Mehr Staatsschulden = höhere Zinsen? Ein Blick auf die Daten
Die Erzählung ist einfach: Mehr Staatsschulden bedeuten höhere Zinsen. Doch stimmt das wirklich? Ein Vergleich internationaler Daten legt etwas anderes nahe.
Wenn der Staat mehr ausgibt und sich dafür stärker verschuldet, muss er zwangsläufig auch höhere Zinsen zahlen – dieses Argument ist nahezu ein Reflex in den finanzpolitischen Debatten. Die Vorstellung dahinter: Steigt die Staatsverschuldung, verlangen Anleger höhere Renditen für das Halten von Staatsanleihen. So schrieb kürzlich die Wirtschaftswoche:
„Übersteigt die Schuldenquote 90 Prozent, werden Geldgeber nervös. Sinkt das Vertrauen in den Staat, verlangen sie in der Regel höhere Zinsen. (…) Problematisch ist hierbei, dass durch die höhere Verzinsung der Berg an Schulden schneller wächst. Deswegen warnen manche Ökonomen vor steigender Staatsverschuldung, da es zu einem Anstieg der Zinsen kommen kann.”
Doch stimmt das? Müssen Länder mit höherer Staatsverschuldung tatsächlich höhere Zinsen zahlen, um Käufer für ihre Staatsanleihen zu finden? Und geraten hoch verschuldete Staaten schneller in eine Schuldenspirale? Oder werden die Zinsen auf Staatsanleihen letztlich von ganz anderen Faktoren bestimmt?
Um diesen Fragen nachzugehen, haben wir auf Basis der verfügbaren Daten des OECD Data Explorers zunächst eine kleine empirische Untersuchung durchgeführt.
Ein paar Statistik-Basics
Um den Zusammenhang zwischen der Höhe der Staatsschulden und den Anleihezinsen zu untersuchen, haben wir zwei Indikatoren verwendet:
- Die Staatsschuldenquote – also das Volumen ausstehender Staatsanleihen und staatlicher Kredite im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Sie ist das gängigste Maß zur Beschreibung der Staatsverschuldung.1
- Die langfristigen Anleihezinsen – Zinsen, zu denen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 10 Jahren gehandelt werden.2
Den Zusammenhang zwischen diesen beiden Indikatoren untersuchen wir mit einer einfachen statistischen Methode: der linearen Regression.3 Daraus ergibt sich ein Maß für die Stärke des statistischen Zusammenhangs – das sogenannte Bestimmtheitsmaß (R²). Es gibt an, welcher Anteil der Streuung der Daten durch die Regressionsgerade erklärt wird.
Der R²-Wert liegt immer zwischen 0 und 1. Je näher er an 1 liegt, desto stärker ist der statistische Zusammenhang zwischen den beiden Variablen in der Stichprobe. Ein Wert von Null bedeutet, dass das Modell keinen Zusammenhang in den Daten erklären kann. Als grobe Orientierung gilt: Werte ab etwa 0,6 deuten auf einen relativ starken Zusammenhang hin, Werte ab etwa 0,8 auf einen sehr starken.4 Wichtig ist jedoch: Ein statistischer Zusammenhang bedeutet noch keine Kausalität.
Der Zusammenhang zwischen Schuldenquote und Anleiherenditen
Abbildung 1 zeigt ein Streudiagramm zum Zusammenhang zwischen der Staatsschuldenquote und den Renditen auf langfristige Staatsanleihen für 35 Länder im Jahr 2025. Die eingezeichnete Regressionslinie verläuft nahezu waagerecht. Eine solche nahezu horizontale Linie bedeutet: Aus den Daten lässt sich kein systematischer Zusammenhang zwischen der Höhe der Staatsschulden und den Anleihezinsen erkennen. Länder mit ähnlichen Schuldenquoten zahlen teilweise sehr unterschiedliche Zinsen – und Länder mit ähnlichen Zinssätzen können völlig unterschiedliche Schuldenquoten haben.
So haben etwa Südafrika mit 88 Prozent und Österreich mit 90 Prozent eine sehr ähnliche Staatsschuldenquote. Dennoch unterscheiden sich die Renditen ihrer langlaufenden Staatsanleihen deutlich: Während südafrikanische Staatsanleihen 2025 bei rund 10,30 Prozent gehandelt wurden, lagen die Renditen österreichischer Staatsanleihen bei 2,99 Prozent.
Für das Jahr 2025 ergibt sich kein nennenswerter empirischer Zusammenhang zwischen der Höhe der Staatsschulden eines Landes und den Zinsen auf seine langfristigen Staatsanleihen. Betrachtet man die Jahre seit der Finanzkrise 2008, zeigt sich ein ähnliches Bild: Der höchste beobachtete R²-Wert liegt bei lediglich 0,1449 (im Jahr 2012), der durchschnittliche Wert über den gesamten Zeitraum sogar nur bei 0,0386 – die Staatsschuldenquote erklärt damit im Schnitt nicht einmal 4 Prozent der Variation der Anleihezinsen.
Dasselbe Ergebnis ergibt sich auch, wenn man statt der üblichen Staatsschuldenquote die staatliche Netto-Schuldenquote betrachtet – also die Staatsschulden abzüglich des finanziellen Vermögens des Staates, jeweils im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Dieser vom Dezernat Zukunft als „plausiblerer Indikator für Schuldentragfähigkeit“ bezeichnete Wert zeigt ebenfalls kaum einen Zusammenhang mit den Anleihezinsen. Der durchschnittliche R²-Wert im Zeitraum 2008–2025 liegt bei 0,0380, der höchste beobachtete Wert bei 0,1245 (ebenfalls im Jahr 2012).
Erklärt die Anleihezinsen deutlich besser: der Leitzins
Wenn die Höhe der Staatsschulden die Anleihezinsen kaum erklärt, stellt sich die nächste Frage: Wovon hängen sie dann ab? Ein zentraler Einflussfaktor ist der (erwartete) Leitzins der jeweiligen Zentralbank.
Vertreter der Modern Monetary Theory (MMT) argumentieren, dass sich die Höhe der Anleiherenditen, die private Käufer verlangen – zumindest bei Staaten, die Schulden in ihrer eigenen Währung begeben – nicht aus einer Einschätzung des Ausfallrisikos ergibt. Stattdessen orientieren sich die Renditen vor allem an den Erwartungen der Finanzmarktteilnehmer über die zukünftige Geldpolitik der Zentralbank während der Laufzeit der Anleihe.
Insbesondere der Leitzins spielt dabei eine zentrale Rolle. Darauf sind wir in einem Text zum Mini-Budget-Debakel von Liz Truss näher eingegangen:
“Stattdessen richteten sich die Renditen – wie allgemein üblich – vor allem nach den Erwartungen zum zukünftigen Verlauf der Zinspolitik. Anleger und Banken schätzen ab, wie sich der Leitzins über die Laufzeit der Anleihen entwickeln wird. Wenn Marktteilnehmer eine Steigerung der Leitzinsen erwarten, verlangen sie höhere Renditen, weil andere Assets (neue Anleihen mit höherem Coupon, Einlagen) vergleichsweise attraktiver werden. Der wichtigste Referenzzins ist hierbei der Einlagezins, den die BoE [Bank of England] auf Guthaben von Banken bei der Zentralbank zahlt. Wenn dieser steigt, muss auch die Anleiherendite steigen, da es sonst attraktiver wäre, dass Geld auf dem Zentralbankkonto zu lassen.”
Der Zusammenhang zwischen Leitzins und Anleiherenditen
Abbildung 2 zeigt ein Streudiagramm zum Zusammenhang zwischen dem Leitzins und den Renditen langfristiger Staatsanleihen. Anders als beim Vergleich mit der Staatsschuldenquote verläuft die Regressionslinie hier deutlich ansteigend. Länder mit höheren Leitzinsen weisen in der Regel auch höhere Renditen auf ihre Staatsanleihen auf. Im Gegensatz zur Schuldenquote zeigt sich hier also ein klarer empirischer Zusammenhang zwischen beiden Größen. Der R²-Wert liegt bei 0,9647, was bedeutet, dass der Leitzins über 96 Prozent der Variation der Anleiherenditen in unserem Datensatz erklärt.
Die Eurozone als Sonderfall
Die Eurozone stellt einen Sonderfall dar. Zwar gilt der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) für alle Mitgliedstaaten gleichermaßen. Dennoch unterscheiden sich die Renditen auf Staatsanleihen der einzelnen Länder – es bestehen Zinsdifferenzen zwischen den Mitgliedstaaten (sogenannte Spreads). Diese Spreads waren in der Vergangenheit zeitweise erheblich, insbesondere während der Eurozonenkrise. Vor der Finanzkrise 2008 hingegen existierten zwischen den Staatsanleiherenditen der Eurostaaten praktisch keine nennenswerten Unterschiede (siehe Abb. 3).
Um zu untersuchen, wie stabil der Zusammenhang zwischen Leitzinsen und Anleiherenditen im Zeitverlauf ist, haben wir für jedes Jahr im Zeitraum 2008–2025 die entsprechenden R²-Werte berechnet. Im Durchschnitt liegt dieser bei etwa 0,68, schwankt im Zeitverlauf jedoch sehr stark. Diese Volatilität dürfte vor allem mit der Eurozonenkrise zusammenhängen. Schließt man die Eurozone aus der Stichprobe aus, bleibt der Zusammenhang zwischen Leitzins und langfristigen Anleiherenditen über die Jahre hinweg relativ stabil hoch (durchschnittlich etwa R² = 0,85), auch wenn es weiterhin gewisse Schwankungen gibt.
Der Grund dafür liegt darin, dass sich die Renditen langfristiger Staatsanleihen nicht allein am aktuellen Leitzins orientieren. Entscheidend sind vielmehr die Erwartungen der Finanzmarktteilnehmer über den durchschnittlichen Verlauf der kurzfristigen Zinssätze während der gesamten Laufzeit der jeweiligen Anleihe. Gerade bei längeren Laufzeiten können sich diese Erwartungen deutlich vom aktuellen Leitzins unterscheiden – insbesondere dann, wenn Veränderungen der Geldpolitik bereits absehbar sind.
Ein Beispiel dafür ist der Energiepreisschock im Jahr 2022 in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Viele Marktteilnehmer rechneten bereits früh mit Zinserhöhungen seitens der Zentralbanken, während diese erst mit zeitlicher Verzögerung umgesetzt wurden. In solchen Situationen können sich die Renditen langfristiger Staatsanleihen zeitweise stärker von den jeweils aktuellen Leitzinsen entfernen.
Die besonders starken Abweichungen während der Eurozonenkrise hatten jedoch eine andere Ursache. Hier spielte insbesondere der Sicherheitenrahmen der EZB eine zentrale Rolle, der zu erheblichen Zinsdifferenzen zwischen den Mitgliedstaaten beitrug. Auffällig ist allerdings, dass diese Spreads in den letzten Jahren wieder deutlich kleiner geworden sind.
Dies stützt die These mancher MMT-Ökonomen wie Dirk Ehnts und Randall Wray, dass die institutionellen Veränderungen der vergangenen Jahre es den Mitgliedstaaten der Eurozone inzwischen erlauben, den Euro gewissermaßen so zu nutzen, als wäre er ihre eigene nationale Währung.
Abweichungen in der Eurozone-Krise
Die Zinsaufschläge zwischen Staatsanleihen der Eurozonenländer entstanden während der Eurozonenkrise vor allem durch das Handeln der EZB und nicht durch unterschiedliche Fiskalpolitik oder Ausfallrisiken der Länder. Über ihren Sicherheitenrahmen – eine weitere Säule der Geldpolitik neben Zinspolitik und Offenmarktgeschäften – behandelte die EZB Staatsanleihen unterschiedlich, indem sie Haircuts erhöhte oder Anleihen einzelner Länder ganz als Sicherheiten ausschloss.
Diese Praxis, die andere große Zentralbanken wie die Federal Reserve oder die Bank of England bei Staatsanleihen ihrer eigenen Währungsräume nicht verfolgen, wurde etwa vom Politökonom Jens van’t Klooster als „Wurzel“ der Eurozonenkrise bezeichnet. Höhere Haircuts bedeuteten, dass Banken für dieselben Staatsanleihen weniger Kredit bei der EZB erhielten, wenn sie diese als Sicherheit hinterlegten. Dadurch verloren diese Papiere an Attraktivität, und Banken verlangten höhere Renditen, um sie weiterhin zu halten.
Zeitweise konnten Banken beispielsweise für portugiesische Staatsanleihen im Wert von 100 Euro nur etwa 20 Euro Kredit bei der EZB aufnehmen – ein Collateral Haircut von 80 Prozent. Griechische, portugiesische sowie zypriotische Staatsanleihen wurden zeitweise von der EZB und privaten Clearinghäusern sogar vollständig als Sicherheiten abgelehnt. Infolgedessen fielen die Preise dieser Staatsanleihen und die Renditen stiegen.
Dieser Effekt wurde zusätzlich durch private Finanzmarktakteure verstärkt, die die Haircuts der EZB häufig direkt übernahmen. Das führte zu einer starken Fragmentierung der Anleihezinsen im Euroraum.
Fazit
Die Ergebnisse sind eindeutig: Aus einem internationalen Vergleich lässt sich kein Zusammenhang zwischen der Höhe der Staatsverschuldung und den Zinsen auf Staatsanleihen ableiten. Staaten mit höheren Schuldenquoten zahlen also nicht systematisch höhere Zinsen. Auch für die ominöse 90-Prozent-Staatsschuldenquote, ab der die Finanzmärkte laut Wirtschaftswoche besonders nervös werden sollen, finden sich in unseren Daten keine Hinweise auf einen solchen Zusammenhang. In den vergangenen 18 Jahren (seit 2008) zahlten Staaten mit einer Schuldenquote von über 90 Prozent im Mittel sogar geringere Zinsen auf ihre Anleihen als Staaten mit niedrigeren Schuldenständen.
Deutlich stärker ist hingegen der Zusammenhang zwischen der Ausrichtung der Geldpolitik – insbesondere der Höhe der (erwarteten) Leitzinsen – und den Renditen langfristiger Staatsanleihen. Anleiherenditen orientieren sich dabei jedoch nicht am aktuellen Leitzins, sondern am erwarteten durchschnittlichen Verlauf der kurzfristigen Zinssätze über die gesamte Laufzeit der Anleihe. Unsere Auswertung verwendet den aktuellen Leitzins daher nur als Näherungswert für diese Zinserwartungen.
Darüber hinaus können auch länderspezifische Faktoren eine Rolle spielen – etwa institutionelle Besonderheiten wie der erwähnte Sicherheitenrahmen der EZB. In unserem Artikel zum gescheiterten Mini-Budget von Liz Truss haben wir einen Fall beschrieben, in dem Anleihezinsen und Leitzinsen aufgrund einer fehlgeleiteten Geldpolitik zeitweise auseinanderdriften konnten.
Unsere Analyse ist bewusst einfach gehalten7, zeigt jedoch, dass das verbreitete Narrativ, nach dem höhere Staatsverschuldung automatisch zu höheren Zinsen führt, empirisch nicht haltbar ist. Dabei geht es um mehr als eine akademische Streitfrage: Wenn notwendige staatliche Ausgaben aus Angst vor steigenden Zinsen unterbleiben, hat die Gesellschaft ein Problem.
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