Wo der Hausverstand triumphiert, ist die Volkswirtschaft verloren
Was im Privathaushalt vernünftig erscheint, kann eine Volkswirtschaft in die Krise treiben. Warum der gesunde Menschenverstand in der Wirtschaftspolitik oft genau das Gegenteil dessen bewirkt, was er verspricht.
„Wir werden den Menschen etwas abverlangen müssen“. Dieser Satz des Bundesfinanzministers vom vergangenen Wochenende zeigt die Konfusion, die von diesem Land Besitz ergriffen hat, in voller Schönheit. Weil es uns schlecht geht, müssen wir den Gürtel enger schnallen. Der Hausverstand, so nennt man die Logik der schwäbischen Hausfrau in Österreich, hat klare Vorstellungen davon, was in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation zu tun ist. Der Hausverstand sagt dem Familienoberhaupt, dass man nicht darauf warten kann, bis die schwierigen Zeiten vorbei sind, sondern dass man das tun muss, was man als Familie oder als kleines Unternehmen nun einmal tun kann: Den Gürtel enger schnallen und darauf hoffen, dass sich auf diese Weise die Krise aussitzen lässt.
Ich habe schon in meiner letzten Kolumne erklärt, warum die einzelwirtschaftliche Sicht systematisch in die Irre führt, wenn es um volkswirtschaftliche Fragen geht. Wenn alle sich in der Weise anpassen, die der Hausverstand diktiert, konkurrieren sie sich gegenseitig in den Abgrund. Weil die Kosten des Einen die Einnahmen des Anderen sind, führt Kostensenkung bei Haushalten und Unternehmen nicht aus der Krise heraus, sondern direkt hinein. Wenn einer mit dem Sparen anfängt, müssen andere folgen, weil sich ihre Situation als direkte Folge des Sparens des Ersten verschlechtert. Nur Münchhausen kann sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, die Volkswirtschaft kann das nicht.
Aber Münchhausen gewinnt. In jeder Krise verwandelt sich die deutsche Volkswirtschaft in eine gewaltige Ansammlung von Münchhausens, die mit aller Kraft versuchen, sich selbst aus dem Malstrom zu ziehen. Die Regierung, wie könnte es anders sein, geht voran und gibt damit das Signal an alle anderen, die eigene Kraftanstrengung zu einer nationalen Aktion zu machen. Den Unternehmen braucht man das nicht zweimal zu sagen. Mercedes, wie könnte es bei einer Firma im Schwabenland anders sein, wirft in der Krise alle Prinzipien und alle Vereinbarungen mit den Gewerkschaften über Bord und will – ohne jeden Lohnausgleich natürlich – zur 40-Stunden Woche zurück. Lohnkürzung ist die klassische Methode, mit der man schon in den 1930er Jahren die größte Krise des Kapitalismus ausgelöst hat.
Kollektive Unvernunft
Man kann die kollektive Unvernunft nur verstehen, wenn man die Rolle der Medien mit ins Bild nimmt. Gut ausgebildete Journalisten, die Einzelwirtschaft und Gesamtwirtschaft unterscheiden können, gibt es schon lange nicht mehr. Hinzu kommt die fatale Neigung jedes „qualifizierten Journalisten“, wirtschaftliche Themen genau dahin zu verlagern, wo die erfragten Meinungen für jeden verständlich sind, auch wenn sie keinerlei Relevanz haben.
Das 34-Punkte Programm, das die Bundesregierung gerade vorgelegt hat, wurde in den verschiedensten Medien, ganz vorneweg in den öffentlich-rechtlichen Programmen, sofort auf die Mikroebene verlagert und dort „analysiert“. Man fragt einen Bäcker, einen Unternehmer und einen Hausarzt, was sie von den jeweils für sie bedeutsamen Maßnahmen halten. Man bekommt vollkommen irrelevante Antworten, aber das stört niemanden, weil es eine andere Ebene als die des Bäckers ja nicht gibt.
Glänzend hat das in diesen Tagen der einfach alles wissende und alles linke hassende Nikolaus Blome zu Papier gebracht. Unter dem Titel „Neoliberal ist doch nicht tot“ schreibt er im Spiegel:
„Wer sichere Jobs, sichere Renten und eine pünktliche Eisenbahn haben möchte, sollte sich fragen, ob das mit vier oder drei Arbeitstagen besser zu erreichen ist als mit fünf, mit weniger Kosten für die Unternehmen oder mit mehr Kosten? Man sieht, letzte Lehre für heute, das Schöne am Neoliberalismus ist, dass er so einfach zu verstehen ist.“
So einfach ist das. Wie kann man bestreiten, dass weniger Kosten für die Unternehmen etwas Gutes sind? Der Neoliberalismus ist so einfach zu verstehen, weil kein Dummkopf dieser Welt den kleinen geistigen Sprung dahin schafft, zu fragen, welche Einkommen wohl betroffen sind, wenn die Unternehmer die Löhne senken. Und der nächst Schritt ist gar ein wahnsinniger intellektueller Höhenflug, ja schon fast nobelpreisverdächtig: Könnte es sein, dass der von der Senkung Betroffene irgendetwas tut, was die Unternehmer betrifft, also zu Beispiel weniger Güter und Dienste kauft?
Nein, soweit denken können sie mit ihrem einfachen Verstand nicht. Vermutlich würden Blome und Konsorten, wenn sie solch eine Überlegung jemals zur Kenntnis nähmen, sie sogar für „links“ halten.
Die Medien verschlimmern alles
Je mehr die Medien versuchen, Wirtschaft verständlich zu machen, umso mehr geht es in die Irre. Die Volkswirtschaft kann man dummerweise nicht interviewen. Und jede „Einordnung“ von einem journalistischen Einfaltspinsel, der noch nie etwas von Makroökonomik gehört hat, führt weg von der Chance, eine rationale Wirtschaftspolitik zu bekommen. Jedes Statement von einem Bäcker oder einem Handwerker klärt die Zuschauer nicht auf, sondern senkt das Niveau genau dort hin, wo es direkt in den Abgrund geht. Doch wie könnte man in dieser Welt, die Action braucht, bunte Bilder und schnelle Sequenzen, vom Zuschauer verlangen, einmal eine Minute lang auf die Graphik einer Zeitreihe zu schauen, um wirklich etwas zu verstehen?
Noch schlimmer, ja geradezu undenkbar, man würde versuchen, dem Zuschauer zu erklären, dass der Bäcker, der Handwerker oder gar der Vorstand von Mercedes einfach falsch liegen, wenn sie ihre Weltsicht zum Besten geben. Das wäre eine Revolution. Die vielen Blomes dieses Landes würden durchdrehen. Sie würden nichts mehr verstehen und laut über „Kommunismus“ klagen, wie das derzeit Donald Trump vormacht. Wann immer der Konservative geistig überfordert ist, stürzt er sich auf den Kommunismus, weil die Geradlinigkeit seiner Gehirnwindungen nichts anderes zulässt.
Der letzte Versuch
Ja, Blome hat Recht, der Neoliberalismus ist leicht zu verstehen, aber er ist auch der direkte Weg in den Untergang. Weil die große Masse das logische Denken für links hält und links einfach megaout ist, reiten wir die deutsche und die europäische Volkswirtschaft zu Tode. Der letzte Versuch wird sein, dass Deutschland noch einmal, wie schon zu Schröders Zeiten, versucht, den Nachbarn in der Währungsunion endgültig den wirtschaftlichen Garaus zu machen. Danach kommt es zum Wirtschaftskrieg der Nationen, bei dem alle verlieren und alle, wie vor fast einhundert Jahren, in einem tiefen Sumpf gemeinsam untergehen.
Die letzte Schuld an all dem tragen natürlich die sogenannten Volkswirte. Die sitzen auf vom Staat gut bezahlten Lehrstühlen und verleugnen ihr eigenes Fach. Der Hausverstand triumphiert immer nur dann, wenn die Volkswirte zu Betriebswirten werden. Es bräuchte aber nicht nur Volkswirte, sondern es bräuchte sogar kämpferische Volkswirte, die jeden Tag auf die Jagd nach dem irreführenden Hausverstand gehen und ihn offen bekämpfen. Sobald die Volkswirte den Schwanz einziehen und sich hinter lächerlichen Modellen verstecken, gibt es keine Rettung mehr. Die Phalanx der Unwissenden in der Politik und in den Medien wird übermächtig und treibt die Wirtschaft in den Ruin, weil sie den kleinen intellektuellen Sprung vom Teil auf das Ganze nicht geschafft haben.