Makroskop
Editorial

Redakteure im Ring: Wie messen wir unseren Wohlstand richtig?

| 07. Mai 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

Stillstand als neuer Status Quo: Deutschland tritt beim BIP auf der Stelle. Preisbereinigt verharrt das BIP 2025 auf dem Niveau von 2019 – eine verlorene halbe Dekade. Und auch die Zukunft sieht trübe aus. Ende April musste die Wirtschaftsministerin Katharina Reiche ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum halbieren: von rund einem Prozent auf ein halbes. Der Hauptgrund: Der Irankrieg treibt die Preise für Energie und Rohstoffe. Das belastet Haushalte und Unternehmen.

Auch wenn sich die Lösungsansätze deutlich unterscheiden, teilen Ökonomen, Politik und Medien fast einhellig die Ansicht, dass es sich beim Wachstumsmangel um das Krisensymptom Nummer eins handelt. Doch was messen wir da eigentlich? Wir haben unsere Redakteure Sebastian Müller und Florian Schaaf in den Ring geschickt, um die normativen Leitplanken des Wirtschaftswachstums auszumessen.

Müller und Schaaf sind sich zwar in einem Befund einig: Das Bruttoinlandsprodukt ist ein blinder Riese. Es ignoriert unbezahlte Care-Arbeit, blendet soziale Ungleichheit aus und verbucht selbst die Reparaturkosten nach einer Umweltkatastrophe als Erfolg.

Doch auf die Frage, was daraus folgt, herrscht Uneinigkeit. Müller warnt davor, das BIP als moralisches Urteil zu missverstehen – es sei ein technisches Werkzeug für wirtschaftliche Kraft, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer es abschafft, verliert den objektiven Maßstab. Schaaf hingegen plädiert für einen Umbruch: die Doughnut-Ökonomie nach Kate Raworth. Sein Argument: Wirtschaftliches Handeln ist nur dann legitim, wenn es das soziale Fundament sichert, ohne die ökologische Decke des Planeten zu sprengen. 

Der eigentliche Unterschied bei der Frage nach Produktivitätswachstum liegt in der Sichtbarkeit der Leitplanken. Während die Doughnut-Ökonomie ihre normativen Ziele offen auf den Tisch legt, gibt sich der klassische Produktivismus wertneutral. Doch diese vermeintliche Objektivität ist ein Trugschluss: Wer Wachstum um jeden Preis fordert, hat sein Urteil über soziale und ökologische Grenzen bereits gefällt – er spricht es nur nicht aus.