Makroskop
Kreislauf, Klima, Kapital

Rauchen doch nicht schädlich! Gezeichnet Dr. Marlboro

| 16. Juli 2026

Deutschland ächzt unter einer Hitzewelle. Das Symptom einer allgemeinen menschengemachten Erwärmung – sagen die meisten. Nein, nur eine natürliche Abweichung vom Trend – wenn überhaupt – sagen andere. Die Gesellschaft tut sich immer schwerer im Umgang mit dem Klimawandel. Das ist beabsichtigt.

Dass die Klimapolitik in der schnellen Folge verschiedener Krisen sukzessive aus von ihrem prominenten Platz im medialen Rampenlicht verdrängt würde, war absehbar. Gerade die EU illustriert diesen Bewusstseinswandel: Von Ursula von der Leyens ambitioniertem Green Deal ist im europäischen Rüstungsrausch kaum noch etwas zu hören.

Abgeräumt sind die wesentlichen Ziele nicht, insbesondere da ein nachhaltiges Energie- und Wirtschaftssystem hervorragend als strategischer Asset geframed werden kann. Das passt ins selbstangelegte geistige Korsett. Doch dass Union und Einzelstaaten sich zuallererst vor der Rezessionsangst treiben lassen, statt von echter Ambition, erkennt man an der Schwerpunktsetzung der aktuellen Reformen.

Die große Gewinnerin dieser Reformen in Deutschland ist nach wie vor die AfD. Zwar konnten sich Union und SPD mit der verhältnismäßig harmonisch ablaufenden Rentenreform Luft verschaffen und einen für die Öffentlichkeit weitgehend tragbaren Kompromiss vorlegen. Doch den klaren Vorsprung der AfD in den Umfragen wird das so schnell nicht schmelzen lassen. Sie positioniert sich durchaus geschickt an einem Knotenpunkt nationalkonservativer und wirtschaftsliberaler Politik, der weltweit Konjunktur hat.

Auf der einen Seite ist das von den Zentrumsparteien selbst provoziert. Doch die intellektuelle und rhetorische Basis dieser Politik wird sorgsam gehegt und ist einem langfristigen Planungshorizont untergeordnet. Medien und Gesellschaft gehen dem Kampagnenmix aus Wirtschaft, Klima und Migration immer öfter auf den Leim, sehen sich dabei aber als Aufklärer. Doch eigentlich sind die knallharten Interessen rechtsliberaler Bewegungen bei genauerem Hinsehen klar zu erkennen. Und mit Aufklärung haben sie nichts zu tun.  

Intellektuelle Unredlichkeit verkleidet als skeptischer Rationalismus

Das Signal, das die Recherche für diesen Artikel einleitete, war das Wahlprogramm der AfD für die zurückliegende Bundestagswahl. Um die Wissensproduktion und -diffusion innerhalb der internationalen Rechten zu verstehen, bietet sich hier ein wunderbares Beispiel. Es ist die Spitze eines Eisbergs aus wirtschaftlichen Beziehungen, intellektuellen Referenzen und libertärer Ideologie.  

Man schlage Seite 77 des besagten Wahlprogramms auf. Im beiläufig abgehandelten Unterpunkt „Klima“ heißt es: „Der angebliche wissenschaftliche Konsens des ‚menschgemachten Klimawandels‘ war schon bisher politisch konstruiert. Er fällt mit der jüngst veröffentlichten Ablehnung einer behaupteten ‚Klimakrise‘ durch rund 2000 Fachexperten, darunter zwei Nobelpreisträger, komplett in sich zusammen.“ Folglich sei auch kein politisches Handeln notwendig. Im Gegenteil, es schade nur der Wirtschaft. Die aktuelle Deindustrialisierung Deutschlands scheint der Partei recht zu geben.

Die AfD bringt hier die intellektuelle Volte fertig, die von ihr referierte Erklärung als Totschlagargument im Wahlprogramm zu verlinken. Auffällig ist das, da der Erklärung des Think Tanks Clintel die fachliche Basis fehlt. Auch Laien können das einfach nachweisen. Es ist eine, wenn nicht gar die bemerkenswerteste Strategie libertärer Kampagnen: Unter Berufung auf akademische Autoritäten wird eine Scheindiskussion konstruiert, die eine empirisch unhaltbare oder eine Nischenmeinung öffentlichkeitswirksam so inszeniert, als handele es sich bei ihr um eine argumentative Auseinandersetzung auf Augenhöhe.  

Gerade die von der AfD angeführte Clintel ist ein hervorragendes Beispiel für interessengeleitete Positionierung. Während die Organisation zwar offiziell bestreitet, direkte Finanzmittel von der Öl- und Gasindustrie zu erhalten, ein erheblicher Teil seiner prominenten Gründer, „Botschafter“ und Unterzeichner jedoch direkte berufliche Verbindungen zu Unternehmen der fossilen Brennstoffindustrie oder von der Ölindustrie finanzierten Thinktanks unterhält.

Mehrere der Hauptorganisatoren und hochkarätigen „Botschafter“ der Erklärung haben eine leicht nachweisbare Vergangenheit im Öl- und Gassektor: So ist Mitbegründer Prof. Dr. Ir. Guus Berkhout pensionierter Geophysiker, der seine Karriere in den 1960er- und 1970er-Jahren direkt bei Royal Dutch Shell begann. Später gründete er an der Technischen Universität Delft das Delphi-Konsortium, das von großen Ölkonzernen wie Shell, BP und Chevron massiv finanziert wurde, um Öl- und Gasfördertechniken zu optimieren.

Der bekannteste deutsche Unterzeichner ist Fritz Vahrenholt. Seines Zeichens prominenter deutscher Manager, der früher im Vorstand der Deutsche Shell AG tätig war und später Vorstandsvorsitzender von RWE Innogy wurde, einem großen Energie- und Versorgungsunternehmen, das eng mit der Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen verbunden ist. Er ist besonders in einschlägigen Publikationen des liberal-konservativen Spektrums wie Achse des Guten journalistisch präsent.

Exemplarisch für die US-amerikanische Skeptiker-Bewegung steht Richard Lindzen. Ein pensionierter Meteorologe des MIT, der seit langem Verbindungen zu von der fossilen Brennstoffindustrie finanzierten libertären Thinktanks unterhält. Unter anderem war er als Distinguished Senior Fellow am Cato Institute tätig und arbeitete mit dem Heartland Institute zusammen – beide erhielten in der Vergangenheit erhebliche Finanzmittel von ExxonMobil und Koch Industries.

Darüber hinaus listet Clintel etliche Geologen und Geophysiker – die oft in der Peripherie der Ölindustrie Anstellung finden – und andere Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Der Nobelpreisträger Ivar Giaever wird als verdienstvoller Forscher gerne angeführt. 1973 wurde er für seine Arbeit zum Tunneleffekt in Supraleitern geehrt. Einen Bezug zur Klimawissenschaft hat er nicht.  

All das ist schnell recherchiert. Trotzdem wird die Clintel-Erklärung gerne rezipiert und eben von der AfD als intellektuelle Basis für ihre Leugnung des anthropogenen Klimawandels verwendet. Man muss sich die Frage stellen: Wen will die Partei eigentlich für dumm verkaufen?

Wiederholung mit finanziellem Feuerschutz: Die Strategie verfängt

Neben den akademischen Autoritäten tauchen bei der Recherche über die Desinformationskampagnen immer wieder dieselben Institutionen auf: Heartland und Cato Institute, zwei libertäre Thinktanks in den USA mit hervorragenden Beziehungen in Wirtschaft und Politik sowie für Deutschland der wesentlich kleinere Verein EIKE. Der Name „Europäisches Institut für Klima & Energie“ suggeriert institutionelle Größe und Seriosität.

Tatsächlich handelt es sich um einen eher kleinen Verein, der als Informationsverbreiter in Deutschland dient. Auf der Website liest man Artikel mit Überschriften wie „Im Jahr 1540 gab eine Megadürre in Europa – na klar, menschengemacht, mit Pferdekutschen, oder?“ Wem das nicht als intellektuelle Selbst-Demaskierung genügt, dem sei eine Correctiv-Recherche ans Herz gelegt, bei der zwei Journalisten anonym an einer EIKE-Konferenz teilnahmen. Hier trafen sie auch auf Heartland-Chefstratege James Taylor, der ihnen erklärt, wie man institutionelle Spenden an die Klimawandelleugner durch Fonds wie den Donors Trust verschleiern könnte.

Die Denkfabriken sind untereinander gut vernetzt. Und gerade in den USA bieten sich beste Möglichkeiten, Spenden zu akquirieren, deren Ursprung nicht bekannt werden soll. Die bei weitem einträglichste Strategie ist aber die ständige Wiederholung einfacher Punkte. Was bekannt erscheint, wirkt vertrauenswürdiger – die Werbeindustrie macht sich dieses psychologische Prinzip schon lange zunutze. Eine Marke und ihren Erfolg begründet man nicht nur durch Qualität, sondern auch durch Namen und Werbung. Im Supermarkt entscheidet dann nicht die rationale Analyse über einen Kauf, sondern Heuristiken. Das Vertraute ersetzt wegen seiner automatisierten Effizienz das empirisch beste.

Problematisch wird es, wenn Journalisten wissentlich oder unwissentlich diese Muster übernehmen. Das ist keineswegs immer in der primitiven Form zu sehen, durch die sich die Beiträge bei EIKE auszeichnen. Ehrliche Fehler und geschickte Framings sind ebenso an der Tagesordnung wie plumpe Desinformation.

In einem FAZ-Artikel aus dem März heißt es: „Fachleute hegen weiter Zweifel.“ Dabei ging es um den Vorteil der erneuerbaren Energien gegenüber fossilen Energieträgern. Eine Studie der enervis energy advisors GmbH hatte den Kostenvorteil der Erneuerbaren herausgestellt. FAZ-Korrespondent Christian Geinitz gab diese Studie wieder und betonte, dass Fachleutedaran begründete Zweifel hegten. Er führt, um sein Argument u untermauern, eine Berechnung eines Forschers an, der – Überraschung – immer wieder im Dunstkreis von Heartland und Co. auftaucht und für bewusst extreme Berechnungen bekannt ist, die die Vorteile Erneuerbarer untergraben. Diese Position führt Geinitz an, um die in der enervis-Studie belegten Kostenvorteile zu hinterfragen. Seinen Kronzeugen Manuel Frondel hinterfragt er nicht.

Das ist an sich kein Problem: Kritische Blicke auf die Energiewende sind wichtig und angemessen. Dass die FAZ eher dem konservativen Spektrum angehört, das eine entspanntere Haltung zum Klimawandel vertritt, ist ebenfalls bekannt. Der Artikel ist vielmehr ein Fallbeispiel für die Virulenz verschiedener talking points aus der Skeptiker-Bewegung und ihre extremgute Vernetzung.

Kritischer Klimajournalismus bleibt notwendig, da die Klimawissenschaft wie jede andere auch von publication bias betroffen und von ökonomischen Interessen tangiert wird. Das Wirkungsverhältnis Klima/Energie und Gesellschaft ist hochkomplex, selbst wenn das Fundament ein außergewöhnlicher wissenschaftlicher Konsens über die Herkunft der aktuellen Wandeltendenzen ist.

Doch Kritik um der Kritik willen ist mitunter genauso schädlich wie gezielte Desinformation. Insbesondere wenn die Kritik sich auf gut gemachte Desinformation stützt.