Deutsche Exportüberschüsse: technologie- oder lohnbedingt?
Deutschlands Exportüberschüsse gelten vielen als Beleg für die technologische Überlegenheit und Innovationskraft der heimischen Unternehmen. Doch empirische Befunde zeichnen ein anderes Bild: Nicht technologische Überlegenheit, sondern die Lohnpolitik seit Beginn der Währungsunion liefert die überzeugendere Erklärung.
Wie schon oft auf MAKROSKOP beschrieben, setzte Deutschland Anfang der 2000er Jahre unter politischem Druck auf die Tarifpartner auf eine Strategie der anhaltenden Lohnzurückhaltung, um seine preisliche Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Europäischen Währungsunion und weltweit zu steigern. Die im März 2003 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder in der „Agenda 2010“ angekündigten und anschließend umgesetzten Maßnahmen trugen zu einem deutlich gedämpften Anstieg der deutschen Arbeitskosten und damit zu einem raschen Exportwachstum bei.
Ein zusätzlicher exportfördernder Impuls ging von der Einführung der gemeinsamen europäischen Währung aus. Vor der Einführung des Euro werteten die „schwächeren“ Währungen der Mitgliedsländer der Region gegenüber der DM bei Bedarf ab, insbesondere die italienische Lira, die wiederholt gegenüber der D-Mark an Wert verlor. Auf diese Weise konnten die Produkte der europäischen Handelspartner Deutschlands in der Zeit vor dem Euro erfolgreich mit deutschen Produkten konkurrieren, auch auf Märkten von Drittländern. Nach der Einführung des Euro wurde die Abwertung einer Währung zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit eines Mitgliedslandes unmöglich. Da gleichzeitig in keinem anderen Mitgliedstaat der Eurozone die Lohnzurückhaltung nach Beginn der Währungsunion so stark war wie in Deutschland, erhielten die deutschen Exporte immensen Auftrieb – auf Kosten anderer Volkswirtschaften der Eurozone, insbesondere Italiens.
Löhne und Lohnstückkosten
Der politische Druck auf die Löhne, der es Deutschland ermöglichte, die anderen Länder der Währungsunion zu unterbieten und sie auf den heimischen Märkten wie auch auf den Weltmärkten zu verdrängen, schlug sich in den Zuwächsen der Nominallöhne und in dem Verlauf der Lohnstückkosten (also der Lohnkosten im Verhältnis zur Arbeitsproduktivität) seit Beginn der Währungsunion nieder. Dies haben insbesondere Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker in zahlreichen Publikationen dokumentiert – hier eine aktuelle Grafik von Heiner Flassbeck aus dem Jahr 2026:
Die in der Abbildung gezeigte Entwicklung der Lohnstückkosten ging mit einer sprunghaften Verbesserung der Leistungsbilanz Deutschlands und einer Verschlechterung der Leistungsbilanz des übrigen Euro-Raums einher. Das heißt, nach 2003 öffnete sich die „Schere“ zwischen dem deutschen Leistungsbilanzüberschuss und den (zusammengefassten) Leistungsbilanzdefiziten der übrigen Länder der Eurozone rasch (Podkaminer 2025).
Nun könnte eingewendet werden, dass es theoretisch auch denkbar wäre, dass die vergleichsweise geringe Zunahme der deutschen Lohnstückkosten nicht auf ein schwaches Lohnwachstum zurückzuführen war, sondern auf eine außergewöhnlich hohe Zunahme der Arbeitsproduktivität. Leon Podkaminer (2022, S. 176) zeigt jedoch, dass in der EA-11 (den elf Gründungsmitgliedern der Eurozone) die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität zwischen 2003 und 2010 – also genau in der Phase, in der Deutschland gegenüber dem übrigen Euroraum einen deutlichen Wettbewerbsvorsprung aufbaute – mit 0,7 Prozent höher lag als in Deutschland, wo sie lediglich 0,5 Prozent erreichte.
Unterschiedliche Interpretation der Leistungsbilanzüberschüsse
Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss gegenüber dem Rest der Welt erreichte in den Jahren 2015 bis 2018 mit jeweils über 8 Prozent des BIP (im Jahr 2016 fast 9 Prozent) sein Maximum, um erst während der Covid-19-Pandemie zurückzugehen. Aber selbst im Jahr 2024 betrug der Überschuss immer noch 5,9 Prozent des BIP (OECD 2026). Das heißt, die deutsche Wirtschaft blieb trotz aller nationalen und internationalen Probleme gegenüber dem Rest der Welt – und ebenso gegenüber ihren Handelspartnern im Euroraum – bemerkenswert wettbewerbsfähig.
Während die hier vertretene Interpretation den starken Anstieg des deutschen Leistungsbilanzüberschusses wesentlich auf die ausgeprägte Lohnmoderation seit Beginn der 2000er Jahre zurückführt, betonen zahlreiche Autoren die Bedeutung anderer Wettbewerbsfaktoren für die deutsche Exportstärke. So schreiben Felbermayr et al. (2017, S. 2): „Lohnzurückhaltung ist kein wesentlicher Faktor für den Überschuss.“ Wie Jan Priewe (2017, S. 9) in seiner kritischen Diskussion dieser Position feststellt, wird häufig die Auffassung vertreten, „dass die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf den Exportmärkten hauptsächlich auf nichtpreislichem Wettbewerb beruht.“ Danach sind die Ursachen der deutschen Exportstärke vor allem in technologischer Leistungsfähigkeit, Innovationskraft, Produktqualität und einer günstigen Spezialisierung auf hochwertige Industrieprodukte zu suchen. In diesem Sinne argumentiert auch Stefan Welzk (2015): „Gewiss beruhen die deutschen Exporterfolge nicht primär auf Niedriglöhnen, sondern auf technischer und logistischer Zuverlässigkeit, hoher Spezialisierung, Qualität und Innovation.“
In diesem Zusammenhang wird häufig darauf verwiesen, dass bereits die frühere Bundesrepublik Deutschland aufgrund ihrer technologisch anspruchsvollen Exportprodukte und ihrer hohen Innovationsfähigkeit über längere Zeiträume Leistungsbilanzüberschüsse erzielte (etwa von 1971 bis 1978 oder von 1982 bis 1990). Dies trifft zweifellos zu. Allerdings bewegten sich diese Überschüsse zumeist in einer Größenordnung von weniger als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und lagen damit deutlich unter den seit Beginn der 2000er Jahre erreichten Werten. Der Hinweis auf die technologische Stärke Deutschlands allein erklärt daher nicht, weshalb der Leistungsbilanzüberschuss nach 2003 auf ein historisch beispielloses Niveau anstieg. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob sich die technologische Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in diesem Zeitraum so stark verbessert hat, dass sie diesen Anstieg erklären kann.
Indikatoren technologischer Neuerungen
Dies soll im Folgenden untersucht werden. Das Problem besteht darin, dass die technologische Innovationsstärke kein direkt beobachtbarer Sachverhalt ist. Die Entstehung technologischer Innovationen wird statistisch nicht systematisch erfasst und kann wohl auch nicht unmittelbar erfasst werden. Man ist also bei einer Messung des technischen Fortschritts auf die Verwendung geeigneter Indikatoren angewiesen. Solche Indikatoren sind beispielsweise die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE), die Zahl der Patentanmeldungen oder -erteilungen, die Zusammenstellung bedeutender Neuerungen („Innovation-Counting-Ansatz“), die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen oder die Zitationshäufigkeit, der Anteil von Hochtechnologieprodukten an den Exporten, Innovationsbefragungen und einiges mehr. Alle diese Messgrößen weisen – zum Teil erhebliche – Schwächen auf, die an dieser Stelle nicht diskutiert werden können (vgl. dazu z.B. Grunert 1991, S. 124ff).
Für internationale Langfristvergleiche bieten sich insbesondere FuE-Aufwendungen sowie triadische Patentfamilien an. Bei den FuE-Ausgaben ergibt sich allerdings das Problem, dass sie ein reiner Inputindikator sind, der nur anzeigt, welche Ressourcen zur Produktion technologischer Innovationen eingesetzt worden sind. Hohe Ausgaben aber garantieren keinen entsprechenden technologischen Output, also tatsächlich hervorgebrachte technische Neuerungen. Bei Patenten ist unter anderem zu beachten, dass nicht jede technische Neuerung zum Patent angemeldet wird und die technische und wirtschaftliche Bedeutung der Erfindungen, die den einzelnen Patenten zugrunde liegen, stark differieren kann. Zudem sind internationale Vergleiche anhand nationaler Patentstatistiken wegen der unterschiedlichen Ausgestaltung des Patentrechts in den einzelnen Ländern problematisch (differierende Anforderungen an eine bestimmte Mindest-Erfindungshöhe, die zur Erlangung eines Patents nicht unterschritten werden darf, etc.).
Diese Schwierigkeiten in der Vergleichbarkeit von Patentdaten lassen sich deutlich reduzieren, wenn man als Indikator statt einfacher Patente sogenannte „triadische Patentfamilien“ verwendet, die von der OECD ermittelt werden.[1] Bei einer triadischen Patentfamilie handelt es sich um eine Gruppe von Patenten, die bei verschiedenen nationalen Patentämtern erfasst wurden, um dieselbe Erfindung zu schützen. Die OECD schreibt:
„Triadische Patentfamilien sind eine Gruppe von Patenten, die bei drei großen Patentämtern – dem Europäischen Patentamt (EPA), dem Japanischen Patentamt (JPO) und dem US-Patent- und Markenamt (USPTO) – angemeldet wurden. Die Anzahl der triadischen Patentfamilien wird dem Wohnsitzland des Erfinders und dem Datum der ersten Patentanmeldung zugeordnet“ (diese und alle folgenden Übersetzungen durch mich, G.G.).
Der große Vorteil besteht darin, dass sich auf diese Weise viele statistische Verzerrungen vermeiden lassen: Unterschiede zwischen nationalen Patentsystemen werden reduziert, Doppelzählungen und rein nationale Schutzrechte ausgeschlossen sowie die Berücksichtigung von Trivialpatenten deutlich verringert. Erfasst werden stattdessen vor allem Erfindungen, deren wirtschaftlicher Wert hoch genug eingeschätzt wird, um den erheblichen Aufwand einer internationalen Patentierung zu rechtfertigen.
Aus diesen Gründen gelten triadische Patentfamilien in der Innovationsforschung als ein besonders hochwertiger und international gut vergleichbarer Indikator technologischer Leistungsfähigkeit.
Was die Messkonzepte anzeigen
Hier stellt sich die Frage, was die beiden Messkonzepte „FuE-Aufwendungen“ und „triadische Patentfamilien“ vorrangig indizieren. Richten sich die Forschungs- und Entwicklungs-Anstrengungen der Unternehmen überwiegend auf die Hervorbringung von Produktinnovationen oder stärker auf neue Prozesstechnologien? Entfällt die Mehrzahl der Patente auf Produkt- oder auf Prozessneuerungen? Was die FuE-Ausgaben betrifft, so sind neue Langzeituntersuchungen zu den genannten Innovationszielen rar. Ältere Studien aus den USA und Deutschland zeigen aber, dass in beiden Ländern im Durchschnitt rund 80 Prozent der FuE-Aufwendungen der Unternehmen auf Produktinnovationen gerichtet waren – mit einigen Unterschieden in den verschiedenen Branchen (vgl. Grunert 1991, S. 149f) Die verfügbaren Hinweise sprechen nicht für eine fundamentale Veränderung dieses Verhältnisses.
Bei den Patenten zeigt sich in älteren Untersuchungen ein ähnliches Bild: In Deutschland lag der Anteil der Produktneuerungen an den gesamten Patentanmeldungen im Zeitraum 1970 bis 1979 bei etwa 80 Prozent (Fels/Schmidt et al. 1980, S. 89). Etwas niedriger war zur etwa gleichen Zeit der Produktanteil in den USA – jedenfalls nach der damals wohl umfangreichsten US-Patent-Auswertung, die F.M. Scherer vorgenommen hatte (mehr als 15.100 Patente). Danach konzentrierten sich in den Jahren 1976/77 gut 76 Prozent der Patente des verarbeitenden Gewerbes auf Produktneuerungen, mithin entfielen nur 24 Prozent auf Prozessinnovationen (Grunert 1991, S. 154; errechnet nach den Daten Scherers).
Neuere Ergebnisse deuten sogar darauf hin, dass die Dominanz der Produktinnovationen eher zu- als abgenommen hat. So setzt Colin Davison (2025) in einer Untersuchung für die USA Techniken des maschinellen Lernens ein, um Patentansprüche als Produkt- oder Prozessinnovationen zu klassifizieren. Ihm zufolge betrug der Prozessanteil im Jahr 1980 noch 26,3 Prozent, um danach in einem „säkularen Rückgang“ auf nur noch 11,7 Prozent im Jahr 2015 zu sinken.
Oft unterschätzt: Produktinnovationen
Aus dieser Dominanz der Produkt- gegenüber den Prozessinnovationen sowohl bei Forschung und Entwicklung als auch bei Patenten ergeben sich zwei wichtige Schlussfolgerungen: Zum einen spielen Produktneuerungen auf nationaler wie auf internationaler Ebene eine wichtige, oft unterschätzte Rolle im Wettbewerb der Unternehmen – insbesondere der Unternehmen in innovativen Branchen mit einem hohen produkttechnologischen Neuerungspotenzial (z.B. der Pharmazeutischen Industrie, der Halbleiterindustrie oder dem Fahrzeugbau). Produktinnovatoren erlangen mit ihren neuartigen Produkten jeweils temporäre technologische Monopolstellungen und profitieren darüber hinaus häufig von bedeutsamen „learning economies“ in der Herstellung ihrer neuen Produkte, die ihnen eine Verlängerung ihres Wettbewerbsvorteils über den Zeitpunkt hinaus ermöglichen, an dem die von ihnen hervorgebrachten Produktinnovationen von Konkurrenten imitiert werden.[2]
Die Vernachlässigung von Produktinnovationen in der ökonomischen Analyse kritisierte bereits Nathan Rosenberg, einer der bedeutendsten Wirtschafts- und Technikhistoriker des 20. Jahrhunderts:
„Der Großteil der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur zum Thema technischer Wandel – sowohl theoretischer als auch empirischer Art – behandelt das Phänomen so, als ob es ausschließlich kostensenkender Natur wäre, das heißt, als ließe sich alles Wesentliche über den technischen Wandel auf die Steigerung des Outputs pro Inputeinheit reduzieren, die er hervorbringt. Technischer Fortschritt wird typischerweise als die Einführung neuer Verfahren betrachtet, die die Produktionskosten eines im Wesentlichen unveränderten Produkts senken. Die Hauptgründe für die Beliebtheit dieses Ansatzes sind wohl folgende: Es handelt sich um eine nützliche Vereinfachung, die es ermöglicht, ein breites Spektrum von Problemen mit einem relativ einfachen analytischen Instrumentarium zu analysieren, und sie erlaubt einen quantitativen Zugang zu unzähligen interessanten wirtschaftlichen Fragestellungen. Gleichzeitig bedeutet jedoch das Ignorieren von Produktinnovationen und qualitativen Verbesserungen bei Produkten, den möglicherweise wichtigsten langfristigen Beitrag des technischen Fortschritts zum menschlichen Wohlergehen außer Acht zu lassen. [...] Produktinnovationen vom technischen Fortschritt auszuschließen, insbesondere wenn wir lange historische Zeiträume betrachten, bedeutet, ‚Hamlet‘ ohne den Prinzen zu spielen“ (Rosenberg 1982, S. 3f).
Die Interaktion von Produkt- und Prozessinnovationen
Gleichwohl dürfen die hohen Anteile, die bei Forschung und Entwicklung sowie bei Patenten auf Produktinnovationen entfallen, nicht zu dem Fehlschluss verleiten, dass Prozessinnovationen im Wettbewerb der Unternehmen von untergeordneter Bedeutung sind. Bei den vorgenommenen Innovationen in den Unternehmen sind Prozessneuerungen mindestens ebenso verbreitet wie neuartige Produkte. Doch die Einführung von Prozessneuerungen basiert in erster Linie auf der Nutzung von im Investitionsgüterbereich erzeugten Produktinnovationen („embodied technological change“). So ist beispielsweise ein neues CNC-Bearbeitungszentrum für das Maschinenbauunternehmen eine Produktinnovation, für den Anwender jedoch die Grundlage einer Prozessinnovation.
Daraus folgt: Technischer Fortschritt entsteht in erheblichem Umfang durch die Entwicklung neuer Produkte, während viele Prozessinnovationen auf der Nutzung vorgelagerter Produktinnovationen aufbauen. FuE- und Patentdaten erfassen damit nicht nur Produktinnovationen, sondern zugleich einen erheblichen Teil jener technologischen Neuerungen, die auf der Anwenderseite als Prozessinnovationen wirksam werden. Genau deshalb können FuE und Patente trotz der erwähnten Einschränkungen als durchaus aussagekräftige Indikatoren technologischer Leistungsfähigkeit insgesamt interpretiert werden. Wir werden in der folgenden Analyse beide Indikatoren nutzen.
Forschungs- und Patentintensitäten und Leistungsbilanz
In Abbildung 2 wird die Entwicklung der Leistungsbilanz Deutschlands (Saldo der Leistungsbilanz in Prozent des Bruttoinlandsprodukts) derjenigen der Forschungsintensität (Forschungs- und Entwicklungsausgaben der Unternehmen in Prozent des BIP) und der Patentaktivitäten (triadische Patentfamilien je 50.000 Einwohner) gegenübergestellt. Auffällig ist der sprunghafte Anstieg des deutschen Leistungsbilanzüberschusses ab 2003/04. Wäre dieser maßgeblich auf einen neu entstandenen technologischen Vorsprung zurückzuführen, wäre zu erwarten, dass sich ein solcher Strukturbruch auch bei den hier verwendeten Innovationsindikatoren erkennen lässt. Dies ist jedoch weder bei einer zeitlich parallelen Betrachtung der Entwicklungen noch unter der Annahme einer um ein bis drei Jahre verzögerten Wirkung (time lag) der Leistungsbilanzreaktion auf die Forschungs- und Patentaktivitäten zu beobachten.
Während die FuE-Intensität der Unternehmen (BERD) über den gesamten Beobachtungszeitraum relativ kontinuierlich zunimmt, steigen die Patentaktivitäten in den 1990er Jahren an, also gerade in dem Zeitraum, in dem Deutschland Leistungsbilanzdefizite aufweist. Sie erreichen im Jahr 2000 ihren Spitzenwert, um danach zu sinken – besonders stark nach dem Jahr 2005, somit genau zu der Zeit, als die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse zu historischen Höchstwerten anzuwachsen begannen.
Fehlende Innovationspeitsche?
Wenn die empirischen Daten überhaupt auf einen Zusammenhang hindeuten, dann eher auf einen anderen Effekt, der Ähnlichkeit mit demjenigen hat, den man insbesondere in den 1950 und 1960er Jahren in Deutschland als „Produktivitätspeitsche“ bezeichnet hat: Ist es in einer Währungsunion wie der EWU nationalen Unternehmen möglich, nicht aufgrund produkt- und/oder prozesstechnologischer Vorsprünge, sondern durch Lohnzurückhaltung im eigenen Land (also sinkende Löhne im Verhältnis zur nationalen Produktivität) ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, dürfte dies tendenziell die nationale Innovationsbereitschaft verringern. Warum sollten sie mit der Hervorbringung von Produktinnovationen oder der Einführung von Prozessinnovationen eine Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit anstreben, wenn sie doch bereits über preisliche Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren Konkurrenten aus den Euro-Partnerländern verfügen? Es fehlt mithin die „Innovationspeitsche“, also der durch höhere Löhne erzeugte Druck auf die Unternehmen, mittels technologischer Neuerungen ihre Wettbewerbsposition gegenüber den ausländischen Konkurrenten zu verbessern.
Mit dieser These wären der anhaltende Rückgang der Patentaktivitäten seit Beginn der 2000er Jahre ebenso vereinbar wie das Anwachsen der Patentintensität in den 1990er Jahren, als Deutschland Leistungsbilanzdefizite und mithin eine relativ schwache internationale Wettbewerbsfähigkeit verzeichnete. Natürlich reichen die hier präsentierten empirischen Befunde nicht aus, um die These einer „Innovationspeitsche“ zu verifizieren. Sie sprechen jedoch gegen die Auffassung, Deutschlands hohe Leistungsbilanzüberschüsse seien in erster Linie Ausdruck eines seit den frühen 2000er Jahren entstandenen technologischen Vorsprungs.
Die deutsche Patentposition im internationalen Vergleich
Nun ließe sich einwenden, dass bislang lediglich die Forschungs- und Patententwicklung Deutschlands untersucht wurde. Es bleibt damit die Frage, wie sich Deutschlands technologische Position im internationalen Vergleich entwickelt hat.
Theoretisch wäre es beispielsweise denkbar, dass der Rückgang der Patentaktivitäten nach der Jahrtausendwende kein spezifisch deutsches, sondern ein globales Phänomen darstellt. Hätten die Patentaktivitäten in allen wichtigen Industrieländern in ähnlichem Umfang abgenommen, könnte dies bedeuten, dass sich die relative Position Deutschlands – gemessen am Anteil an den weltweiten triadischen Patentfamilien – gar nicht verschlechtert oder sogar verbessert hat. Zur Überprüfung dieser Frage werden in Abbildung 3 die Anteile ausgewählter Länder und Ländergruppen an den weltweiten triadischen Patentfamilien (1991 – 2023) dargestellt.
Abbildung 3 zeigt, dass Deutschland seit seinem Höchststand im Jahr 1998 (14,1 Prozent) bis zum Jahr 2023 mehr als die Hälfte seines Anteils an den weltweiten triadischen Patentfamilien verloren hat. Auch die USA und die EU-27 insgesamt verzeichnen im Zeitraum 1991 bis 2023 erhebliche Rückgänge ihrer Anteile an den weltweiten triadischen Patentfamilien. Obwohl ihre absoluten Rückgänge in Prozentpunkten größer ausfallen als in Deutschland, ist der relative Rückgang – bezogen auf den jeweiligen Ausgangswert – in Deutschland deutlich stärker. Für die Eurozone stehen entsprechende Daten leider nicht zur Verfügung.
Japan überholt 1999 zunächst die EU-27 und im Jahr 2000 auch die USA. Seitdem weist Japan den weltweit höchsten Anteil an den triadischen Patentfamilien auf. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der Welt-Patent-Anteile Chinas: Sie sind nahezu kontinuierlich von 0,04 Prozent im Jahr 1991 auf 12 Prozent 2023 gestiegen. Im Jahr 2018 übersteigt Chinas Anteil an den weltweiten triadischen Patentfamilien erstmals den entsprechenden Anteil Deutschlands (China: 8,3 Prozent; Deutschland: 7,4 Prozent).
Für die hier untersuchte Fragestellung ist insbesondere ein Befund von Bedeutung: Auch unter Berücksichtigung der weltweiten Anteile an den triadischen Patentfamilien finden sich keine Anhaltspunkte dafür, dass Deutschland zu Beginn der 2000er Jahre eine verbesserte technologische Wettbewerbsposition erreicht hätte, mit der sich der sprunghafte Anstieg der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse ab 2003/04 erklären ließe. Im Gegenteil: Der deutsche Anteil an den weltweiten triadischen Patentfamilien sank von 11,4 Prozent im Jahr 2003 auf lediglich 6,7 Prozent im Jahr 2023.[3]
Notwendig: ein ausgewogeneres Wachstumsmodell
Technologische Neuerungen in Form von Produkt- und Prozessinnovationen sind ein zentraler Bestimmungsfaktor der internationalen Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, wie an anderer Stelle ausführlich dargelegt wird (Grunert 1991). Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, die sprunghafte Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nach 2003 – sichtbar im starken Anstieg der Leistungsbilanzüberschüsse – auf eine sprunghaft gestiegene technologische Leistungsfähigkeit zurückzuführen.
Die hier vorgenommene empirische Analyse liefert hierfür keine überzeugenden Hinweise. Sie spricht vielmehr für die von Heiner Flassbeck vertretene These, „dass die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse durch Lohndumping zu Beginn der Europäischen Währungsunion entstanden sind.“ Diese Diagnose weist zugleich den Weg aus dem Dilemma: Gefordert ist ein ausgewogeneres Wachstumsmodell in Deutschland – weg von der einseitigen Exportorientierung, hin zu mehr Binnennachfrage. Eine expansive Fiskalpolitik, flankiert von einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik, könnte ein tragfähiges binnenwirtschaftliches Wachstum erzeugen, das längerfristig zu einem Abbau der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse führen würde.
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