Wie lange noch reicht das Öl?
Die OECD-Staaten verfügen Ende 2026 noch über Ölreserven für 50 Tage. Doch ein großer Teil der Bestände ist faktisch unantastbar, die US-Reserven schrumpfen und die Straße von Hormus bleibt ein geopolitisches Pulverfass.
Die angespannte Lage an den Ölmärkten schien sich zuletzt abzukühlen. Nachdem der Ölpreis für Brent-Futures nach ersten Panikreaktionen im März auf bis zu 126 US-Dollar pro Barrel (circa 159 Liter) angestiegen ist, hat er sich im Juni bei etwa 91 bis 95 US-Dollar pro Fass eingependelt. Das ist immer noch deutlich höher als vor dem Irankrieg und der Schließung der Straße von Hormus. Aber die Preiskurs ist dennoch zuletzt aufgrund regulativer Eingriffe abgeflacht:
Die 12-Uhr-Regelung an den Tankstellen ist zwar gefloppt – laut einer ZEW-Studie hat sie die Preise nicht gesenkt, wohingegen die Margen der Tankstellenbetreiber um circa 6 Cent angestiegen sind. Jedoch kommt aktuell laut des ifo-Tankrabatt-Trackers ein Großteil der Entlastung von 17 Cent pro Liter an der Zapfsäule an: Zwischen dem siebten und neunten Juni wurden 70,6 Prozent bei Diesel, 82 Prozent bei Super E10 und sogar 100 Prozent bei Super E10 weitergegeben.
Und auch die Freigabe der strategischen Ölreserven durch den Erdölbevorratungsverband Mitte März hat zur Preissenkung beigetragen. Da der Nahe Osten circa 6,1 Prozent der deutschen Rohölimporte ausmacht, deckten die freigegebenen 400.000 Tonnen Rohöl 89,5 des regulären monatlichen Importbedarfs für 2024 aus dieser Region ab.
50 Tage sind nicht 50 Tage
Eine Prognose der U.S. Energy Information Administration (EIA) vom 9. Juni sorgt deshalb für besondere Aufmerksamkeit. Demnach könnten die kommerziellen Ölreserven der OECD-Staaten bis Ende 2026 auf nur noch rund 50 Versorgungstage schrumpfen – den niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2003. Voraussetzung ist allerdings, dass die Straße von Hormus bereits Anfang Juli wieder für den Öltransport geöffnet wird.
Ob es dazu kommt, ist derzeit aufgrund der verworrenen Verhandlungen im Irankrieg weitestgehend offen. Zudem markiert die Zahl von 50 Tagen keineswegs eine komfortable Sicherheitsreserve. Die globale Ölwirtschaft benötigt Mindestbestände, um Förderketten, Transporte und Raffinerien funktionsfähig zu halten. Sinken die Lagerbestände in die Nähe dieses operativen Minimums, wächst das Risiko von Versorgungsengpässen und Preissprüngen erheblich.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Um den Druck in den Pipelines aufrechtzuerhalten und den Ölfluss durch die Infrastruktur zu ermöglichen, ist eine "Systemfüllung" beziehungsweise ein "Bodensatz" innerhalb des Systems notwendig. Ohne ihn können Pipelines nicht pumpen und Raffinerien den Betrieb nicht aufrechterhalten. Die kommerziellen Ölbestände lassen sich also nicht vollkommen erschöpfen. Bereits bevor das System leer ist, ist ein Rückgriff auf staatliche Notreserven erforderlich. Die tatsächliche Pufferzone ist also kleiner, als die nackte Zahl vermuten lässt.
Bei den Berechnungen der EIA handelt es sich zudem lediglich um einen Mittelwert aller OECD-Mitgliedsstaaten. Unter ihnen variiert sowohl die Ölnachfrage als auch das operative Minimum nach Ländern und Regionen teils stark. Welches Land wann und wo den "Bodensatz" der kommerziellen Lagerbestände erreicht, hängt wesentlich von drei Faktoren ab: der Abhängigkeit vom Nahen Osten, eigenen Förderkapazitäten und der geographischen Lage (Küste versus Binnenland).
Während asiatische Staaten wie Japan und Südkorea über 70 Prozent ihrer Öllieferungen aus dem Nahen Osten importieren, sind die USA und Kanada durch ihre starke Binnenproduktion weitestgehend unabhängig von der Drosselung aus dem Nahen Osten.
Im Falle Deutschlands kann man von einem Nord-Süd- und einem Ost-West-Gefälle sprechen: Nord- und Westdeutschland sind durch Tiefseehäfen und westliche Pipelines flexibel an den Atlantikmarkt angebunden. Süddeutschland hingegen hängt an der Ölleitung aus Triest. Hier schlagen blockierte Importe aus der Golfregion stärker durch. Ostdeutschland wiederum ist nach dem Verzicht auf russisches Öl logistisch eingeschränkt. Die Region ist maßgeblich auf die Pipeline aus Rostock angewiesen und stößt bei globalen Engpässen schneller als andere Regionen an seine Grenzen.
Doppelte politische Abhängigkeit von den USA
Noch tragen die USA wesentlich dazu bei, die globalen Öl-Lieferketten aufrechtzuerhalten und Preise zu dämpfen. Die EIA prognostiziert, dass die Vereinigten Staaten im zweiten Quartal und dritten Quartal 2026 jeweils rund eine Millionen Barrel pro Tag aus ihren strategischen Erdölreserven für den eigenen Bedarf und zum Export entziehen.
Der Gesamtbestand der US-Notreserven wird durch diese Zugriffe von 413,5 Millionen Barrel (Ende 2025) auf voraussichtlich 236,3 Millionen Barrel (Ende 2026) sinken – also um etwa 43 Prozent. Würde das für das dritte Quartal 2026 prognostizierte Entnahmetempo beibehalten, wären die Ende 2026 verbleibenden Reserven rechnerisch nach etwas mehr als acht Monaten aufgebraucht.
Doch je leerer die unterirdischen Kavernen werden, in denen die Ölreserven lagern, desto geringer wird der geologische Druck. Die maximale tägliche Förderrate nimmt ab, je tiefer der Füllstand sinkt. Die Ölnachfrage muss also bereits früher gedrosselt werden, weil immer weniger Öl aus den Reserven gewonnen werden kann. Aufgrund der Knappheit steigen die Ölpreise schon lange bevor die Kavernen leer sind.
Deutschland würde eine Störung der Öltransporte am Persischen Golf weniger stark treffen als viele seiner europäischen Nachbarn. Nur 6,1 Prozent der deutschen Rohölimporte kamen 2025 laut Statistischen Bundesamt aus dem Nahen Osten. Zusätzliche Lieferungen aus den USA könnten die wegfallenden Mengen zwar nur begrenzt ersetzen – insbesondere in Süd- und Ostdeutschland. Sie würden jedoch das globale Angebot erhöhen und damit den Preisdruck auf den europäischen Energiemärkten abmildern.
Wie lange die USA die globale Ölversorgung durch zusätzliche Exporte stabilisieren können, hängt zudem nicht allein von ihrer Förderkapazität ab. Die amerikanische Politik beeinflusst den Ölmarkt auf zwei Ebenen.
Erstens über die Exportpolitik. Sollten die Vereinigten Staaten 2026 oder 2027 aus Gründen der nationalen Sicherheit oder wegen stark steigender Energiepreise im Inland ihre Ölexporte begrenzen oder auf weitere Freigaben strategischer Reserven verzichten, würde ein wichtiger Stabilisierungsmechanismus des Weltmarktes wegfallen.
Zweitens über die Außen- und Kriegspolitik. Der Konflikt mit dem Iran wirkt direkt auf das globale Ölangebot. Gelingt es, die Spannungen abzubauen und die Straße von Hormus dauerhaft für den Schiffsverkehr offen zu halten, könnten wieder deutlich größere Mengen Öl auf den Weltmarkt gelangen. Damit würde zugleich die Bedeutung amerikanischer Zusatzexporte als Puffer gegen Versorgungsengpässe sinken.