Aufschwung unter Vorbehalt
Steigende Exporte und sinkende Inflation sorgen für erste Lichtblicke. Doch fragile Erholung der deutschen Wirtschaft droht erneut ausgebremst zu werden. Während Berlin auf Steuererleichterungen setzt, mahnt Brüssel eine grundlegende Neuausrichtung der Energiepolitik an.
- Erneute Eskalation des Iran-Kriegs treibt Öl- und Spritpreise wieder nach oben und dämpft die zuvor positive Preisentwicklung
- Inflationsrate im Juni bei 2,3 Prozent, getragen von sinkenden Energie- und Lebensmittelpreisen – Entwicklung könnte bald kippen
- Deutsche Exporte wuchsen im Mai überraschend den vierten Monat in Folge, vor allem getrieben durch das US-Geschäft
- Reformpaket der Bundesregierung wird von Arbeitgebern gelobt, von Kritikern jedoch als wirkungslos für die Konjunktur eingestuft
- Neuverschuldung von rund 838 Milliarden Euro für Rüstung und Infrastruktur bleibt zentraler fiskalischer Faktor
- EU-Kommission prüft ein Elektrifizierungsziel von 46 Prozent bis 2040 und reformiert zugleich das Emissionshandelssystem
Trotz einzelner positiver Konjunktursignale bleibt der Ausblick für die deutsche Wirtschaft verhalten. Geopolitische Spannungen, hohe Unsicherheit und eine schwache Investitionstätigkeit bremsen die Erholung weiterhin.
Iran-Krieg treibt Energiepreise wieder nach oben
Die Entlastung an den Zapfsäulen war nur von kurzer Dauer. Nachdem die zwischenzeitliche Beruhigung im Iran-Krieg die Ölpreise wieder nahezu auf das Vorkrisenniveau gedrückt hatte, sorgte die erneute Eskalation für eine Kehrtwende. US-Präsident Donald Trump erklärte den Waffenstillstand für beendet und ließ erneut Ziele im Iran angreifen. Die Ölpreise reagierten unmittelbar mit deutlichen Aufschlägen.
Auch an den Tankstellen macht sich dies bereits bemerkbar. Nach Angaben des ADAC kostete ein Liter Diesel im bundesweiten Tagesdurchschnitt zuletzt erstmals seit Mitte Mai wieder mehr als zwei Euro. Zusätzlich entfällt seit Ende Juni der Tankrabatt, dessen Energiesteuersenkung die Inflation nach Berechnungen der Bundesbank zuvor um rund einen Viertelprozentpunkt gedämpft hatte.
Inflation sinkt vorerst, Gegenwind nimmt jedoch zu
Die Verbraucherpreise stiegen im Juni gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,3 Prozent und bestätigten damit die vorläufige Schätzung des Statistischen Bundesamts. Nach 2,9 Prozent im April und 2,6 Prozent im Mai setzte sich der Rückgang der Inflationsrate zunächst fort.
Maßgeblich verantwortlich waren die nachlassenden Preissteigerungen bei Energie. Kraftstoffe verteuerten sich im Juni gegenüber dem Vorjahr noch um 11,3 Prozent, nachdem die Zuwachsraten im April und Mai mit rund 26 beziehungsweise 18 Prozent deutlich höher ausgefallen waren. Insgesamt stiegen die Energiepreise nur noch um 3,4 Prozent, nach 6,6 Prozent im Mai und 10,1 Prozent im April.
Bei den Lebensmitteln entwickelte sich das Preisniveau uneinheitlich. Speisefette und Speiseöle verbilligten sich um 14,7 Prozent, Butter sogar um 29,1 Prozent. Gleichzeitig verteuerten sich Eier um 14,6 Prozent. Die KfW-Ökonomin Stefanie Schoenwald hält diese Entspannung jedoch für vorübergehend. Die hohen Düngemittelpreise der vergangenen Wochen und ein sich abzeichnender starker El Niño dürften den Preisdruck bei Nahrungsmitteln wieder erhöhen.
Die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel lag mit 2,5 Prozent bereits über der Gesamtinflation. Vor allem Dienstleistungen verteuerten sich mit 3,1 Prozent weiterhin deutlich, in sozialen Einrichtungen sogar um 6,8 Prozent.
Mit der erneuten Eskalation im Nahen Osten dürfte der Inflationsdruck in den kommenden Monaten allerdings wieder zunehmen. Steigende Energie- und Transportkosten würden die ohnehin schwache Binnennachfrage zusätzlich belasten und die zuletzt sichtbare Entspannung bei den Verbraucherpreisen rasch wieder zunichtemachen.
Exporte trotzen dem schwierigen Umfeld
Für einen Lichtblick sorgte zuletzt der Außenhandel. Die deutschen Exporte legten im Mai den vierten Monat in Folge zu. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stiegen die kalender- und saisonbereinigten Ausfuhren gegenüber April um 0,9 Prozent auf 137,9 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahresmonat entspricht dies einem Plus von 6,1 Prozent.
Besonders dynamisch entwickelte sich das Geschäft mit den USA. Die Exporte dorthin stiegen um 23,1 Prozent auf 14,1 Milliarden Euro. Auch die Ausfuhren nach China nahmen um 7,1 Prozent auf 6,2 Milliarden Euro zu. Dagegen gingen die Exporte in die übrigen europäischen Staaten um 1,1 Prozent auf 78,3 Milliarden Euro zurück.
Gleichzeitig sanken die Importe gegenüber dem Vormonat um 2,5 Prozent auf 118,8 Milliarden Euro. Dadurch weitete sich der Außenhandelsüberschuss von 14,7 auf 19,1 Milliarden Euro aus.
Die Entwicklung überraschte viele Ökonomen, die angesichts der erneuten Eskalation im Iran-Krieg eher mit einer Abschwächung gerechnet hatten. An der grundsätzlichen Lage ändert sie jedoch wenig. Die Wirtschaftsweisen erwarten für dieses Jahr weiterhin lediglich ein Wachstum von 0,5 Prozent. Auch für 2026 rechnen die meisten Institute nur mit einer ähnlich schwachen Expansion, die vor allem von den kreditfinanzierten Investitionen des Staates getragen werden dürfte. Zugleich könnten steigende Energie- und Transportkosten die exportorientierte deutsche Wirtschaft schon in den kommenden Monaten erneut belasten.
Reformpaket zwischen Angebotspolitik und Nachfrageproblem
Mit ihrem „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ hat die Bundesregierung Steuerentlastungen von rund zehn Milliarden Euro sowie arbeitsrechtliche Lockerungen beschlossen. Parallel sollen bis 2030 rund 838 Milliarden Euro an neuen Schulden für Rüstung und Infrastruktur aufgenommen werden.
Während Arbeitgeberverbände die Reformen als Signal für bessere Investitionsbedingungen begrüßen, bezweifeln andere Ökonomen ihre konjunkturelle Wirksamkeit. So verweist Florian Schaaf darauf, dass Steuerentlastungen von zehn Milliarden Euro gemessen an einer Wirtschaftsleistung von rund 4.470 Milliarden Euro im Jahr 2025 vergleichsweise gering ausfielen. Hinzu komme, dass hohe Einkommen überproportional profitierten und zusätzliche Mittel deshalb eher gespart als konsumiert würden.
Auch die Lockerungen im Arbeitsrecht bewertet Schaaf kritisch. Längere Befristungen und ein erleichterter Kündigungsschutz könnten einzelnen Unternehmen zwar mehr Flexibilität verschaffen. Gesamtwirtschaftlich drohten sie jedoch die Nachfrageschwäche eher zu verstärken, da geringere Personalausgaben eines Unternehmens zugleich entgangene Einkommen anderer Wirtschaftsteilnehmer bedeuteten. Ohne eine stärkere staatliche Nachfragepolitik sei daher kaum mit einer spürbaren konjunkturellen Belebung zu rechnen.
Anders fällt die Bewertung der kreditfinanzierten Infrastrukturinvestitionen aus. Sie wirken sunmittelbar über zusätzliche öffentliche Nachfrage und können die Konjunktur stabilisieren, sofern die Mittel zügig in konkrete Projekte fließen. Deutlich geringer werden dagegen die gesamtwirtschaftlichen Multiplikatoreffekte der ebenfalls schuldenfinanzierten Rüstungsausgaben eingeschätzt, auf die MAKROSKOP bereits mehrfach hingewiesen hat.
Von Öl und Gas zu Strom: Brüssel setzt auf Elektrifizierung
Die erneute Eskalation im Iran-Krieg hat die Debatte über Europas Energieversorgung neu entfacht. Nach dem Willen der EU-Kommission sollen Industrie, Gebäude und Verkehr künftig deutlich stärker auf Strom statt auf fossile Energieträger setzen. Deshalb prüft Brüssel ein Elektrifizierungsziel von 46 Prozent bis 2040.
Der Handlungsbedarf ist aus Sicht der Kommission groß. Der Elektrifizierungsgrad stagniert EU-weit derzeit bei 23 Prozent, bis 2030 soll er auf 32 Prozent steigen. China, Japan und Südkorea liegen bereits heute darüber. Deutschland erreichte 2024 nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft lediglich einen Wert von 20 Prozent. Während Gewerbe und Dienstleistungen bereits auf einen Elektrifizierungsgrad von 38 Prozent kommen und die Industrie bei 31 Prozent liegt, hinkt insbesondere der Verkehrssektor mit lediglich 3 Prozent deutlich hinterher.
Auslöser der neuen Initiative sind jedoch nicht allein die Klimaziele. Nach Angaben der EU-Kommission hat der seit Februar andauernde Iran-Krieg die Kosten für Öl- und Gasimporte bereits um rund 50 Milliarden Euro erhöht, ohne dass zusätzliche Energiemengen eingeführt wurden. Nach der Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine erlebt Europa damit innerhalb von fünf Jahren bereits den zweiten massiven Preisschock bei fossilen Energieträgern. Da die EU weiterhin mehr als die Hälfte ihres Energiebedarfs durch Importe deckt, gilt Energieunabhängigkeit in Brüssel inzwischen zunehmend als geopolitische und wirtschaftliche Sicherheitsfrage.
Die Kommission verspricht sich von einer stärkeren Elektrifizierung erhebliche Einsparungen. Bis 2040 könnten mehr als 70 Prozent der heutigen Gasimporte ersetzt und die Rohölimporte um rund 40 Prozent reduziert werden. Dadurch ließen sich fossile Importkosten von bis zu 260 Milliarden Euro einsparen und die CO₂-Emissionen um mehr als zwei Milliarden Tonnen beziehungsweise 20 bis 30 Prozent senken.
Um dieses Ziel zu erreichen, will Brüssel unter anderem den Einbau von Wärmepumpen und die Verbreitung von Elektrofahrzeugen beschleunigen. Gleichzeitig soll Strom günstiger werden. Vorgesehen sind ein schrittweiser Abbau fossiler Subventionen sowie steuerliche und regulatorische Entlastungen für Strom, über die Mitgliedstaaten und Europäisches Parlament noch beraten müssen. Nach Berechnungen der Kommission können Wärmepumpen im Betrieb bis zu 60 Prozent günstiger sein als fossile Heizsysteme, Elektrofahrzeuge sogar bis zu 78 Prozent günstiger als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.
Reformiertes Emissionshandelssystem soll Investitionen erleichtern
Parallel zur Elektrifizierungsstrategie reformiert die EU-Kommission das europäische Emissionshandelssystem (EHS). Seit seiner Einführung im Jahr 2005 hat es Einnahmen von mehr als 270 Milliarden Euro erzielt und die Emissionen der erfassten Sektoren um mehr als die Hälfte reduziert.
Künftig soll der CO₂-Ausstoß langsamer sinken als ursprünglich vorgesehen. Der lineare Reduktionsfaktor wird von derzeit 4,3 Prozent auf 3,7 Prozent in den Jahren 2031 bis 2035 und anschließend auf 1,7 Prozent bis 2040 abgesenkt. Zertifikate bleiben dadurch länger verfügbar, wodurch sich der Preisdruck für Unternehmen zunächst verringert.
Flankiert wird die Reform durch eine mit 100 Milliarden Euro ausgestattete Bank für industrielle Dekarbonisierung sowie einen Investitionsbooster von schätzungsweise 30 Milliarden Euro. Die Kommission hofft, damit den klimafreundlichen Umbau der Industrie zu beschleunigen, ohne ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter zu schwächen.
Ob die Lockerungen tatsächlich zusätzliche Investitionen auslösen oder vor allem kurzfristig die Kosten der Unternehmen senken, ohne die Transformation wesentlich zu beschleunigen, dürfte sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen.
Fazit: Erholung bleibt anfällig
Die deutsche Wirtschaft sendet derzeit widersprüchliche Signale. Sinkende Inflationsraten und überraschend robuste Exporte sprechen für eine vorsichtige Stabilisierung. Gleichzeitig erhöhen der erneut eskalierende Iran-Krieg und steigende Energiepreise das Risiko neuer Belastungen für Unternehmen und Verbraucher.
Hinzu kommen ungelöste strukturelle Herausforderungen. Die konjunkturelle Wirkung des Reformpakets der Bundesregierung bleibt umstritten, während die milliardenschweren öffentlichen Investitionen ihre Wirkung erst noch entfalten müssen. Parallel versucht die Europäische Union, den Umbau ihres Energiesystems zu beschleunigen und die Abhängigkeit von fossilen Importen dauerhaft zu verringern.
Ob daraus ein nachhaltiger Aufschwung entsteht, wird deshalb nicht allein von der Geld- oder Fiskalpolitik abhängen. Entscheidend dürfte sein, ob es gelingt, Investitionen anzustoßen, die Energieversorgung krisenfester zu machen und die geopolitischen Risiken für Europas Wirtschaft zu begrenzen.