Makroskop
Kreislauf, Klima, Kapital

What the frack?

| 04. Juni 2026

Seit dem Iran-Krieg wird Fracking in Deutschland wieder populär – zumindest erhofft sich das die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Warum das sinnvoll sein kann und was das über die Energiepolitik der Bundesregierung aussagt. 

Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort, sondern eine Systemfrage. In seiner Kolumne „Kreislauf, Klima, Kapital“ beleuchtet Lukas Poths die Schlüsselindustrien der ökologischen Transformation – von der Energiebranche über Mobilität und Landwirtschaft bis zu den Finanzmärkten.

Die Rufe nach strategischer Unabhängigkeit werden normalerweise begleitet von dem Verweis auf erneuerbare Energien. Und das auch zurecht. Sie sind regenerativ und haben geringe Grenzkosten, was sie bei passender Systemintegration zur primären Energiequelle in einer klimaneutralen Energiearchitektur macht.

Doch mittlerweile ist bekannt, dass dieser Übergang stockt. Teils wegen physikalisch-technischen Zwängen, teils wegen politischer Fehlentscheidungen. Das gerne benutzte Argument der Energiewende-Gegner: Erneuerbare sind zu volatil und machen das System teuer. Im Kern haben sie auch einen Punkt. Denn ein elementarer Kostenbestandteil der Energie aus Wind und PV ist der sogenannte Redispatch. Dabei werden Kraftwerke abgeregelt, wenn sie so viel Strom produzieren, dass das Netz sie nicht aufnehmen kann. Strom wird also verschwendet und Kraftwerksbetreiber dafür von öffentlicher Seite entschädigt.  

Hier greift ein aktueller Vorstoß der Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Sie will die Redispatchkosten auf die Energieerzeuger umlegen, was Investitionen in neue Anlagen weniger attraktiv macht. Folglich läuft die Erneuerbaren-Branche Sturm gegen die neuen Gesetze. Die Verantwortung wird, geht es nach Reiche, weg von den Netzbetreibern mit ihren verschleppten Investitionen und hin zu den Kraftwerksbetreibern verschoben. Ein Muster, das sich bei der Ministerin durchzieht: Alles steht unter dem Primat der Kosteneinsparung.

Um Redispatch und Systemkosten zu senken, werden mangels Alternativen also Gaskraftwerke benötigt. Und deshalb auch das teure Betriebsmittel Erdgas. Dieses treibt den Strompreis durch das Merit-Order-Prinzip noch mehr als es die Systemkosten tun. Der deutsche Strompreis besteht nachweislich zuerst aus der Beschaffung, danach aus den Netzentgelten. Und zwar seit 2022.

Um die Brückentechnologie Gaskraft etwas günstiger zu machen, bringt die Friedrich-Naumann-Stiftung jetzt wieder Fracking ins Spiel – was nach den LNG-Deals mit den USA implizit ad acta gelegt wurde. Die verschärfte Rhetorik aus dem Weißen Haus lässt jetzt aber europaweit die Warnlichter angehen. Ob die EU weiterhin auf das gnädige Wohlwollen des US-Präsidenten setzen kann, wissen inzwischen selbst die eingefleischtesten Transatlantiker nicht mehr.

Auf heimische Gasförderung zu setzen, wäre geopolitisch also opportun. Diese Tatsache wiederum ist ein Zeugnis verfehlter Politik.

Warum wir ernsthaft über Fracking sprechen (müssen)

Grundsätzlich gilt: Klimatechnisch gesehen sind die besten fossilen Energieträger diejenigen, die man im Boden lässt. Dort gebundener Kohlenstoff hat keine relevanten Auswirkungen auf das Klima. Der in der Luft sehr wohl.[1] Wenn man nun aber die über Jahrmillionen entstandenen Kohlenstoffverbindungen im Boden unbedingt aufspalten muss, um eine auf dieser Energie basierende Volkswirtschaft zu erhalten, nimmt man besser Erdgas als Kohle oder Öl. Es setzt bei gleichem Energieaufkommen weniger CO2 frei.

Um das Ziel des Kohleausstiegs 2038 nicht zu gefährden, muss die wegfallende Energie substituiert werden. Theoretisch ist das über Erneuerbare und Power-to-X plus entsprechende Netz- und Speicherinfrastruktur machbar. Doch während der Zubau von Erzeugungskapazitäten schon Anfang der 2000er begann und unter Robert Habeck wieder zunahm, hielt der Netzausbau nicht Schritt. Für die Netzbetreiber fallen hier hohe Investitionskosten an, die sich ohne die passenden Rahmenbedingungen am Energiemarkt nicht rechnen. In dieser streng regulierten Branche wäre der Staat als Gestalter gefragt.

Doch just in der Phase, als Infrastrukturinvestitionen zum Nullzins finanziert werden konnten, erhob Deutschland die Schwarze Null zum informellen Staatsziel. Sowohl Reiche als auch Habeck erbten wegen dieser Vernachlässigungen eine schwere Last, weshalb beide auch nicht vollumfänglich für den energetischen Zustand des Landes verantwortlich gemacht werden können. Und so rückt das skeptisch beäugte Fracking in Deutschland wieder in den öffentlichen Fokus.

Was man sich vom Fracking versprechen kann

Natürlich gibt es ob der Umweltverträglichkeit von Fracking Bedenken. Insbesondere die Entsorgung der Frac-Fluide an der Oberfläche und der extrem hohe Wasserverbrauch schlagen zu Buche. Die Studie der Naumann-Stiftung sieht das wenig überraschend anders. Als profilierter Autor zeichnet Hans-Joachim Kümpel verantwortlich. Der promovierte Geophysiker war Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und spricht sich seit längerem für Fracking in Deutschland aus. Die Risiken seien unter strengen Umweltschutzauflagen sehr beherrschbar und stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen der 15 bis 20 Milliarden Kubikme­ter Erdgas pro Jahr (Schätzung der Studie), die gefördert werden können. Verbraucht werden in Deutschland etwa 80 Milliarden Kubikmeter.

Zwar ist es nach letzter Einschätzung des Umweltbundesamts (UBA) nicht nötig, das Fracking-Verbot in Paragraf 13a des Wasserhaushaltsgesetzes aufzuheben und die nicht vermeidbaren Restrisiken einzugehen, die bei jedem Bohrborhaben anfallen. Doch dieses Gutachten datiert auf den neunten Dezember 2022 und preist eine sichere Gasversorgung aus US-Importen ein. Diese Sicherheit gibt es unter Trump nicht mehr.

Ein wesentlich gewichtigeres Argument des UBA ist der grundsätzliche Vorbehalt gegen neue fossile Infrastruktur. Die Position von 2022 stand noch unter dem Zeichen der wesentlich ambitionierteren Klimapolitik unter der Ampel-Regierung. Man nahm an, dass „durch den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien, der Transformation in den Anwendungsbereichen Gebäude und Industrie sowie dem[sic!] Ausstieg aus der Gasverstromung bis 2035“ Gasverbrauch und -preis sinken würden. Weder der Iran-Krieg noch die Rückabwicklung diverser Ampel-Gesetze waren in diesem Szenario vorgesehen.

Fracking-Diskussion: Symptom des Politikversagens

Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn das Verhalten vor allem der Union lässt darauf schließen, dass nicht die Energiewende, sondern die Profilierung der Partei im Vordergrund steht. Unverständlich bleibt Reiches Einknicken vor der BILD. Indem man das ursprünglich ja von der Union stammende „Heizungsgesetz“ fetischisierte und die nach IEA-Standards erforderliche Erneuerbaren-Quote für neue Heizungen strich, fiel man einer Versuchung anheim, die man gerne beim politischen Gegner sucht: ideologischer Politik.

Das ist in Ordnung. Jede Partei hat eine eigene politische Ideologie. Einen Komplex tiefer Überzeugung, der das eigene Handeln leitet. In der politischen Lösungsfindung soll Ideologie aber nicht als Werkzeug konkreter Gestaltung dienen, sondern als Ausgangspunkt programmatischer Aushandlungen.

Will heißen: Versteht man Reiches neues Gebäudemodernisierungsgesetz als ideologisch motivierte Antwort auf ihren Amtsvorgänger, müssen auch andere Vorhaben skeptisch beäugt werden. Ist der Redispatch-Vorbehalt aus dem Netzpaket wirklich pragmatische Kosteneffizienz oder nur Vorwand, um Herkulesaufgaben wie den Netzausbau nicht angehen zu müssen? Setzt die Regierung auf mehr Backup-Energie aus Erdgas, um nicht in Lastflexibilitäten investieren zu müssen? Verhindert man die Strompreiszonenteilung auf Kosten des Gesamtsystems, um Ausbau-Verweigerer aus CDU/CSU-Kernländern wie Bayern oder NRW weiter über die einheitliche Strompreiszone zu subventionieren?  

Reiches Energiepolitik zu verteidigen, fällt immer schwerer. Sie ist mit der Reputation einer Gas-Lobbyistin angetreten. Und auch wenn Teile ihrer politischen Akte (etwa der Fokus auf präzise und effiziente Investitionssteuerung) verdienstvoll sind, kann sie Zweifel an ihrer Integrität nicht zerstreuen. Indem sie auf Kürzungen pocht, tut die CDU ihrer Ministerin aber auch keinen Gefallen. Ihr Ressort hat nun mal einen hohen Finanzierungsbedarf, der auch aus jahrelanger Investitionsverschleppung resultiert.

Daher ist der plötzliche Bedarf an heimischem Fracking – ob gewollt oder ungewollt – das Ergebnis von Zögerlichkeit und unproduktiven Grabenkämpfen. Um Abhängigkeiten zu verringern und Emissionen aus LNG-Transporten zu vermeiden, kann es sinnvoll sein, Fracking-Vorhaben zu prüfen und das Verbot zu streichen. Das wird seine Zeit dauern.

In dieser Zeit gilt: Investments in Netzausbau und Lastflexibilität erhöhen und Verbraucher entlasten, statt auf die wissenschaftlichen Probebohrungen zu warten. Bis man sich über konkrete Frackingprojekte einig ist, braucht es davon wahrscheinlich schon deutlich weniger.

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[1] Was ich hier bewusst betone. Die Studienlage, nach der hohe CO2-Konzentrationen in der Luft über einen erhöhten Strahlungsantrieb der Sonne für Erwärmung sorgen, ist eindeutig. Inzwischen hört man immer wieder das Argument „Das ist aber gut für die Pflanzen“, um den Treibhausgasausstoß zu relativieren. Und das stimmt. Leider ist der Mensch keine Pflanze. Er kann sich nicht über Kohlenstoffabscheidung aus der Luft selbst erhalten. Also braucht er ein intaktes für ihn angemessenes Ökosystem, das Nahrung bereitstellt. Dieses wird aber durch zu schnelle Erwärmung durcheinandergewirbelt und passt sich eventuell anders an, als es für uns vorteilhaft wäre.