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Aufgelesen

Die Tyrannei der Eigenverantwortung

| 19. November 2020
Asamishkin - CC BY-SA 4.0, wikimedia.org

Der Philosoph Michael Sandel hat mit „The Tyranny of Merit“ ein wichtiges Buch zur Erklärung der rechtspopulistischen Wut geschrieben. Doch leider fehlt es an einer Kritik der Marktideologie.

Seit rund 40 Jahren werden wir von einer neoliberalen großen Koalition aus Mitte-Rechts- und Mitte-Links-Parteien regiert, die sich entweder abwechseln oder auch formal koalieren. Diese große Koalition trat an, um eine "wahre Leistungsgesellschaft“ zu schaffen, ein System echter „Chancengleichheit“ zu etablieren und alle „Privilegien“ abzubauen. Für Gerhard Schröder hieß „sozial“: „Jeder hat die gleichen Chancen.“

Meritokratie als Patentrezept der großen neoliberalen Koalition

Danach explodierte die Einkommenspolarisierung. Hier, beim neu entstehenden Dienstleistungsproletariat, wuchs die Armut; dort, bei den Hochqualifizierten und den Inhabern von Unternehmen etwa der Exportwirtschaft, stiegen die Einkommen. Obwohl, wie der Harvard-Philosoph Michael Sandel in seinem neuem Buch „The Tyranny of Merit“ (in der deutschen Ausgabe: "Vom Ende des Gemeinwohls") schreibt, doch eigentlich das Gegenteil intendiert war. Jedenfalls wenn wir den Vertretern des Mitte-Links-Lagers, also der neoliberal gewendeten Sozialdemokratie (New Labour, New Democrats, Neue Mitte) Glauben schenken wollen: Bildung bzw. gleiche Bildungschancen für alle galten als der Schlüssel für die Lösung aller sozialen Probleme (S. 96).[1] Jeder sollte aufsteigen – bzw. aufsteigen „können“. Noch 2016 meinte Hillary Clinton (S. 71), sie habe „die Ungleichheit satt“, weshalb die Anstrengungen zur Etablierung einer „wahrhaften Meritokratie“ weiter forciert werden müssten.

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