Makroskop
Mefo-Wechsel

Krieg und Kapital: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

| 11. Juni 2026

Die Nationalsozialisten finanzierten die militärische Aufrüstung mit sogenannten Mefo-Wechseln. Heute werden im Zuge der Zeitenwende andere Mechanismen angewandt. 

Als Hjalmar Schacht Mitte der 1930er Jahre die sogenannten Mefo-Wechsel entwickelte, löste er ein Problem, das Regierungen seit jeher beschäftigt: Wie finanziert man eine militärische Aufrüstung, wenn die verfügbaren Haushaltsmittel nicht ausreichen? Die Antwort lautete damals wie heute: Wenn der politische Wille vorhanden ist, findet sich ein Weg.

Die Geschichte der Kriegsfinanzierung ist daher weniger eine Geschichte fehlenden Geldes als eine Geschichte fiskalischer Kreativität. Ob Schattenhaushalte, Sondervermögen, Kreditgarantien oder außerbudgetäre Fonds – Staaten haben immer wieder Wege gefunden, militärische Prioritäten gegen bestehende finanzielle Beschränkungen durchzusetzen.

Die aktuelle Debatte um Schuldenbremse, Sondervermögen und Verteidigungsausgaben ist deshalb weniger neu, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Der Mythos vom NS-Wirtschaftswunder

Bis heute hält sich die Vorstellung, die Nationalsozialisten hätten Deutschland durch eine findige Beschäftigungspolitik aus der Weltwirtschaftskrise geführt. Die historische Forschung zeichnet inzwischen ein deutlich differenzierteres Bild.

Der Machtübertragung an die Nationalsozialisten ging die Deflationspolitik Heinrich Brünings voraus. Durch Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen und sinkende Einkommen verschärfte die Regierung die Krise zusätzlich. Die Arbeitslosigkeit stieg auf Rekordwerte. Gleichzeitig setzte jedoch bereits ab 1932 eine wirtschaftliche Erholung ein. Die Wirtschaft verfügte nach Jahren von Firmenzusammenbrüchen und Massenarbeitslosigkeit über erhebliche ungenutzte Kapazitäten.

Auch die Nachfolgeregierungen unter Franz von Papen und Kurt von Schleicher setzten bereits erste binnenwirtschaftliche Impulse. Die Nationalsozialisten trafen daher keineswegs auf eine Wirtschaft, die sich weiterhin im freien Fall befand.

Dennoch machten sie die Überwindung der Arbeitslosigkeit zu einem zentralen Bestandteil ihrer Propaganda. Tatsächlich waren die bekannten Beschäftigungsprogramme deutlich kleiner, als die spätere Legendenbildung nahelegt. Straßen- und Wohnungsbau beschäftigten nur einen vergleichsweise begrenzten Teil der Erwerbslosen und dienten vielfach militärischen und strategischen Zwecken.

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze argumentiert deshalb, dass für das Regime weniger die Arbeitslosenzahlen als vielmehr die Devisenknappheit, die außenwirtschaftliche Lage und vor allem die Finanzierung der Aufrüstung die entscheidenden wirtschaftspolitischen Größen waren.

Auch die von den Nationalsozialisten 1936 verkündete Vollbeschäftigung bedarf einer differenzierten Betrachtung. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit war real, beruhte jedoch nicht allein auf einer erfolgreichen Beschäftigungspolitik. Zur wirtschaftlichen Erholung kamen die massive Ausweitung der Rüstungsproduktion, der Reichsarbeitsdienst sowie die wachsende Einziehung junger Männer in die Wehrmacht hinzu. Gleichzeitig wurden Juden und andere vom Regime ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen zunehmend aus dem regulären Arbeitsmarkt verdrängt, sodass die offiziellen Arbeitslosenzahlen die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse nur eingeschränkt widerspiegelten.

Die eigentliche Priorität des Regimes lag ohnehin woanders: in der militärischen Aufrüstung.

Die Erfindung der Mefo-Wechsel

Dafür benötigte das Regime gewaltige Finanzmittel. Gleichzeitig sollten die Ausgaben weder offen sichtbar sein noch die Reichsfinanzen unmittelbar belasten.

Die Lösung hieß Mefo-Wechsel, eine Idee des Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht.

1933 wurde die Metallurgische Forschungsgesellschaft mbH (Mefo) gegründet. Offiziell handelte es sich um ein Unternehmen der Privatwirtschaft, hinter der die vier führenden deutschen Industriekonzerne Siemens, Gutehoffnungshütte, Krupp und Rheinmetall standen. Tatsächlich bestand ihre Geschäftsführung aus Vertretern des Reichswirtschaftsministeriums und der Reichsbank.

Forschung betrieb sie trotz ihres Namens nie. Ihr einziger Zweck bestand darin, Wechsel für staatliche Rüstungsaufträge auszugeben. Die beteiligten Unternehmen konnten diese Wechsel bei Banken diskontieren und erhielten sofort Liquidität. Da die Reichsbank für die Papiere garantierte, galten sie als praktisch risikolos.

Die Bereitschaft der Banken war daher äußerst groß, sie in ihre Bilanz aufzunehmen – und diese auch aufgrund der stattlichen Verzinsung von vier Prozent zu halten. Auf diese Weise entstanden zwischen 1934 und 1938 Mefo-Wechsel im Umfang von rund zwölf Milliarden Reichsmark. Sie finanzierten nahezu die Hälfte der damaligen Rüstungsausgaben.

Ökonomisch betrachtet handelte es sich um einen Schattenhaushalt. Die Aufrüstung wurde kreditfinanziert, ohne unmittelbar im offiziellen Staatshaushalt aufzutauchen.

Sondervermögen statt Mefo-Wechsel

Heute heißen die Instrumente anders. 2022 beschloss die Bundesregierung das Sondervermögen Bundeswehr im Umfang von 100 Milliarden Euro. 2025 folgte das Sondervermögen Infrastruktur und Klima mit weiteren 500 Milliarden Euro.

Natürlich sind diese Konstruktionen weder geheim noch mit den Mefo-Wechseln gleichzusetzen. Doch sie folgen einer ähnlichen Logik: Politisch gewünschte Ausgaben werden von den normalen fiskalischen Restriktionen getrennt.

Bemerkenswert ist dabei, dass dieselbe Schuldenbremse, die Investitionen in Bildung, Infrastruktur oder soziale Leistungen regelmäßig begrenzt, bei militärischen Ausgaben erstaunlich flexibel interpretiert wird. Die Geschichte zeigt: Wenn politische Prioritäten ausreichend stark sind, sind finanzielle Restriktionen selten ein Hindernis.

Allerdings zeigt die Praxis auch die Grenzen solcher Konstruktionen. Das Sondervermögen Bundeswehr ist bereits heute von Verzögerungen, Kapazitätsengpässen und bürokratischen Hürden geprägt. Der Bundesrechnungshof spricht von einem Auszahlungsstau, das Institut der deutschen Wirtschaft gar von einem „Verschiebebahnhof“.

Auch die konjunkturellen Effekte bleiben umstritten. Werden Sondervermögen vor allem genutzt, um Löcher im Kernhaushalt zu stopfen, statt zusätzliche Investitionen auszulösen, verpufft der gewünschte Wachstumsimpuls weitgehend. Die Schulden bleiben, die wirtschaftliche Dynamik ist abgeschwächt.

Kriegskeynesianismus als Missverständnis

Manche Beobachter sprechen deshalb von einem neuen Kriegskeynesianismus. Doch das greift zu kurz.

John Maynard Keynes entwickelte seine Theorie nicht, um Aufrüstung zu fördern. Zwar machte er während des Zweiten Weltkriegs Vorschläge zur Finanzierung der britischen Verteidigung. Grundsätzlich zielte seine Theorie jedoch auf produktive zivile Investitionen und Vollbeschäftigung.

Auch aktuelle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass soziale, infrastrukturelle und ökologische Investitionen deutlich stärkere Wachstumswirkungen entfalten als militärische Ausgaben. Die Ökonomen Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk weisen darauf hin, dass eine dauerhafte Verlagerung staatlicher Mittel in den Rüstungssektor das langfristige Wachstum sogar schwächen kann.

Der Grund ist einfach: Panzer, Raketen und Munition erzeugen keine zukünftigen Produktionskapazitäten. Sie schaffen keine zusätzliche Infrastruktur, keine bessere Bildung und keine höhere Produktivität.

Die Geschichte der Mefo-Wechsel und die heutigen Debatten über Sondervermögen führen zu einer finanzpolitischen Erkenntnis: Staaten scheitern bei der Aufrüstung selten am Geld. Wenn Regierungen militärische Prioritäten setzen, finden sie Wege, finanzielle Restriktionen zu umgehen – sei es über Schattenhaushalte, Sondervermögen oder andere Konstruktionen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob sich Aufrüstung finanzieren lässt, sondern welche Investitionen dadurch verdrängt werden – und welche Vorstellung von gesellschaftlicher Entwicklung dahintersteht.