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EZB erwägt Leitzinserhöhung – mit hohem Risiko

| 05. Mai 2026
IMAGO / ZUMA Press

Iran-Konflikt und Energiepreisschock: Trotz schwacher Konjunktur rückt eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank näher.

Durch die Lieferengpässe fossiler Energieträger in der Straße von Hormus sind die Energiepreise in der EU sprunghaft angestiegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) gibt die Teuerung mit 5,1 Prozent im März und 10,9 Prozent im April an. Damit ist Energie der bei weitem größte Preistreiber im Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), der Ende April bei drei Prozent lag.

Vor dem amerikanischen Angriff auf den Iran habe sich die Inflation im Euroraum nach Einschätzung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf einem stabilen Kurs in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels befunden. Mit dem anschließenden Energiepreisschock sei die Unsicherheit jedoch deutlich gestiegen. Lagarde betonte daher, die Europäische Zentralbank verfolge keinen festen Zinspfad und werde künftige Zinsentscheidungen weiterhin von Sitzung zu Sitzung anhand der Inflationsentwicklung treffen.

Nach aktueller Stimmungslage an den Finanzmärkten gilt eine Straffung der Geldpolitik als zunehmend wahrscheinlich. Bundesbankpräsident Joachim Nagel erklärte laut Bloomberg, ein solcher Schritt könne notwendig werden, falls sich die konjunkturellen Aussichten nicht deutlich verbesserten. Auch innerhalb des EZB-Rats mehren sich inzwischen die Stimmen für eine Zinserhöhung. Wie die Börsen-Zeitung berichtet, sprechen sich mehrere Ratsmitglieder mittlerweile offen für einen Zinsschritt im Juni aus.

Darauf deuten auch die jüngsten Inflationserwartungen professioneller Prognostiker hin. In der aktuellen Umfrage der Europäischen Zentralbank, dem sogenannten Survey of Professional Forecasters (SPF), wurden die Erwartungen für die Inflationsrate 2026 auf 2,7 Prozent nach oben korrigiert. Auch für 2027 rechnen die befragten Experten inzwischen mit etwas höheren Werten.

Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass die langfristigen Inflationserwartungen weiterhin nahe dem EZB-Ziel von zwei Prozent liegen. Die Märkte rechnen damit offenbar eher mit einem vorübergehenden Energie- und Preisschock als mit einem dauerhaften Kontrollverlust über die Preisentwicklung.

Brisant sind die Ergebnisse der SPF-Umfrage vor allem deshalb, weil Inflationserwartungen für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank eine zentrale Rolle spielen. Zeichnet sich dauerhaft höhere Inflation ab, reagiert die EZB häufig präventiv mit steigenden Leitzinsen, um eine Verfestigung der Teuerung zu verhindern.

Der wirtschaftliche Preis einer solchen Strategie ist allerdings hoch. Höhere Zinsen verteuern Kredite, bremsen Investitionen und dämpfen damit die Konjunktur zusätzlich. Gerade darin liegt das Dilemma der europäischen Geldpolitik: Die Wirtschaft im Euroraum schwächt sich bereits ab, während gleichzeitig die Inflation infolge steigender Energiepreise wieder zunimmt.

Für die EZB entsteht daraus ein klassischer Zielkonflikt. Ihr Mandat verpflichtet sie in erster Linie zur Sicherung der Preisstabilität. Die aktuelle Teuerung wird jedoch vor allem durch externe Angebotsschocks getrieben – insbesondere durch steigende Energiepreise infolge geopolitischer Konflikte. Genau auf solche Entwicklungen wirkt das wichtigste Instrument der Notenbank, der Leitzins, nur begrenzt.

Denn anders als bei einer klassischen Lohn-Preis-Spirale entsteht die Inflation derzeit nicht primär aus einer überhitzten Nachfrage. Steigende Zinsen können deshalb zwar die allgemeine wirtschaftliche Aktivität bremsen, die Ursachen der Energieverteuerung aber kaum beseitigen. In einer Phase schwacher Konjunktur oder drohender Rezession verstärkt eine restriktivere Geldpolitik im Zweifel sogar die wirtschaftliche Abkühlung, weil Unternehmen Investitionen zurückstellen und die Kreditnachfrage sinkt.

Trotz dieser konjunkturellen Risiken machte Christine Lagarde deutlich, dass die Europäische Zentralbank bei anhaltendem Inflationsdruck reagieren werde, sollte sich die Lage im Nahen Osten nicht entspannen. Hinweise auf eine zunehmende wirtschaftliche Vorsicht gab es bereits zuvor: Die Geschäftsbanken im Euroraum hatten ihre Kreditvergabe schon vor dem 30. April spürbar eingeschränkt.

Damit ist der vorsichtige Optimismus, der sich zuletzt in Teilen der europäischen Wirtschaft ausgebreitet hatte, weitgehend verflogen. Statt einer allmählichen Stabilisierung rückt inzwischen erneut das Risiko einer Stagflation in den Vordergrund – also einer Kombination aus schwacher Konjunktur und gleichzeitig steigenden Preisen.

Vor diesem Hintergrund wird in der wirtschaftspolitischen Debatte immer wieder auf das sogenannte „Dual Mandate“ der amerikanischen Federal Reserve System verwiesen. Die US-Notenbank ist nicht nur der Preisstabilität verpflichtet, sondern auch dem Ziel möglichst hoher Beschäftigung. Ein vergleichbar erweitertes Mandat könnte den Handlungsspielraum der EZB in Krisensituationen vergrößern. Entsprechende Reformüberlegungen spielen in der europäischen Politik derzeit allerdings kaum eine Rolle.