Makroskop
Theorie

Wie wir die Produktivität unserer Wirtschaft erhöhen

| 14. Juli 2026

Für die Herausforderungen der Zukunft brauchen wir eine produktive Wirtschaft. Wie lässt sich die Produktivität steigern – und welche Konflikte gibt es dabei?

Die deutsche Gesellschaft altert nicht nur, sie muss auch die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft schaffen. Mit anderen Worten: Während in Zukunft weniger Erwerbstätige mehr Rentnerinnen und Rentner versorgen müssen, wächst zugleich die Herausforderung, die negativen Auswirkungen der Produktion auf Klima und Umwelt ohne Effizienzverluste zu reduzieren.

Produktivität kann unterschiedlich betrachtet werden. Oft gemeint ist die Arbeitsproduktivität, also der wirtschaftliche Output pro geleistete Arbeitsstunden. Die Mainstream-Ökonomie verhandelt darüber hinaus vor allem ein weiteres Produktivitätskonzept: die „totale Faktorproduktivität“. Die abstrakte Formel zeigt einen Term, der neben Arbeit und Kapital eine weitere, den größten Teil einnehmende Restgröße abbildet. Diese soll indirekt die verwendete Technologie ausdrücken.

Der Ökonom Steve Keen argumentiert auf MAKROSKOP: Weder Arbeit noch Kapital produzieren irgendetwas aus sich heraus – beide brauchen Energie als Antrieb. Was die wirkliche Restgröße daher tatsächlich abbildet, ist der Energiedurchsatz der Maschinen. Produktivitätssteigerung bedeutet für den Australier demnach zwangsläufig eine Reduktion des Energiebedarfs. Diese Interpretation zeigt somit eine weitere Form der Produktivität: den Output relativ zum Ressourcenverbrauch.

So oder so: Die Wirtschaft soll effizienter werden und bei reduziertem Arbeits- oder Energieaufwand den gleichen oder mehr Output generieren. Doch wie kann das erreicht werden? Was braucht es für eine steigende Produktivität? Und welche Konflikte können dabei entstehen?

Die Rolle der Innovationen

Damit die Produktivität steigt, ob nun Arbeits- oder Ressourcenproduktivität, waren in der Vergangenheit neue Innovationen entscheidend. Die Erfindung der Dampfmaschine zum Beispiel hob die Produktion im Vergleich zur Handarbeit auf ein neues Level. Genauso wichtig war aber auch eine Weiterentwicklung, die die dafür nötige Energie um ein Vielfaches reduzierte.

Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter unterschied zwischen verschiedenen Innovationsarten: Prozessinnovationen und Produktinnovationen. Erstere umfassen neue Produktionsmethoden und neue Bezugsquellen für Rohstoffe oder Halbfertigprodukte. Zweitere stehen für ein neues Produkt oder eine neue Produktqualität, die Erschließung eines neuen Marktes sowie eine neue Branchenstruktur, wie beispielsweise die Schaffung oder Auflösung einer Monopolstellung.

Ein Teil dieser Innovationen entsteht in der Privatwirtschaft: Etablierte Unternehmen tätigen Investitionen, neue Startups werden aufgebaut. Die erste Bedingung ist die Verfügbarkeit von Kapital. Gerade die Vergabe von Risikokapital für Startups stellt eine Herausforderung dar, für die unterschiedliche Lösungsvorschläge vorliegen – darunter die europäische Kapitalmarktunion.

Kapitalverfügbarkeit ist aber nur eine Voraussetzung. Unternehmen brauchen auch einen Anreiz – sprich, ein Renditeversprechen – um Investitionen zu tätigen.

Innovation und Nachfrage – durch steigende Löhne?

Ein wichtiger Faktor für Investitionen ist die Lohnentwicklung: Sind die Löhne niedrig und die Arbeitskraft billig, rentiert es sich nicht, in neue Maschinen zu investieren. Neue Innovationen bleiben aus Kostengründen aus, die (Arbeits-)Produktivität stagniert. Die gleiche Logik lässt sich auch auf die Energiepreise und die Ressourcenproduktivität anwenden, wie es politisch durch den CO2-Preis umgesetzt wird.

Was die angebotsseitige Perspektive oft außen vor lässt: Eine Investition rentiert sich für private Unternehmen in einer Marktwirtschaft nur, wenn die produzierten Güter und Dienstleistungen im nächsten Schritt auch abgesetzt werden können. Entscheidend ist nach keynesianischer Logik demnach auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in einer Ökonomie. Zudem: Durch steigende Absätze reduziert sich rechnerisch die nötige Arbeitszeit pro Outputeinheit.

 „Bei einer hohen Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen werden Unternehmen selbst dann investieren, wenn die Zinssätze hoch sind. Schließlich können sie die höheren Kapitalkosten durch Preiserhöhungen weitergeben“, schreiben Fabio De Masi und Dirk Ehnts in ihrer Kritik am Draghi-Bericht. Solange sie mit Gewinn verkaufen können, sehen sich Unternehmen gezwungen, zu investieren, da andernfalls die Konkurrenz ihren Marktanteil übernimmt.

Die steigenden Löhne, die zuvor als „Produktivitätspeitsche“ und Innovationsmotor fungierten, stärken zudem die Binnennachfrage und sorgen folglich für den Absatz der Produkte. Eine Strategie der lohngetriebenen Binnennachfrage reduziert des Weiteren die Abhängigkeit vom Ausland und trägt insbesondere im Exportland Deutschland zu einer Verringerung internationaler Ungleichgewichte bei.  

Die staatliche Basis

Schwächelt die Nachfrage in einer Volkswirtschaft, kann der Staat diese Lücke über gesteigerte Ausgaben auffüllen. In der Krise hat die staatliche Nachfrage zudem einen hohen Multiplikator: Nicht nur die direkte Ausgabenexpansion hat einen Nachfrageeffekt, sondern die so steigenden Einkommen in der Privatwirtschaft können im zweiten Schritt zusätzliche Nachfrage generieren.

Darüber hinaus besetzt der Staat weitere zentrale Funktionen. Zuvor wurden primär Innovationen des privaten Sektors betrachtet. Ökonominnen wie Mariana Mazzucato weisen jedoch nach, dass fundamentale, hochproduktive Innovationen (wie das Internet, GPS, Touchscreens oder mRNA-Technologie) historisch fast immer durch massive staatliche Vorabinvestitionen entstanden sind. Das Risiko für die private Grundlagenforschung wäre hierfür schlicht zu hoch gewesen.

Das bedeutet folglich: Um die Produktivität der Zukunft zu sichern (etwa auch beim Umbau zur Green Economy), ist ein Staat gefordert, der Märkte nicht nur repariert, sondern aktiv durch gezielte, missionsgeleitete Forschungsförderung und Industriepolitik formt. Dazu gehört eine Bildungsoffensive, denn nur mit der passenden Ausbildung kann hochspezialisierte Forschung gelingen.

Um eine nachfrage- und industriepolitische Strategie dieser Art umzusetzen, muss der Staat seine Ausgaben erhöhen. Auch wenn staatliches Geld, bestehend aus digitalen Buchungssätzen über die Zentralbank, nicht knapp ist (sondern nur reale Ressourcen), minimieren politisch gesetzte Schulden- und Fiskalregeln in Deutschland wie der EU aktuell die Handlungsspielräume.

Messprobleme, Wohlstandskonflikte und die reproduktive Basis

Die Berechnung der Produktivität kann jedoch auch in die Irre führen. Das ergibt sich unter anderem aus der Berechnungsmethode. Produktivität berechnet sich aus dem Volkseinkommen pro geleistete Arbeitsstunden, pro verbrauchte Ressourcen oder anderen Größen – je nach Interessenlage.

Im Bildungssektor oder in anderen Dienstleistungsbereichen, in denen Zeit das Produkt ist, stellt sich beispielsweise die Frage, wie hier der Output erfasst werden kann. Über die Entlohnung? Bedeutet eine hohe Entlohnung auch hohe Produktivität? Darüber hinaus: Wenn Zeit das Produkt ist, wie soll die Produktion dieses Produkts bei gleicher Arbeitszeit erhöht werden?

Zeit ist entscheidend – und das nicht nur in der Produktion, sondern auch bei der Reproduktion. Ohne die insbesondere von Frauen unbezahlt und privat geleistete Sorgearbeit würde die Wirtschaft kollabieren. Damit eine Ökonomie produktiv sein kann, muss diese auch ihre Reproduktion im Blick behalten, was sich beispielsweise in einer guten KiTa-, Gesundheits- oder Pflegeversorgung widerspiegeln würde.

Eine weitere Frage, die sich mit Blick auf das Volkseinkommen stellt: Haben wir wirklich immer einen realen Mehrgewinn, wenn das Bruttoinlandsprodukt steigt? Wachsende Finanz- und Immobilienblasen, die Zerstörung und der folgende Wiederaufbau des Ahrtals oder der Vertrieb von ungesunden Lebensmitteln inklusive der anschließenden Gesundheitsbehandlung – all das steigert letztlich das BIP. Doch haben wir real etwas gewonnen?

Der Konflikt um die Ressourcen

Ein potenzieller Interessenskonflikt liegt kurz- bis mittelfristig auch zwischen der Arbeits- und Ressourcenproduktivität. Steigern wir kurzfristig die Nachfrage, was Absatz und Produktivität erhöht und Folgeinvestitionen anreizt, wächst zunächst auch der Ressourcenverbrauch. Selbst wenn der Trend sich langfristig durch smarte Investitionen umdreht: Möglicherweise sind die planetaren Grenzen bis dahin unwiederbringlich überschritten.

Wie lässt sich der Interessenskonflikt reduzieren? Wenn die Nachfrage nicht hoch genug ist, um einen Investitionsanreiz zu liefern, hat der Staat die Möglichkeit, die nötigen Investitionen zu fördern und abzusichern. Eine weitere essenzielle Frage ist darüber hinaus: Sind alle Produkte, für die wir aktuell reale Ressourcen aufwenden, für ein gutes Leben wirklich vonnöten? Eine intelligente und mutige staatliche Industriepolitik könnte zu einer wesentlich zielführenderen Produktion beitragen.