Andreas Hoffmann: "Dann zahlen wir die demografischen Kosten aus der Portokasse.“
Der Wirtschaftsjournalist Andreas Hoffmann hält die Angst vor der alternden Gesellschaft für unbegründet. Ausschlaggebend für eine sichere Rente seien allein Bildung, gute Arbeit und Produktivität. Riskanten Wetten am Aktienmarkt erteilt er eine Absage.
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Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, Stern – um nur die wichtigsten journalistischen Stationen des studierten Volkswirts Andreas Hoffmann zu nennen. Eine über 25-jährige Reise durch die Hauptstadtredaktionen prägt Hoffmanns breiten Blick auf Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik. Mit seinem neuen Buch gräbt er hingegen tief: Hoffmann stellt gängige Thesen in Frage und erklärt, warum die alternde Gesellschaft besser ist als ihr Ruf.
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Herr Hoffmann, in ihrem Buch Die erfundene Bedrohung – wie die alternde Gesellschaft dramatisiert wird und wem das nützt arbeiten Sie mit detaillierten historischen Bezügen. So habe etwa die Warnung vor der „Alterslast“ und dem angeblichen Zusammenbruch der Sozialsysteme eine Geschichte, die über 150 Jahre zurückreicht. Wie ordnen Sie das ein?
Ich leugne nicht den demografischen Wandel. Das kann ich gar nicht. Er ist doch offensichtlich: Wir werden älter, und die Frauen bekommen weniger Kinder. Ich leugne, nur dass dies zur Katastrophe führt. Dieser Wandel begleitet uns seit anderthalb Jahrhunderten, und in dieser Zeit ist der Wohlstand stetig gestiegen. Diesen Widerspruch blenden wir einfach aus. Wir tun so, als wäre die vermeintliche Bedrohung neu, doch das ist sie nicht. Sie ist uralt.
Anders die veröffentlichte Meinung. Täglich erzählen die tonangebenden Experten in Zeitungen, Fernsehen und Internet, dass eine alternde Gesellschaft ärmer werde, weil immer weniger Schultern die Last tragen müssen.
Das Gegenteil ist richtig. Eine alternde Gesellschaft schafft Wohlstand. Sie braucht dazu aber starke Institutionen: Gerichte, Behörden, Parlamente, Schulen, Universitäten, ein Gesundheits- und ein Rentensystem.
"Wir sind nicht reich, obwohl wir alt werden, sondern wir werden alt, weil wir reich sind."
Und wenn die Leute dann in diesem Sozialsystem arbeiten, beziehen sie Einkommen, und das stabilisiert die Gesellschaft. Wir sind nicht reich, obwohl wir alt werden, sondern wir werden alt, weil wir reich sind.
Warum wird das Thema Demografie dann gerade in Krisenzeiten immer wieder wie eine Drohkulisse aufgebaut?
Der demografische Niedergang ist das perfekte Schreckgespenst. Damit lassen sich den Bürgern leicht Zumutungen verkaufen. Konservative sagen den Rentnern: „Wir müssen kürzen, um die Jungen nicht zu belasten“. Unternehmer sagen den Arbeitnehmern: „Ihr dürft nicht mehr so viel fordern.“
Banken und Versicherer schließlich verkaufen damit ihre Finanzprodukte. Wer will denn nicht vorsorgen, wenn ihm dauernd eingeredet wird, dass er im Alter unter Brücken schlafen wird? Dabei nutzen die Produkte oft mehr dem Anbieter als dem Kunden. Die alternde Gesellschaft ist ein sehr gutes Marketinginstrument für Politik und Wirtschaft.
"Wenn man den Leuten einredet, sie würden im Alter unter Brücken schlafen, kaufen sie Finanzprodukte, die dem Anbieter oft mehr nützen als dem Verbraucher."
Damit sprechen Sie die private Altersvorsorge an. Wie fällt Ihre Bilanz für Modelle wie die Riester- oder Rürup-Rente aus, die genau mit dieser Angst beworben wurden?
Die private Vorsorge wird massiv überschätzt, während die gesetzliche Rente systematisch unterschätzt wird. Wir hatten seit der Jahrtausendwende drei große Reformen: Riester- und Rürup-Rente sowie den „Pflege-Bahr“. Alle drei waren Flops. Riester hat die Lücken der gesetzlichen Rente nicht ausgeglichen, sondern vor allem den Versicherer hübsche Einnahmen gebracht. Rürup taugt für viele Selbstständige und Freiberufler wenig, sie sollten sich besser in der gesetzlichen Rente freiwillig versichern. Und der Pflege-Bahr hilft wenig den Pflegefall im Alter abzusichern, weil die Leistungen kaum reichen. Im Pflegefall muss der Einzelne viel selbst bezahlen.
Und wem diese Flops nicht reichen, sollte nach Berlin schauen, zu den dortigen Zahnärzten: Sie haben mit ihrer betrieblichen Altersvorsorge eine Milliarde Euro in den Sand gesetzt. Jetzt bitten sie die Gesundheitsministerin um Steuerhilfen. Das hieße im Klartext: Die Kassiererin im Supermarkt soll mit ihren Steuern die gescheiterten Kapitalmarkt-Experimente der Zahnärzte bezahlen. Das zeigt, wie absurd das System ist.
Was macht die gesetzliche Rente im direkten Vergleich überlegener?
Die gesetzliche Rente zahlt bis zum Lebensende. Die Privaten tun das in Zukunft nicht mehr, denn es werden auch sogenannte Auszahlpläne gefördert. Die Versicherung zahlt dann nur, bis jemand 85 Jahre alt ist. Aber was ist, wenn jemand 87 Jahre alt wird, und sie oder er einen Heimplatz brauchen oder eine ambulante Betreuung? Dann ist das Geld weg.
„Private Altersvorsorge heißt: Mehr einzahlen und weniger herausbekommen.“
Die Privaten bieten auch keinen Schutz vor Inflation. Die Rente steigt jedes Jahr, in der Regel wie die Löhne zulegen, bei den Privaten ist das nicht so. Da können sie froh sein, wenn sie das Geld herausbekommen, das sie eingezahlt haben. Das ist in Zukunft immer seltener der Fall, weil die Anbieter dies – anders als heute – nicht mehr garantieren müssen. Es gibt dazu keine Witwenrente, keine Erwerbsunfähigkeitsrente, keine Reha-Maßnahme nach einer schweren Krankheit. Das alles fehlt, oder sie müssen es extra bezahlen. Private Altersvorsorge heißt: Mehr einzahlen und weniger herausbekommen.
Davon hört man so gut wie nie in der öffentlichen Debatte...
Es wird so getan, als sei der Kapitalmarkt eine Art „Finanz-Alchemie“, die aus kleinen Beiträgen riesige Vermögen zaubert. In der Realität zaubern nur die Banken, dort entstehen Vermögen, kaum bei den Beitragszahlern.
In Ihrem Buch ziehen Sie auch eine Verbindung zwischen dem Malthusianismus und der Eugenik. Das klingt nach einer sehr vergifteten Beziehung. Warum ist dieser historische Rückblick so wichtig für das Verständnis der heutigen Debatte?
Er ist wichtig, um die Sprache und die Argumente der heutigen Demografie-Experten einzuordnen. Thomas Robert Malthus befürchtete Ende des 18. Jahrhundert erstmals, dass die Bevölkerung zum Problem werden könnte. Er hielt es für ein Naturgesetz, dass die Nahrungsmittel viel langsamer wachsen würden als die Menschen. Doch dieses Naturgesetz gab es nicht, Industrialisierung und steigende Produktivität widerlegten Malthus.
Später im 19. Jahrhundert kam der Rassismus auf, verband sich mit Ideen von Malthus, und daraus entstand die Eugenik: Die Idee, man müsse den „Genpool“ des Volkes sauber halten und verhindern, dass sich die Armen und Schwachen vermehren. Das führte weltweit zu grausamen Zwangssterilisierungen und gipfelte schließlich in den Verbrechen der Nationalsozialisten.
Was hat das mit der heutigen Rentendebatte zu tun?
Die Eugenik ist heute weitgehend verpönt, aber der Gedanke, um den sie kreiste, – wer gehört zum Volk und wer nicht – ist erschreckend aktuell. Das erinnert in der Gegenwart an die Rechtspopulisten und den Kulturkampf, den sie inszenieren. Und es erinnert auch daran, wie manchmal über Generationengerechtigkeit, Migration und Bürgergeld-Empfänger geredet wird. Menschen werden zur Belastung erklärt, soziale Probleme werden zu Bevölkerungsfragen umgeschrieben.
Warum halten sich diese Mythen über die Rente und die Demografie so hartnäckig, selbst wenn die harten Fakten sie immer wieder widerlegen?
Das liegt an der Psychologie. Der Ökonomie-Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman hat das in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken hervorragend beschrieben: Wir glauben, rational zu handeln, entscheiden aber meist emotional. Wir alle fürchten das Alter, haben Angst vor Gebrechlichkeit und Einsamkeit, und diese persönliche Angst übertragen wir auf die Gesellschaft.
Dann gibt es auch den sogenannten Wahrheitseffekt: Unwahrheiten gewinnen an Glaubhaftigkeit, je häufiger sie wiederholt werden.
Richtig. Wenn eine Geschichte seit Jahrzehnten immer wieder erzählt wird, wird sie zur gefühlten Wahrheit. Das zeigt sich auch bei der Rente. Viele Menschen glauben, dass der Rentenbeitrag in den letzten 25 Jahren gestiegen ist. Doch das stimmt nicht. Er ist gesunken – von 20,3 Prozent im Jahr 1999 auf heute 18,6 Prozent.
Andere meinen, dass es immer weniger Beitragszahler gibt, also Menschen, die arbeiten, Steuern und Sozialabgaben zahlen.
Auch das ist falsch. Wir haben mehr Beitragszahler, seit der Jahrtausendwende sind es sieben Millionen mehr. Das Verhältnis zwischen Beitragszahler und Rentner liegt bei zwei zu eins und ist seit 30 Jahren weitgehend stabil. Denn es arbeiten mehr Migranten, aber auch mehr Frauen und Ältere.
"Wenn eine Geschichte seit Jahrzehnten immer wieder erzählt wird, wird sie zur gefühlten Wahrheit"
Wieso hält sich die Angst vor der demografischen Katastrophe trotzdem so hartnäckig? Bleibt das, was verkündet wird, einfach besser hängen als die reale Erfahrung?
Auch das erklärt Kahneman gut, und zwar mit einer Anekdote. Er hielt einen Vortrag vor Bankern und Fondsmanagern und sagte ihnen, dass ihre Arbeit im Grunde unnütz sei. Denn: Ein Fondmanager könne dauerhaft nicht den Markt schlagen, der Erfolg beruhe meistens auf Glück oder Zufall.
Später fuhr er mit einem dieser Banker zum Flughafen. Irgendwann sagte der Mann gereizt: „Ich habe sehr viel für diese Firma geleistet, und das kann mir niemand nehmen.“
Kahneman zog daraus den Schluss: Fakten, die unser Weltbild, unsere Selbstgewissheit oder unser ökonomisches Auskommen erschüttern, blenden wir aus. Unsere Psyche kann sie nicht verarbeiten, wir müssten uns sonst zu sehr in Frage stellen.
Das ist so etwas wie ein „Confirmation Bias“ – wir lassen nur das gelten, was unsere bestehende Meinung bestätigt. Lässt sich dieses Muster auch auf die Rentendebatte übertragen?
Ja. Dieser Mechanismus hält die Saga vom Renten-Untergang am Leben. Die Geschichte des Systemkollaps ist so langlebig, weil sie zu unserer gefühlten Wahrnehmung des Alterns passt.
Heißt das, wir sind gegen sachliche Argumente immun, solange das „Gefühl“ ein anderes ist?
Es ist zumindest sehr schwer, dagegen anzukommen. Solche gefühlten Wahrheiten werden selten in Frage gestellt – übrigens auch nicht von gut informierten Ökonomen. Ich kenne keinen namhaften Experten, der in der Rentendebatte der letzten Monate einem großen Medium gesagt hätte: „Leute, die Rentenbeiträge sind eigentlich gesunken, und wir haben heute mehr Beitragszahler als früher.“
Diese Fakten passen nicht zur Untergangs-Saga. Durchbrechen lässt sich dieses Muster nur mit positiven Geschichten. Wir müssen Zusammenhänge so erklären, dass sie das Gefühl ansprechen und ein optimistischeres Bild der Zukunft entsteht. Es reicht nicht, mit Tabellen gegen Vorurteile zu argumentieren.
Es gibt Vorschläge, die weder die Beitragssätze erhöhen noch die Renten kürzen wollen, sondern den Bundeszuschuss erhöhen. Wolfgang Kubicki, der Bundesvorsitzender der FDP werden will, brachte vor kurzem ein "Sondervermögen Rente" in Höhe von 500 Milliarden Euro ins Spiel, das nach dem Vorbild des norwegischen Staatsfonds von einem privaten Konsortium angelegt werden soll. Was halten Sie von Vorschlägen, die Rentenfinanzierung per Bundeszuschuss zu verbessern?
Dass ausgerechnet die FDP viele neue Schulden machen will und so die Schuldenbremse beerdigt, halte ich für nicht überzeugend. Immerhin hat sie an ihr zuletzt wie an einem Fetisch festgehalten.
Natürlich kann man über höhere Bundeszuschüsse nachdenken, zumal Deutschland für die Rente – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – weniger ausgibt als der EU-Durchschnitt und der Zuschuss gesamtgesellschaftliche Aufgaben abdeckt. Doch den Zuschuss einfach zu erhöhen, halt ich für wenig sinnvoll. Das wäre Gießkanne. Wir müssten das Geld austarieren und gerecht einsetzen.
Wo müsste man bei dieser gerechteren Austarierung konkret ansetzen?
Das Rentensystem muss wieder stärker umverteilen, das machen andere Länder wie die Schweiz auch, ohne dass dort der Kommunismus ausgebrochen ist. Wer im Leben wenig verdient und wenig eingezahlt hat, weil er häufiger arbeitslos war, sollte stärker abgesichert werden. Dass neun von zehn alleinstehenden Frauen über 65 netto weniger als 2000 Euro haben, zeigt die Nöte.
Diesen Menschen gezielt zu helfen, ist aber nicht leicht, weil viele Kleinrentner nicht unbedingt arm sind. Manche sind später Beamter oder Unternehmer geworden oder haben reich geheiratet. Es gibt die Sekretärin, die den Verleger als Partner entdeckt hat, und die braucht keine Extra-Euros aus der Staatskasse. Aber den anderen sollten wir helfen, vielleicht durch eine ausgeweitete Grundrente, denn die Altersarmut steigt wieder.
Wenn Sie die Debatte zusammenfassen: Was ist Ihr abschließender Rat an die Politik und die Gesellschaft? Wie machen wir die Rente zukunftssicher?
Wir brauchen weniger Panikmache. Viele Horrorprognosen der Vergangenheit sind nicht eingetreten, da ist mehr Gelassenheit gegenüber diesem Zahlenzauber nötig. Die Zukunft dieses Landes entscheidet sich nicht an der Demografie oder dem Sozialstaat, sie entscheidet sich daran, wie wir unser Geschäftsmodell ändern.
"Kein Chinese kauft überteuerte deutsche Verbrenner-Autos, nur weil wir bis 70 arbeiten oder das Ehegattensplitting ändern."
Die Hyperglobalisierung der letzten 20 Jahre ist vorbei, wir leben in einer Welt der Trumps und Xis, in der Regeln und offene Märkte wenig zählen, aber Zölle, militärische Stärke und eine aggressive Industriepolitik. An diese neue Welt müssen wir uns anpassen. Kein Kunde in China kauft überteuerte deutsche Verbrenner-Autos, nur weil wir bis 70 arbeiten oder das Ehegattensplitting ändern. Nötig sind Innovationen, neue Bündnisse und eine andere Rolle von Industriepolitik.
Für den Umgang mit der alternden Gesellschaft ist entscheidend, wie wir den Arbeitsmarkt reformieren, so dass mehr Migranten, Frauen und Ältere arbeiten können. Unsere Schulen müssen sich ändern, so dass weniger Bildungsverlierer zurückbleiben; in Deutschland haben fast drei Millionen junge Leute zwischen 18 und 32 Jahren keine vernünftige Ausbildung – das ist das wahre demografische Risiko.
Wenn wir es schaffen, uns an diese neue Welt anzupassen, wenn die Menschen gute Löhne verdienen, und die Transformation zur Klimaneutralität gelingt, dann zahlen wir die demografischen Kosten aus der Portokasse.
Sehen Sie es ähnlich wie Herr Hoffmann? Läuft gerade viel in der Rentendebatte schief? Sie würden gerne mitmischen, aber wissen noch nicht wie? Dann haben wir die (fast) perfekte Argumentationshilfe für Sie – das MAKROSKOP-Rentenpaket. Schicken Sie es ihrem Bundestags- oder Landtagsabgeordneten, ihren Gemeinderäten, Redakteuren ihrer Lokalzeitung oder sogar den Lehrern ihrer Kinder. Sie finden das MAKROSKOP-Rentenpaket auf unserer Website.