Was ist ein internationales Ungleichgewicht?
Ein Papier der „G 7 economists“ soll zeigen, was globale Ungleichgewichte sind und wie man sie bekämpft. Leider führt die Argumentation des Autorenteams vollkommen in die Irre.
„Like a Dentist“ (Name der neuen Kolumne von Heiner Flassbeck auf MAKROSKOP) geht auf ein Diktum von John Maynard Keynes zurück: Ökonomen sollten keine Propheten oder Ideologen sein, sondern nüchterne Praktiker – wie ein Zahnarzt: sachlich, pragmatisch und am konkreten Problem orientiert.
In der Financial Times hat vor einigen Tagen Martin Wolf festgestellt, Ungleichgewichte im internationalen Handel seien zurück auf der politischen Agenda. Obwohl Wolf zu absolut vernünftigen Schlussfolgerungen in Sachen Merkantilismus kommt, stellt er dennoch fest, es sei Unsinn zu behaupten, man könne die Handelsdefizite der USA allein durch Handels- oder Wechselkurspolitik beseitigen. Er glaubt, dazu seien „auch makroökonomische Anpassungen erforderlich, insbesondere eine Senkung des öffentlichen Haushaltsdefizits der USA, das der IWF für 2026 auf 7,5 Prozent des BIP prognostiziert“.
Konsequenterweise lobt Wolf ein Papier von „G 7 economists“ überschwänglich, das zeigen soll, was globale Ungleichgewichte sind und wie man sie bekämpft. Doch das Papier (unter anderen sind die ehemalige Chef-Volkswirtin des IWF, Gita Gopinath, und der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber Teil des Autorenteams) führt vollkommen in die Irre. Wieder wird der alte Fehler gemacht (wie hier gezeigt), dass man den Leistungsbilanzsaldo eines Landes auf der Basis einer Identität (einer ex post Feststellung) als eigenständiges Phänomen betrachtet. Das ist traurig. Die Volkswirtschaftslehre hat immer noch nicht begriffen, was ihre eigentliche Aufgabe ist.
In dem Papier heißt es:
„Diese Zusammenhänge (die üblichen Identitäten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, wonach das Gesamteinkommen aus Konsum, Investitionen und der Außenhandelsbilanz besteht, HF) zeigen, dass die Außenbilanz eines Landes gleichzeitig Folgendes ist:
1. ein Leistungsbilanzdefizit (per Annahme)
2. ein Ungleichgewicht zwischen Ersparnissen und Investitionen (per Definition)
3. ein Nettokapitalfluss (gemäß der buchhalterischen Terminologie)“
Nein, das ist kompletter Unsinn, das zeigen diese Identitäten gerade nicht. Wer so argumentiert, weiß nicht einmal, was ein Ungleichgewicht (eine Imbalance) ist.
Ein Leistungsbilanzdefizit ist nicht zwingend ein Ungleichgewicht. Das „Ungleichgewicht“ zwischen Ersparnissen und Investitionen hat keine Aussagekraft, weil es nur das Ergebnis einer ex post Identität ist und das, was „Nettokapitalabfluss“ genannt wird, ist in gleicher Weise das Ergebnis einer Identität oder einer Definition. Aus einer solchen Konstellation von Begrifflichkeiten und Identitäten lassen sich niemals gehaltvolle Aussagen ableiten.
Was ist ein Ungleichgewicht (eine Imbalance) im internationalen Handel?
Um zum Kern der Geschichte zu gelangen, muss man ein wenig ausholen. Es gab eine Zeit, wo man in der Volkswirtschaftslehre solche einfachen Zusammenhänge selbstverständlich kannte und respektierte. Aber in den Wirren der neoklassischen Konterrevolution und angesichts der verbreiteten Modellschreinerei an den Universitäten sind viele einfache Zusammenhänge offenbar untergegangen.
Der Begriff des „Wettbewerbs“ bezieht sich normalerweise auf den Wettbewerb zwischen Unternehmen – national wie international. Da gehört der Begriff auch hin. Unternehmen sollen sich im Wettbewerb bewähren, und das beste Unternehmen soll sich unter sonst gleichen Bedingungen (wozu das Prinzip des gleichen Lohnes für gleiche Arbeit an erster Stelle gehört!) durchsetzen. Bei gegebenen Löhnen werden seine Anstrengungen zur Verbesserung der Produktivität in den Produktionsverfahren oder bei der Art der produzierten Güter und Dienstleistungen durch höhere Gewinne oder niedrigere Preise belohnt.
Problematisch wird es jedoch, wenn Länder als Ganzes Wettbewerbsvorteile oder Wettbewerbsnachteile gegenüber einem anderen Land haben. Typischerweise geht es dabei um Vorteile oder Nachteile, die allen Unternehmen des einen Landes zugutekommen, oder alle Unternehmen benachteiligen. Gibt es solche Vor-oder Nachteile auf Länderebene, ist der Wettbewerb der Unternehmen zwischen den beteiligten Ländern verzerrt, weil auch ein sehr wettbewerbsfähiges Unternehmen gegenüber einem Unternehmen in einem anderen Land absolute Nachteile haben kann, wenn dort das Land als solches im Vorteil ist.
Die Art dieser Vorteile kann ganz verschieden sein:
- Ein Land kann Importzölle erheben, die Steuern für seine Unternehmen besonders stark senken oder den heimischen Unternehmen hohe Subventionen zukommen lassen (Irland).
- Die Währung eines Landes kann die Inflationsdifferenz zu den Handelspartnern überschießen oder unterschießen, was zu Unterbewertung oder Überbewertung führt (Brasilien, Ungarn, Island und viele andere vor der großen Finanzkrise von 2008/2009). Überbewertung durch Carry trade war damals der häufigste Fall.
- Die Politik eines Landes kann sich für ein System fester Wechselkurs entscheiden und den eigenen Wechselkurs an die Währung eines großen Partners binden (Anchoring). Ist das Land nicht in der Lage, seine Inflationsrate (im Verhältnis zum Ankerland) zu stabilisieren, kommt es häufig zu einer realen Aufwertung, die nur durch eine Währungskrise zu bereinigen ist (Argentinien, Brasilien in den 90er Jahren, alle Länder der Asienkrise).
- Die Politik eines Landes kann in einem System fester Wechselkurse (oder einer Währungsunion) dafür sorgen, dass die Löhne für alle Unternehmen in dem Land weniger steigen (im Verhältnis zur Produktivität) als in den Ländern, mit denen man sich auf den festen Kurs geeinigt hat. In der Folge entsteht durch die reale Abwertung ein Vorteil für alle Unternehmen dieses Landes, der die Unternehmen in den Partnerländern systematisch schädigt (Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts, nach der Einführung des Euro).
Das alles hat zu Ungleichgewichten geführt. Regelmäßig waren es Staatseingriffe und/oder falsche Preise auf den Devisenmärkten, die für das Ungleichgewicht verantwortlich waren.
Die Ungleichgewichte äußerten sich in verschiedenen Formen und in unterschiedliche Indikatoren. Länder, deren Währungen real stark abgewertet haben, gewinnen typischerweise Marktanteile auf den Weltmärkten zulasten der aufwertenden Länder. Sie stärken ihre Industrie, verzeichnen einen Anstieg des Exportanteils und sind am Arbeitsmarkt erfolgreich. So hat etwa Deutschland trotz des chinesischen Aufholens nach seiner realen Abwertung einen enormen Anstieg seiner Exportquote verzeichnet, wie die Abbildung zeigt.
Genau das ist das Phänomen, das erklärt werden muss, wenn man ernsthafte Wissenschaft betreiben will. Und die Erklärung ist eindeutig: Deutschland hat durch sein politisch unterstütztes Lohndumping real abgewertet und folglich enorme Exporterfolge erzielen können, die sich sowohl in dieser steigenden Exportquote als auch in steigenden Marktanteilen auf dem Weltmarkt niedergeschlagen haben.
Natürlich werden von der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes auch die Handels- und die Leistungsbilanz berührt. Aber die Leistungsbilanz, auf die man sich üblicherweise kapriziert, ist nur einer von mehreren Indikatoren, die das Ungleichgewicht der Handelsströme anzeigen.
Und hier beginnt die Konfusion. Man betrachtet in dem oben genannten Papier und in vielen anderen Veröffentlichungen die Veränderung des Leistungsbilanzsaldos als das zu erklärende Phänomen – und betrachtet folglich den Leistungsbilanzsaldo als das Ungleichgewicht selbst und nicht nur als einen Indikator für das eigentliche Problem.
Weil aber der Leistungsbilanzsaldo (in der ex post Identität der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) als die Differenz von Sparen und Investieren geschrieben werden kann (siehe den Originalkasten aus dem Papier), schließt man, diese Identität könne den Saldo erklären. Auch schließt man aus der Tatsache, dass mit einem Leistungsbilanzüberschuss immer ein gleich großer Kapitalbilanzsaldo einhergeht (der lediglich die Verschuldung des Defizitlandes spiegelt, das über seinen Verhältnissen lebt), dass diese „Kapitalströme“ eine eigenständige Rolle bei der Entstehung des Ungleichgewichts spielen können.
Die zentrale Gleichung: CA = S - I = CF, wobei:
-
CA = Leistungsbilanzsaldo
-
S - I = Saldo aus Ersparnissen und Investitionen
-
CF = Netto-Kapitalströme
Beide Schlussfolgerungen sind falsch. Das, was in der Buchhaltung Kapitalexport genannt wird, ist aber keineswegs ein Kapitalstrom, sondern nur das Kreditvolumen, das vom Defizitland benötigt und im Defizitland aufgebracht wird, um die (überschüssigen) Exporte des Überschusslandes zu bezahlen. Es bleibt kein Euro oder Dollar übrig, mit dem man etwas anderes finanzieren könnte als genau die Summe, die dem Leistungsbilanzsaldo entspricht.
Die Tatsache, dass der Leistungsbilanzsaldo in der ex post Einkommensidentität als Differenz zwischen Sparen und Investieren bezeichnet werden kann, hat keine Bedeutung. Auch Sparen und Investieren sind in einer geschlossenen Volkswirtschaft (oder einer Volkswirtschaft mit einem ausgeglichenen Außenhandelssaldo) keineswegs ex ante gleich.
Es gibt auch keinen Mechanismus, der zuverlässig dafür sorgen würde (der von der Neoklassik postulierte Zinsmechanismus ist es jedenfalls nicht), dass Sparen gleich Investieren ist, ohne dass sich das Einkommen ändern muss, um diesen Ausgleich zustande zu bringen. So viel sollten auch verbohrte Neoklassiker aus der Keynesianischen Revolution mitbekommen haben. Für die von Martin Wolf erhoffte Umwandlung eines verringerten amerikanischen Staatsdefizits in außenwirtschaftliche Überschüsse oder sinkende Defizite gibt es nicht einmal theoretisch einen Mechanismus.
Um es provokativ zu sagen: Mit dem „Ungleichgewicht“ zwischen Sparen und Investieren den Verlust an Marktanteilen zu erklären, den Frankreich gegenüber Deutschland in China erlitten hat, weil es an Wettbewerbsfähigkeit verlor, ist offenkundig absurd. Auch eine Erklärung, die versucht, sich auf „Kapitalströme“ zu stützen, die in das Defizitland „geflossen“ seien, führt in die Irre. Das hieße, die Kredite, die französische Importeure aufgenommen haben, um deutsche Autos zu kaufen, weil die durch das deutsche Lohndumping günstiger geworden sind, als ursächlich für die französischen Verluste zu betrachten. Das ist schlicht absurd.
Was kann man gegen Ungleichgewichte tun?
Unbestritten war es viele Jahrzehnte lang, dass sich die benachteiligten Länder selbstverständlich gegen die artifiziellen und ungerechtfertigten Vorteile wehren und ihre Unternehmen vor den damit verbundenen Nachteilen schützen dürfen. Folglich kann man – auch entsprechend der Regeln der Welthandelsorganisation – eigene Zölle einzuführen, die eigene Währung abwerten oder ein Dumping-Verfahren gegen solche Länder anstrengen, die ihre heimischen Unternehmen stützen. Auch politischer Druck auf die eigenen Löhne zur Kompensation des ausländischen Lohnvorteils in Systemen fester Wechselkurse ist eine Möglichkeit.
Am einfachsten war es in der Vergangenheit zumeist, eine Abwertung der eigenen Währung hinzunehmen, sobald eine Zahlungsbilanzkrise ausbrach. Geriet ein Land in die Gefahr, die eigenen Importe nicht mehr ohne große Zinsaufschläge am Kapitalmarkt finanzieren zu können, wurde sowohl bei flexiblen als auch bei anpassungsfähigen Wechselkursen (wie etwa im System von Bretton Woods oder im Europäischen Währungssystem EWS) üblicherweise die Lösung in einer Abwertung gesucht. Diese senkte die Importe, stärkte die eigenen Exporte und verringerte auf diese Weise die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt.
Flexible Wechselkurse waren und sind keine Lösung für Ungleichgewichte, weil die Devisenspekulation regelmäßig falsche Preise produziert. Auch feste Wechselkurse haben ihre Tücken. Feste Wechselkurse sind sozusagen das Versprechen der Handelspartner, den anderen nicht auf die eine oder andere Weise zu unterbieten, so dass das Ziehen der Option Wechselkursänderung notwendig wäre. Je stärker die Bindung der Wechselkurse, umso fester muss natürlich das Versprechen des Nicht-Unterbietens durch die Handelspartner sein, damit das System halten kann.
Deutschland hat in der Europäischen Währungsunion die merkantilistische Form des Unterbietens gewählt – nämlich durch eigenes Gürtel-enger-Schnallen. Damit ist das Versprechen, das der Vereinbarung, eine Währungsunion einzugehen, zugrunde liegt, gebrochen worden. Bei vernünftig konstruierten Verträgen müssten sich die Handelspartner daher auch nicht mehr an das Freihandelsgebot halten, könnten stattdessen gegenüber Deutschland Importzölle zur Kompensation des deutschen Dumpings einführen.
Das G 7 Papier zieht folgendes Fazit:
„Ein Leistungsbilanzdefizit ist nicht nur ein Handelsungleichgewicht – es spiegelt eine Lücke zwischen inländischen Ersparnissen und Investitionen wider und wird durch Nettokapitalzuflüsse finanziert, die sich im Laufe der Zeit zur Nettoauslandsvermögensposition des Landes summieren.“
Mein Fazit könnte nicht unterschiedlicher sein:
Ein Leistungsbilanzdefizit ist ein Indikator unter vielen für die Existenz eines Ungleichgewichts im internationalen Handel. Ein Ungleichgewicht zwischen Sparen und Investieren lässt sich aus der Existenz eines Leistungsbilanzsaldos nicht ableiten. Die Tatsache, dass ein Defizit durch Kredite finanziert wird, ist eine Trivialität. Die Kredite, die von Wirtschaftssubjekten im Defizitland aufgenommen werden müssen, bezeichnet man in der Zahlungsbilanzstatistik zwar als „Nettokapitalzufluss“, aber das ist reine Buchhaltung und hat keine wirtschaftliche Bedeutung. Es fließt kein Kapital vom Überschuss- zum Defizitland.
Die logische Restriktion
Ich muss noch einen Gedanken anhängen, den viele Kollegen für etwas abstrakt halten, den ich aber ungemein wichtig finde. Es gibt einen logisch zwingenden Grund, warum Sparen und Investieren niemals Leistungsbilanzsalden erklären kann.
Stellen wir uns vor, alle Länder der Welt hätten gleichartige Sparpläne – also zum Beispiel den Wunsch, mehr zu sparen, um für die Zukunft vorzusorgen. Dann muss es zwingend einen Mechanismus geben, der dafür sorgt, dass die Sparpläne in Übereinstimmung mit der logischen Notwendigkeit gebracht werden, für die Welt eine absolut ausgeglichene Leistungsbilanz herzustellen.
Der Kampf um Leistungsbilanzüberschüsse ist (anders als der gesamte Handel) ein Nullsummenspiel für alle Länder der Welt. Einige Länder müssen sich also zwingend von der Vorstellung verabschieden, durch vermehrtes Sparen Leistungsbilanzüberschüsse zu bilden. Wie geschieht das? Welchen Mechanismus gibt es, der die inkonsistenten Sparpläne korrigiert?
Die Neoklassik hat darauf keinerlei Antwort. Sie ignoriert dieses Problem und scheidet damit aus dem Rennen der ernst zu nehmenden Wirtschaftstheorien aus. Aber auch viele Keynesianer haben an dieser Stelle statt einer logisch zwingenden Erklärung eine große oder mehrere kleine Lücken.
Der Mechanismus, der den Leistungsbilanzsaldo für die Welt trotz anders geplanter Sparwünsche auf null bringt, kann nur ein Mechanismus sein, der selbst Nullsummencharakter besitzt, also immer dem einen nimmt, was er dem anderen gibt. Die beiden wichtigsten Mechanismen dieser Art sind die Veränderungen der Terms of Trade, also Veränderungen der Einfuhr- zu den Ausfuhrpreisen und – nah verwandt, aber nicht gleich – Veränderungen der Ausfuhrpreise (ausgedrückt in internationaler Währung) zueinander, also das, was man reale Wechselkursänderungen (also Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit von Ländern) nennt.
Das heißt, bei einer konsequenten Analyse können immer nur Preisverhältnisse im weitesten Sinne für Leistungsbilanzsalden verantwortlich sein