Deutschlands Außenhandel im Zangengriff
Die deutschen Exporte geraten in den USA und China unter Druck, während chinesische Waren nach Europa drängen. Was wie eine Konjunkturflaute aussieht, könnte sich als historischer Wendepunkt für das deutsche Exportmodell erweisen.
- Drastischer Rückgang der deutschen Exporte in die USA und nach China im ersten Quartal 2026
- Strukturelle Verschiebung: China als wachsendes Importherkunftsland, schwindend als Absatzmarkt
- Zentrale Befunde der CER-Studie „China-Schock 2.0": Ursachen, Ausmaß, sektorale Folgen
- Neue US-Zolldrohungen gegen die EU
- Deindustrialisierungsrisiko für Deutschland, insbesondere für Automobilstandorte wie Wolfsburg und Stuttgart
- Reformdebatte: Infrastrukturfonds, Schuldenbremse und EU-Finanzmarktunion als politische Antworten
Das erste Quartal 2026 liefert ein ernüchterndes Bild des deutschen China-Geschäfts. Zwar blieb China mit einem Handelsvolumen von 61,5 Milliarden Euro Deutschlands wichtigster Handelspartner, knapp vor den USA (60 Milliarden Euro) und den Niederlanden (52,8 Milliarden Euro). Doch hinter dieser Spitzenposition verbirgt sich eine zunehmend unausgewogene Beziehung.
Denn die deutschen Exporte nach China brachen um 12,5 Prozent auf nur noch 18 Milliarden Euro ein. Damit rutschte die Volksrepublik bei den wichtigsten Abnehmern deutscher Waren bereits auf Rang neun ab. „Im Gesamtjahr könnte China sogar aus den Top Ten herausfallen“, warnt GTAI-Expertin Christina Otte. Als Ursachen nennt sie die schwache Binnennachfrage, die anhaltende Immobilienkrise, den demografischen Wandel und geopolitische Unsicherheiten wie den Iran-Konflikt. Tatsächlich reichen die Ursachen jedoch noch tiefer.
Während deutsche Exporte schwächeln, nimmt der Zustrom chinesischer Waren weiter zu. Die Importe aus China stiegen im ersten Quartal um 6,4 Prozent auf 43,5 Milliarden Euro. Nach Einschätzung von Otte dürfte die Bedeutung Chinas als Lieferant weiter wachsen – auch weil chinesische Elektroautohersteller von der neuen deutschen E-Auto-Förderung profitieren könnten. Parallel dazu legten die chinesischen Direktinvestitionen in Europa das zweite Jahr in Folge zu und erreichten 2025 den höchsten Stand seit 2018. Nach Daten von MERICS und der Rhodium Group entfiel inzwischen rund ein Viertel aller chinesischen Auslandsinvestitionen auf die EU und Großbritannien.
Einbruch im US-Geschäft
Auch der über Jahrzehnte verlässliche Exportüberschuss Deutschlands mit den Vereinigten Staaten beginnt zu bröckeln. Im ersten Quartal 2026 erzielte Deutschland laut Statistischem Bundesamt (Destatis) im Warenhandel mit den USA noch einen Überschuss von 12,4 Milliarden Euro – ein Rückgang um 30,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, als noch 17,8 Milliarden Euro zu Buche standen. Die Exporte in die Vereinigten Staaten sanken um 12,1 Prozent auf 36,2 Milliarden Euro, während die Importe aus den USA leicht um 1,9 Prozent auf 23,8 Milliarden Euro zunahmen.
Besonders hart traf es die deutsche Schlüsselindustrie. Die Ausfuhren von Kraftfahrzeugen und Kfz-Teilen brachen um 28,4 Prozent auf 6,5 Milliarden Euro ein, während die entsprechenden Importe aus den USA um 13,2 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro stiegen. Noch drastischer fiel der Einbruch bei Elektroautos aus: Hier sackten die Exporte um 65,7 Prozent ab.
Aber auch in anderen traditionell starken Branchen schrumpften die deutschen Überschüsse. Bei Maschinen verringerte sich der Saldo um 4,8 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro, bei pharmazeutischen Erzeugnissen um 18,7 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro und bei elektrischen Ausrüstungen um 5,3 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro.
Auslöser dieser Entwicklung sind vor allem die hohen US-Einfuhrzölle auf europäische Fahrzeuge, die Washington 2025 eingeführt hatte. Sie treffen ausgerechnet jene Industriezweige, die lange zu den wichtigsten Pfeilern des deutschen Exportmodells gehörten.
Neue Zolldrohungen aus Washington
Die handelspolitischen Spannungen mit den USA könnten sich zudem weiter verschärfen. Anfang Juni 2026 kündigte das Büro des US-Handelsbeauftragten an, zusätzliche Zölle von zehn bis 12,5 Prozent gegen 60 Volkswirtschaften zu prüfen, darunter die Europäische Union, Großbritannien, die Schweiz, Kanada und China. Der Vorwurf: Die betroffenen Staaten hätten nicht ausreichend verhindert, dass unter Einsatz von Zwangsarbeit hergestellte Waren in ihre Lieferketten gelangen.
Für die EU und Kanada sind Zusatzzölle von zehn Prozent vorgesehen, für weitere 45 Staaten – darunter China, Indien, Japan und Südkorea – sogar 12,5 Prozent. Noch handelt es sich nicht um eine endgültige Entscheidung. Bis zum 6. Juli können Einwände eingereicht werden, für den 7. Juli ist eine Anhörung angesetzt.
Die EU und die Bundesregierung wiesen die Vorwürfe scharf zurück. Der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europäischen Parlament, Bernd Lange, bezeichnete die Anschuldigungen als „schlichtweg aus der Luft gegriffen“ und verwies darauf, dass die EU 2024 die weltweit strengsten Vorschriften gegen Produkte aus Zwangsarbeit verabschiedet habe. Auch die EU-Kommission erklärte die Vorwürfe für haltlos und bekräftigte zugleich ihr Festhalten am bestehenden Handelsabkommen mit den USA.
China-Schock 2.0: Bilanz einer Studie
Dass die Probleme des deutschen Außenhandels weit über eine vorübergehende Konjunkturschwäche hinausgehen, zeigt eine umfassende Analyse des Centre for European Reform (CER) mit dem Titel „China-Schock 2.0: Die Kosten deutscher Nachlässigkeit“. Die Studie zeichnet das Bild einer Wirtschaft, die nicht nur unter aktuellen Krisen leidet, sondern zunehmend mit strukturellen Verschiebungen im Welthandel konfrontiert ist.
Demnach liegt die deutsche Wirtschaftsleistung inzwischen rund sechs Prozent unter dem Wachstumspfad, der vor der Pandemie erwartet worden war – ein Rückstand, den die Autoren mit den wirtschaftlichen Folgen des Brexits für Großbritannien vergleichen. Die Industrieproduktion befindet sich seit sechs Jahren im Abwärtstrend, während sich auch der private Konsum bislang nicht vollständig vom Krisenjahrzehnt erholt hat.
Eine Bloomberg-Analyse aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass rund 40 Prozent dieses Wachstumsrückstands auf verlorene Exportmärkte zurückzuführen sind. Weitere 40 Prozent entfallen auf die höheren Energiepreise infolge der Energiekrise, die restlichen 20 Prozent auf Faktoren wie schwache Binnennachfrage, Bürokratie und andere strukturelle Belastungen.
Besonders bemerkenswert ist dabei der zeitliche Zusammenhang: Der kumulierte Schaden durch sinkende Nettoexporte beläuft sich seit Ende 2023 auf rund drei Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts – und entstand nicht während der Pandemie oder der Energiekrise, sondern erst danach. Besonders stark betroffen sind jene Industriezweige, die in direkter Konkurrenz zu chinesischen Exporten stehen. Sie verzeichneten im Vergleich zu anderen Branchen überdurchschnittliche Produktions- und Marktanteilsverluste.
Die drei Treiber des Schocks
Die Studie identifiziert drei strukturelle Faktoren, die den „China-Schock 2.0“ antreiben und ihn von einer gewöhnlichen Konjunkturschwäche unterscheiden.
Erstens leidet China unter einer chronisch schwachen Binnennachfrage. Eine außergewöhnlich hohe Sparquote trifft auf vergleichsweise niedrige Haushaltseinkommen. Das frühere Ventil dieser Schieflage – der Immobilienboom – ist versiegt. Sinkende Hauspreise, lückenhafte Rentensysteme und hohe private Vorsorgekosten für Gesundheit halten die Sparquote hoch und den Konsum niedrig. Das bremst die Nachfrage nach deutschen Exportgütern, erklärt die Entwicklung jedoch nur teilweise.
Zweitens setzt Peking auf eine massive industriepolitische Offensive. Der Internationale Währungsfonds beziffert die staatlichen Subventionen in strategischen Branchen auf 4,4 Prozent des chinesischen BIP beziehungsweise rund 800 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das entspricht einem Vielfachen dessen, was die europäischen Staaten derzeit zusätzlich für ihre Aufrüstung auszugeben planen. Nach Berechnungen der OECD erhalten chinesische Hersteller Förderungen, die das Drei- bis Neunfache des Niveaus in entwickelten Volkswirtschaften erreichen. Da die Inlandsnachfrage die entstehenden Überkapazitäten nicht aufnehmen kann, werden diese zunehmend auf die Weltmärkte exportiert.
Drittens profitiert die chinesische Industrie von einem künstlich niedrigen Wechselkurs. Der IWF schätzt den Renminbi derzeit als rund 16 Prozent unterbewertet ein. Die Autoren der Studie halten eine deutlich stärkere Unterbewertung für möglich. Sie verweisen darauf, dass China 2022 die Berechnung seines Leistungsbilanzüberschusses änderte und Umsätze ausländischer Unternehmen innerhalb Chinas nun statistisch anders erfasst. Auf Basis von Zolldaten kommen sie zu dem Schluss, dass der tatsächliche chinesische Leistungsbilanzüberschuss bei mehr als fünf Prozent des BIP liegen könnte. Dies würde auf eine Unterbewertung des Renminbi von rund 30 Prozent hindeuten.
Sektorale Bedrohung: Vom Auto bis zum Flugzeug
Die Folgen für deutsche Schlüsselbranchen sind bereits deutlich sichtbar. Nach Berechnungen von Jürgen Matthes vom IW Köln hingen auf dem Höhepunkt des China-Booms im Jahr 2021 rund 1,1 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der chinesischen Endnachfrage ab – knapp 2,5 Prozent der gesamten Beschäftigung in Deutschland. Seither ist der Anteil der deutschen Exporte nach China am BIP um mehr als 40 Prozent gesunken. Rechnerisch entspricht dies dem Wegfall von mehr als 400.000 exportabhängigen Arbeitsplätzen.
Besonders angespannt ist die Lage in der Automobilindustrie. China verfügt inzwischen über Produktionskapazitäten von rund 55 Millionen Fahrzeugen pro Jahr – das entspricht etwa 65 Prozent der weltweiten Nachfrage. Bei Elektrofahrzeugen übersteigt die Kapazität von mindestens 25 Millionen Einheiten den heimischen Absatz bei weitem. Da der US-Markt durch 100-Prozent-Zölle für chinesische Fahrzeuge weitgehend verschlossen ist und China selbst nur noch rund zwei Prozent seines 25-Millionen-Marktes importiert, konkurrieren deutsche und chinesische Hersteller faktisch um den verbleibenden Weltmarkt von rund 50 Millionen Fahrzeugen. Davon kontrolliert China bereits etwa ein Fünftel.
Ähnliche Entwicklungen zeigen sich im Maschinenbau. Seit Mitte 2025 importiert Deutschland erstmals mehr Investitionsgüter aus China als umgekehrt – ein symbolträchtiger Wendepunkt. Selbst im Flugzeugbau, einer der letzten verbliebenen Exportdomänen Europas, sind die deutschen Ausfuhren nach China gegenüber ihrem Höchststand um 50 Prozent zurückgegangen, nachdem Airbus wesentliche Teile seiner Produktion nach Tianjin verlagert hat. Auch bei Zukunftsindustrien wie Windkraft, Batterietechnik und Gebäudedämmung gewinnt China kontinuierlich Marktanteile, während die chinesischen Importe in diesen Bereichen rückläufig sind.
Wie weitreichend die Folgen sein könnten, zeigt ein Bericht des französischen Planungsamts aus dem Jahr 2026. Demnach könnte der chinesische Wettbewerbsdruck mittelfristig bis zu 55 Prozent der europäischen Industrieproduktion betreffen – in Frankreich 35 Prozent, in Deutschland sogar 70 Prozent. Goldman Sachs schätzt zudem, dass der chinesische Exportboom das deutsche Wirtschaftswachstum bis 2029 jährlich um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte mindern könnte.
Berlins Zögern und die Forderung nach Kurswechsel
Entsprechend kritisch fällt das Urteil der CER-Studie über die deutsche China-Politik aus. Statt dem wachsenden Wettbewerbsdruck aus China entschlossen entgegenzutreten, habe Berlin in Brüssel und im Kreis der G7 häufig bremsend gewirkt – und damit letztlich auch den Interessen der eigenen Industrie geschadet. Nach Einschätzung der Autoren habe Paris die Belange deutscher Hersteller in internationalen Foren mitunter entschlossener vertreten als die Bundesregierung selbst.
Das CER plädiert daher für einen Strategiewechsel. Berlin solle gemeinsam mit Paris darauf drängen, dass der Internationale Währungsfonds und die G7 Chinas unterbewerteten Wechselkurs sowie dessen exportgetriebenes Wirtschaftsmodell stärker in den Fokus nehmen. Gleichzeitig brauche die EU wirksamere handelspolitische Instrumente, die nicht nur einzelne Produkte, sondern ganze Branchen schützen können. Das bisherige System produktspezifischer Schutzmaßnahmen greife zu kurz: Trotz zahlreicher Eingriffe wächst Chinas Handelsüberschuss gegenüber der EU weiter um rund 30 Prozent pro Jahr.
Wie groß der internationale Handlungsdruck inzwischen ist, zeigen die Reaktionen anderer Staaten. In 52 der 70 größten Volkswirtschaften wurden 2025 neue Handelsschutzmaßnahmen gegen chinesische Importe eingeleitet. Gleichzeitig könnten nach Schätzungen der Studie bis 2030 bis zu 650 Milliarden US-Dollar an Wirtschaftsleistung in den entwickelten Volkswirtschaften gefährdet sein – das entspricht rund zwölf Prozent der Fertigungsexporte der G7 –, sofern China seine Marktanteile weiterhin in ähnlichem Tempo ausbaut.
Investitionsfonds mit Anlaufschwierigkeiten
Mit der Aufgabe der Schuldenbremse hat die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz einen tiefgreifenden wirtschaftspolitischen Kurswechsel eingeleitet. Ein 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturfonds sowie Verteidigungsausgaben von mehr als 750 Milliarden Euro bis 2030 sollen die Konjunktur stützen. Nach Einschätzung des Finanzministeriums würde Deutschland ohne diesen fiskalischen Impuls sein prognostiziertes Wachstum von 0,5 Prozent nicht erreichen und 2027 vermutlich in der Stagnation verharren.
Allerdings stockt die Umsetzung. Im vergangenen Jahr wurden lediglich 74 Prozent der Mittel aus dem Sonderfonds abgerufen, wodurch die Regierung ihr Investitionsziel um 13 Milliarden Euro verfehlte. Bis Ende April 2026 waren erst 11,2 der vorgesehenen 40 Milliarden Euro des Jahresbudgets ausgegeben – knapp 28 Prozent und damit weniger als geplant. Dabei wären gerade öffentliche Investitionen wichtig, um die schwache Binnennachfrage zu stützen und zusätzliche Kaufkraft in die Wirtschaft zu bringen.
Finanzminister Lars Klingbeil prüft deshalb ein „Bonus-Malus-System“, das Ministerien bei einer zu langsamen Mittelverwendung mit Budgetsperren belegen könnte. Die Beschleunigung der Investitionen habe für das Finanzministerium inzwischen höchste Priorität.
Der strukturelle Befund
Nach Einschätzung des CER steht Deutschland vor einer Herausforderung, die sich mit klassischen wirtschaftspolitischen Rezepten nur begrenzt lösen lässt. Das traditionelle Anpassungsmodell – wonach Handelsungleichgewichte über Währungsaufwertungen oder sinkende Wettbewerbsfähigkeit korrigiert werden – greift im Fall Chinas kaum. Peking hält seine Währung künstlich schwach und stützt die Industrie mit umfangreichen Subventionen.
Auch Chinas neuer Fünfjahresplan für 2026 bis 2030 signalisiert keinen Kurswechsel. Technologische Eigenständigkeit und der Ausbau industrieller Kapazitäten haben weiterhin Vorrang vor einer Stärkung des privaten Konsums. Mit schwacher Binnennachfrage, Problemen im Immobiliensektor und einer unterbewerteten Währung dürfte China der Weltwirtschaft auch künftig Nachfrage entziehen.
Für Deutschland wächst damit der Druck auf das exportorientierte Geschäftsmodell. Gleichzeitig verschärfen neue Zolldrohungen aus Washington die Lage. Die deutsche Exportwirtschaft gerät damit zunehmend von zwei Seiten unter Druck.