie stellen zusammen fast 60 Prozent der aktiven und geplanten Kapazität in Europa. Europäische Firmen kommen gerade einmal auf 24 Prozent.
Die technologische Abhängigkeit geht so weit, dass China im Juli 2025 die Technologie für die modernste LFP-Kathode (Lithium-Eisenphosphat) unter Exportkontrolle gestellt hat. Peking diktiert nun die Bedingungen des Technologietransfers.
Der zweite China-Schock und das Ende der Freihandelsillusion
Europa, und insbesondere das exportabhängige Deutschland, haben den „China-Schock 2.0“ bisher nicht verkraftet. Deutschlands jüngste Reformanstrengungen legen sogar nahe, dass dieser ökonomische Konstruktionsfehler von der schwarz-roten Regierung konsequent ausgeblendet wird: Konsolidierung statt Investition, Sozialabbau statt Hebung von Produktivitätspotenzialen. Möglicherweise dämmert es bei ausbleibendem Erfolg, dass der bisherige Umgang mit China und die Außenhandelsstrategie im Allgemeinen langfristig nicht tragbar ist. Die Aktienrente wird China nicht dazu bewegen, neue Verbrenner zu kaufen.
Unter Führung des traditionell protektionistischeren Frankreichs bereitet die EU sich darauf vor, Zölle anzuheben und chinesischen Unternehmen genau das abzuverlangen, was Peking westlichen Autobauern jahrzehntelang aufzwang: Marktzugang nur gegen echten Technologietransfer. Doch dieser Versuch, die eigene Batterieindustrie zu schützen, kommt spät und ist eher defensiv als offensiv ausgerichtet. Die europäischen Autohersteller erkennen erst im Angesicht tiefer Krisen, dass sie die Wertschöpfung der Zellfertigung selbst kontrollieren müssen, um Margen zu retten – VW versucht dies gerade verzweifelt mit der eigenen Tochter PowerCo.
Europa könnte in der Nischenfertigung gewinnen
Ist der Zug für Europa damit komplett abgefahren? Im Massenmarkt für Standard-Autobatterien (Nickeln-Mangan-Kupfer und Lithium-Eisenphosphat; NMC und LFP) lautet die Antwort: vermutlich ja. Wer hier bestehen will, kann China nicht über den Preis schlagen. Doch der Markt differenziert sich aus, und hier liegt Europas ökonomische Chance in drei spezifischen Bereichen:
- Netzspeicher: Der Markt für große Netzspeicher explodiert europaweit, angetrieben durch den Ausbau der Erneuerbaren, mit Wachstumsraten von 40 bis 50 Prozent pro Jahr. Hier ist nicht die maximale Energiedichte der Zelle entscheidend, sondern das System: Steuerungssoftware, Handelsalgorithmen, Kenntnis lokaler Strommärkte. Zudem bieten alternative Battereichemietypen wie Natrium-Ionen hier eine zweite Chance abseits asiatischer LFP-Dominanz.
- Geopolitik und Rüstung: Im Verteidigungsbereich (zum Beispiel bei Drohnen) zwingt die Systemrivalität zu chinafreien Lieferketten. Hier punkten Nischentechnologien wie Lithium-Schwefel – genau jenes Feld, auf das das US-Unternehmen Lyten nach der Übernahme der Northvolt-Werke setzt.
- Der Kreislauf (Recycling): Der strategisch wichtigste Hebel Europas ist der Abfall von heute, der die Rohstoffquelle von morgen ist. Altbatterien sind bereits auf dem Kontinent. Ein EU-Gesetz schreibt vor, dass ab 2031 ein wachsender Teil neuer Batterien aus recyceltem Material bestehen muss. Dass heute noch über 50 Prozent der europäischen Batterie-Abfälle zum Recycling nach Asien verschifft werden, ist ein strategischer Fehler, der bald politisch korrigiert werden dürfte. Echte Rohstoff-Autonomie erreichen wir nur, wenn 100 Prozent des europäischen Batterieschrotts in Europa bleiben und in den Kreislauf zurückgeführt werden.
Die Umkehrung der Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und China ist kein temporärer Ausrutscher, sondern das Resultat knallharter chinesischer Industriepolitik auf der einen und europäischer Freihandels-Lethargie auf der anderen Seite.
Wenn Europa nicht endgültig zur industriellen Peripherie Asiens absteigen will, muss es sich von der Illusion des reinen Freihandels verabschieden. Es braucht Protektionismus dort, wo er strategisch notwendig ist, einen massiven Fokus auf Nischentechnologien und den kompromisslosen Aufbau einer echten, zirkulären Recyclingökonomie. Der Exportweltmeister ist Geschichte. Es braucht eine Neuerfindung.