Makroskop
10 Jahre Brexit

Eine Zeitenwende, die keine Rückkehr kennt

| 25. Juni 2026
IMAGO / Ikon Images

Bereuen die Briten den Brexit? Die Realität ist komplexer. Das Land tief gespalten: Der Wunsch nach Stabilität kollidiert mit der strikten Ablehnung globaler Institutionen und dem Beharren auf nationaler Selbstbestimmung.

„Zeitenwende" ist zum Modebegriff geworden — doch auf den Brexit trifft er zu. Es gibt die Zeit vor dem 23. Juni 2016 und die Zeit danach. Es ist die Zeit des demokratischen Aufbegehrens von unten – oder des Populismus, wie manche es nennen.

Begonnen hat diese Ära mit einem Knall – in den frühen Morgenstunden des 24. Juni 2016. Was sich in jenen Stunden abspielte, schildert der britische Journalist Ross Clark so:

„Um 4.30 Uhr morgens richtete sich David Dimbleby in seinem Stuhl im BBC-Studio auf und verkündete: ‚Das britische Volk hat gesprochen, und die Antwort ist eindeutig: Wir treten aus.‘ Der FTSE stürzte innerhalb weniger Minuten um 12,5 Prozent ab. Die Barclays Bank verlor 35 Prozent. Eine halbe Stunde später trat Premierminister David Cameron zurück, und Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, kündigte an, 250 Milliarden Pfund an Notfallmitteln bereitzustellen. So begann die Erzählung, dass Großbritannien sich selbst geschadet habe – dass es sich zu einer verarmten, isolierten Zukunft verdammt habe, während der Rest Europas ohne es auf dem Weg zum Wohlstand voranschreite.“

Die Erzählung, die nicht stirbt

Diese Erzählung steckt bis heute in den Köpfen fast aller namhaften deutschen Kommentatoren. Sozialisiert mit dem Mantra, die EU sei das Beste, was Europa seit dem Zweiten Weltkrieg widerfahren sei, sahen sie im Votum ein Beispiel für die Unzuverlässigkeit — wenn nicht gar Dummheit — jener Wähler, die nicht wussten, was sie taten.

Schon am Tag nach der Abstimmung war von Reue die Rede. „Katerstimmung bei den Briten. Auf #Brexit folgt #Bregret", titelte der Spiegel am 25. Juni 2016. Am 17. November 2022 hieß es: „Immer mehr Briten halten den Brexit für falsch.“ Und zum zehnten Jahrestag nun (in der Welt): „Europäische Union: Die Briten möchten zurück.“

Bisher ließen sich solche Behauptungen durch Wahlergebnisse widerlegen. Seit 2016 konnte kein britischer Politiker auf Mehrheiten hoffen, ohne das Brexit-Votum ausdrücklich zu respektieren. Boris Johnson gewann die Wahl im Dezember 2019 mit dem Slogan „Get Brexit done“. Der glücklose Keir Starmer musste vor dem Wahlkampf 2024 — vor allem in den alten Labour-Hochburgen im Norden des Landes — garantieren, dass der Brexit in seinen Händen sicher sei. Und auch sein voraussichtlicher Nachfolger, Andy Burnham, gab bekannt, dass er nicht versuchen werde, das Land in die EU zurückzuführen.

Hat sich die Stimmung gedreht?

Hat sich die Stimmung nun, pünktlich zum zehnten Jahrestag, vielleicht doch erstmals gedreht? Umfragen wie die YouGov-Erhebung „Best for Britain“ vom April scheinen dies nahezulegen: Von 4.368 Befragten sprachen sich 53 Prozent für einen Wiedereintritt in die EU aus.

Doch Umfragen zur Brexit-Frage waren von Anfang an unzuverlässig. Hätte man 2016 den Instituten geglaubt, wäre weder der Brexit gekommen noch die Wahl Donald Trumps: Die meisten sahen damals die „Remain“-Seite vorn und Hillary Clinton auf dem Weg ins Präsidentenamt. So groß war der Schock der verlorenen Abstimmung, so ungewiss der Ausgang eines neuen Referendums, dass selbst die EU-affine Labour-Regierung bislang vor einem erneuten Volksvotum zurückschreckt.

Aufschlussreicher als die Frage nach dem Wiedereintritt ist ohnehin, was die Befragten als eigentliche Ursache der britischen Misere benennen. Hier zeigt sich ein anderes Bild: 48 Prozent nannten die britische Einwanderungspolitik, 40 Prozent die Wahl der Labour-Regierung 2024 — und erst an dritter Stelle, mit 37 Prozent, tauchte der EU-Austritt auf. Die Sehnsucht nach Europa, so sie denn existiert, ist offenbar weit weniger tief verwurzelt als die Unzufriedenheit mit der eigenen politischen Klasse.

Kein Zurück – aber wohin dann?

Wie auch immer die genauen Mehrheitsverhältnisse nach zehn Jahren aussehen: Ein Zurück in die ersehnten Vor-Brexit-Zeiten wird es nicht geben. Der Brexit war keine Fehlentwicklung, die nun zu korrigieren wäre. Er markierte den Beginn einer Ära: der Ära des Widerspruchs gegen eine technokratische Politik alter Eliten, die immer mehr Entscheidungen auf globale Institutionen übertrug und die Debatte mit dem eigenen Wahlvolk sträflich vernachlässigte.

Mit dem Brexit zeigten Millionen Briten ihre Bereitschaft, sich von ihren herkömmlichen Politikern abzuwenden und sich, wie der britische Soziologe Frank Furedi schreibt, einer neuen Weltanschauung zuzuwenden. Wo die Politik etwa den Multikulturalismus predigte, fordern jene die Kontrolle über die eigenen Grenzen zurück. Und wo jene nationale Gesetze dem Diktat Brüssels unterwerfen wollten, bestand die andere Seite darauf, dass Recht dort gemacht werden müsse, wo es gilt — im eigenen Parlament, durch national gewählte Vertreter.

Diese Wählerschaft hat auch zehn Jahre später nichts an Entschlossenheit eingebüßt, wie die jüngsten Kommunalwahlen im Mai zeigten, die den etablierten Parteien empfindliche Niederlagen brachten. Politiker wie Andy Burnham, die zuletzt um Mehrheiten kämpften, müssen sich vom Ton der Technokraten und der eigenen Parteielite distanzieren. Burnham, der „König des Nordens“, tat genau das und gewann nicht zuletzt deshalb die Nachwahl in Makerfiel.

Die Lage Großbritanniens – und die Ablenkung durch den Brexit

Die bedrängte Labour-Regierung hat es in zwei Jahren nicht geschafft, das Vertrauen der Wähler zu gewinnen. Burnham, nach dem Rücktritt Starmers voraussichtlich der neue Premier, sprach von der „letzten Chance seiner Partei“.

Das liegt zum einen an den wirtschaftlichen Problemen, mit denen Großbritannien zu kämpfen hat. Dazu gehören die klammen Staatskassen (die Staatsverschuldung lag 2025 bei über 94 Prozent des Bruttoinlandsprodukts), die hohe Jugendarbeitslosigkeit – fast eine Million 16- bis 24-Jährige sind weder in Ausbildung noch in Arbeit (200.000 mehr als 2020) – sowie die hohen Energiekosten und das relativ schwache Wachstum.

Eines der Kernprobleme, die 2016 zum Brexit führten, ist die Abhängigkeit der Wirtschaft von der Migration. Diese Abhängigkeit geht auf größere strukturelle Probleme der britischen Wirtschaft zurück. Gerade für viele Gewerkschafter und die Brexit-Unterstützer innerhalb der Labour-Partei galt der gemeinsame Markt als ein Projekt, das darauf ausgelegt war, billige Arbeitskräfte über nationale Grenzen hinweg zu verlagern. Mit der massenhaften Arbeitsmigration wurden Löhne gedrückt und die Ausbildung der eigenen Jugend vernachlässigt.

Doch statt abzunehmen, ist die Nettomigration nach dem Brexit weiter gestiegen – vor allem unter der Tory-Regierung, die mit dem Motto „Global Britain" warb. Sie erreichte 2023 mit über 900.000 ihren bisherigen Höchststand und lag 2025 mit fast 200.000 immer noch hoch (wobei der Regierung Starmer vor allem vorgeworfen wurde, die illegale Migration von mehreren Zehntausenden, die in kleinen Booten über den Ärmelkanal flüchteten, nicht unter Kontrolle gebracht zu haben).

Die strukturellen Probleme, die keine Regierung bisher entschlossen angehen konnte oder wollte, sind spürbar: Eine Analyse des Centre for Social Justice zeigt, dass die Zahl der jungen Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern seit 2020 um rund 290.000 gestiegen ist, die Zahl der jungen britischen Staatsangehörigen in Beschäftigung jedoch nur um 11.000 zugenommen hat.

In Ermangelung überzeugender Ideen und Konzepte, diente der Brexit der Regierung Starmer als Sündenbock. Die Botschaft des scheidenden Premiers lautete: Großbritannien müsse sich wieder enger an den EU-Markt anschließen. Diskutiert wurden ein „gemeinsamer Raum für Gesundheits- und Pflanzenschutzmaßnahmen“ – was die Übernahme zahlreicher EU-Vorschriften erfordern würde. Auch von einem „Mobilitätsprogramm für junge Menschen“ war die Rede, das jedoch, wie viele befürchteten, voraussichtlich erneut zu steigender Zuwanderung führen und so den Druck auf Wohnraum und andere Sozialleistungen (etwa das Gesundheitswesen) verstärken würde. Die Zeitschrift The Spectator monierte: Mit jeder neuen Konzession werde die Rechtfertigung für den Brexit weiter untergraben.

Die wenigsten Briten dürften etwas gegen den Abbau von Handelsbarrieren und Bürokratie einzuwenden haben. Doch sobald EU-Regeln im Zuge einer erneuten Annäherung verbindlich werden, schwindet die Zustimmung. Denn damit kehren unweigerlich die alten Fragen zurück: Wie viele Gesetze und Vorschriften werden wieder auf EU-Ebene übertragen – von der CO₂-Bepreisung bis zur Steuerung der Einwanderung im Rahmen des Mobilitätsprogramms? Spätestens dann wird sich zeigen, dass die Mehrheit der Briten, die für ihre Souveränität und das Primat nationaler Gesetzgebung eingetreten ist, sich nicht erneut binden lassen wird.

Das stärkste Pro-Brexit-Argument: die EU selbst

Das gewichtigste Argument gegen eine Rückkehr liefert die EU selbst. Auch sie ist nicht mehr dieselbe Organisation, die die Briten vor zehn Jahren verlassen haben. Die tiefen wirtschaftlichen und politischen Krisen, die die Gemeinschaft seither kennzeichnen — nicht zuletzt ihre zunehmende Irrelevanz in geopolitischen Konflikten —, haben sie nicht attraktiver gemacht.

Die Lage Großbritanniens ist nicht gut. Aber die Prophezeiungen der Brexit-Gegner, das Land werde steil absteigen, während sich die EU prächtig entwickle, haben sich nicht bewahrheitet. „Ihre Kristallkugel muss wohl einen Fehler gehabt haben“, scherzt Ross Clark.

Als Anfang 2024 die Wachstumszahlen für 2023 bekannt wurden, war nicht Großbritannien das Schlusslicht – sondern Deutschland, dessen Wirtschaft um 0,3 Prozent geschrumpft war. Auch 2025 ließ Großbritannien die drei größten Volkswirtschaften der Eurozone hinter sich: Das britische BIP wuchs um 1,3 Prozent, das deutsche nur um 0,2 Prozent, das französische um 0,9 Prozent. Und auch wenn viele meinen, die Chancen des Brexit seien politisch nicht ausgeschöpft worden – immerhin gibt es neue Handelsabkommen mit Australien, Neuseeland und Indien.

Fazit: Das Ende der Technokratie

Der Brexit war nie nur eine Wirtschaftsfrage. Er war von Anfang an Ausdruck einer Überzeugung: dass die Briten in der Lage sind, selbst über eine Politik zu urteilen, die sie betrifft. Und dass sie nicht länger bereit sind, sich dem Rat von Experten zu fügen, die für sich beansprucht, die komplexen Zusammenhänge der Welt besser zu verstehen als der Wähler.

Er mag nicht im Sinne aller ausgegangen sein. Und für viele ist immer noch keine Partei in Sicht, die die Interessen der Arbeiter und Arbeitslosen gerade in den nördlichen Regionen glaubhaft vertreten kann. Eins aber ist sicher: Die Zeit der Technokraten ist vorbei.