Russland senkt Wachstumsprognose drastisch
Russlands Wirtschaft schwächelt deutlich. Trotz hoher Ölpreise und Kriegswirtschaft bremsen Inflation, hohe Zinsen und fehlende Arbeitskräfte das Wachstum spürbar aus. Moskau musste seine Prognosen drastisch nach unten korrigieren.
Russland hat seine Wachstumsprognosen spürbar nach unten korrigiert. Das Bruttoinlandsprodukt soll 2026 nur noch um 0,4 Prozent zulegen, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak. Bislang war die Regierung in Moskau von 1,3 Prozent ausgegangen. Auch für 2027 wurden die Erwartungen gesenkt: Statt 2,8 Prozent rechnet die Regierung nun nur noch mit 1,4 Prozent Wachstum.
Die Frühjahrsprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche stützt diese Darstellung: Für 2026 erwartet das wiiw ein Wachstum von 0,9 Prozent und für 2027 von 1,5 Prozent.
Der Chef des schwedischen Militärgeheimdienstes Thomas Nilsson wirft Russland indes vor, Wirtschaftsdaten systematisch zu manipulieren, um die Lage robuster erscheinen zu lassen.
In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres schrumpfte die Wirtschaft nach wiiw-Angaben annualisiert um 2,1 Prozent im Januar und um 1,5 Prozent im Februar. Das russische Wirtschaftsministerium bezifferte den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in den ersten beiden Monaten auf 1,8 Prozent.
Hohe Zinsen und Inflation bremsen die Wirtschaft
Die strukturellen Probleme bleiben erheblich. Vasily Astrov, Russland-Experte des wiiw, nennt als Hauptgründe der Wachstumsschwäche die weiterhin hohen Leitzinsen, zu geringe Investitionen in neue Produktionskapazitäten und den Arbeitskräftemangel.
Die russische Zentralbank hatte den Leitzins jüngst zum achten Mal in Folge auf nun 15 Prozent gesenkt – im Frühjahr 2025 hatte der Zinssatz noch bei über 20 Prozent gelegen. Zum Vergleich: Der Einlagenzins der Europäischen Zentralbank liegt seit der letzten Senkung im Juni 2025 bei rund zwei Prozent.
Die hohen Zinsen verteuern Kredite und bremsen damit Investitionen als auch Konsum. Viele Russinnen und Russen halten sich mit Ausgaben zurück und sparen lieber. Der Geschäftsklimaindex der russischen Zentralbank fiel im März zudem auf den tiefsten Stand seit Oktober 2022. Die Investitionen der Unternehmen seien im vergangenen Jahr zurückgegangen und dürften auch in diesem Jahr weiter sinken, prognostiziert Astrov im Handelsblatt.
Auch die Inflation setzt die russische Wirtschaft weiter unter Druck. Offiziell liegt sie seit Ende vergangenen Jahres bei rund sechs Prozent, nachdem die Teuerung im Frühjahr 2025 kurzzeitig auf über zehn Prozent gestiegen war.
Arbeitskräftemangel und Kriegswirtschaft belasten zivile Bereiche
Zudem verschärft der Krieg die Lage am Arbeitsmarkt. Ein erheblicher Teil der Arbeitskräfte ist direkt im Militär oder in der Rüstungsindustrie gebunden. Hinzu kommt, dass seit Beginn der Invasion der Ukraine Hunderttausende das Land verlassen haben.
Die niedrige Arbeitslosigkeit von rund zwei Prozent dürfte daher weniger als Zeichen wirtschaftlicher Stärke gelten, sondern als Hinweis darauf, dass das verfügbare Arbeitskräftepotenzial weitgehend ausgeschöpft ist.
Die Kriegswirtschaft bleibt damit Stütze und Belastung zugleich. Hohe Staatsausgaben für den Rüstungssektor haben die Konjunktur zunächst angeschoben und militärnahe Branchen gestärkt. Gleichzeitig verstärken sie Inflation, Arbeitskräftemangel und Finanzierungsprobleme der zivilen Wirtschaft.
Weitere Faktoren wie die ukrainischen Angriffe auf die russischen Ölhäfen oder die häufigen Internetblockaden der russischen Regierung, etwa auch von E-Commerce- und Bankdienstleistungen, bremsen die wirtschaftliche Aktivität.
Hoher Ölpreis stabilisiert den Staatshaushalt
Eine temporäre Entlastung für den russischen Staatshaushalt bringt der infolge des Iran-Kriegs stark gestiegene Ölpreis. „Der Iran-Krieg stabilisiert das russische Budget. Je länger er dauert und je länger die Ölpreise hoch bleiben oder noch weiter steigen, desto positiver werden die Auswirkungen für Russland sein“, so Astrov in der Frühjahrsprognose.
Nach offiziellen Angaben haben sich die staatlichen Öleinnahmen im März gegenüber dem Vormonat verdoppelt. Zudem hat die US-Regierung die Sanktionen auf russisches Öl gelockert, um einen stärkeren Anstieg des Weltmarktpreises für Rohöl zu verhindern. Dadurch kann Russland sein Öl zu höheren Preisen verkaufen.
Für die russische Wirtschaftsleistung dürfte dieser Effekt nach Einschätzung des wiiw aber nur begrenzte Bedeutung haben. Die zusätzlichen Einnahmen flössen nicht in neue Ausgaben, sondern sollen vor allem dazu dienen, die Schuldenaufnahme des Staates zu verringern und Verbindlichkeiten von Energieunternehmen abzubauen.