Wer war eigentlich Joan Robinson?
Obwohl eine der einflussreichsten Ökonomen ihrer Zeit, blieb Joan Robinson der Nobelpreis Zeitlebens verwehrt. Heute weiß kaum noch jemand, wer sie ist ‒ zu Unrecht.
Wer unsere Selbstbeschreibung liest, wird von der Photographie einer jungen Frau begrüßt, deren Antlitz an eine andere Epoche erinnert. Ihre Haare, im Stil der 1920er Jahre gelegt, eine Gretchenfrisur mit strengem Mittelscheitel, sind rechts und links zu einer Schnecke geflochten. Eine für diese Zeit ebenso typische Perlenkette ziert ihren Hals.
Die junge Frau, deren Blick auf dem Bild ähnlich schwer zu deuten ist wie das Lächeln der Mona Lisa, ist Joan Violet Robinson. 1903 im britischen Camberley, Surrey geboren, wird sie einmal zu den bedeutendsten Ökonomen ihrer Zeit gehören. Bis auf den leicht nachdenklichen Blick lässt das Schwarz-Weiß-Foto – wohl aus ihrer Studentenzeit in Cambridge – diese Zukunft noch nicht erahnen. Und heute, fast 40 Jahre nach ihrem Tod, wissen nur noch die wenigsten von der großen Vergangenheit dieses Namens. Hand aufs Herz – kannten Sie die Frau auf diesem Bild? War Ihnen Joan Robinson ein Begriff?
Jeder VWL-Student im ersten Semester kennt Paul A. Samuelson oder Robert Solow. Robinsons Name hingegen ist im Kanon der Literatur vergilbt. Und das, obwohl die Tochter eines Generals, die als Frau jahrzehntelang keine Professorenstelle erlangte, nicht weniger als die Ökonomik revolutionierte, von deren wirklichkeitsfremdem Studium sie in jungen Jahren ähnlich ernüchtert war wie viele Studenten heute. Statt in den mathematischen Nachweis der Funktionsfähigkeit von Marktwirtschaften zu fliehen, arbeitete sie an der Lösung realer Probleme. „Weil ich nie Mathematik gelernt habe, musste ich denken“, sagte sie gerne. Und das tat sie. Vor allem initiierte sie mit ihrer Erweiterung der Theorie von John Maynard Keynes die postkeynesianische Rekonstruktion der Politischen Ökonomie.
Damit geht eine heute wieder aktuelle und wichtige Frage, nämlich welche Rolle Wirtschaftsplanung spielen kann, nicht zuletzt auf sie zurück. Nach vulgärer und heute vorherrschender Interpretation darf der Staat nur dann im Wirtschaftsgeschehen intervenieren, wenn eine schwere Krise den Markt aus seinem natürlichen Gleichgewicht geworfen hat. Für Robinson hingegen war die staatliche Steuerung, um Konjunktur- und Wachstumskrisen zu verhindern, ein fortlaufender Prozess in einem Markt, in dem Ungleichgewichte nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Eine solche aktive Wirtschaftspolitik müsse zudem mit Vorstellungen von gesellschaftlich nützlicher Produktion verbunden werden. Der Gedanke des ökologischen Umbaus der Wirtschaft, den sie im hohen Alter andeutete, ist davon nicht weit entfernt.
Theorie der unvollständigen Konkurrenz
Einen Namen machte sich Joan Robinson trotz aller Widrigkeiten recht schnell. Schon als 29-Jährige erlangte sie mit ihrer ersten großen Veröffentlichung „The Economics of Imperfect Competition“ im Frühjahr 1933 breite Anerkennung. Denn es revolutionierte die Vorstellungen über Wettbewerb und Preisbildung in einer Zeit, als Ökonomen ‒ wie auch in Cambridge Alfred Marshall ‒ die vollständige Konkurrenz als Normalfall lehrten. Eine Idealwelt, in der viele kleine Firmen so hart miteinander konkurrieren, dass sie kaum Gewinn machen. Neben diesem Marktmodell spielte nur noch das Monopol eine Rolle. Eine antiquierte Vorstellung von Wettbewerb, die noch in den 50er und 60er Jahren bei ordoliberalen Ökonomen der Freiburger Schule äußerst prominent war.
Robinsons Buch war ein Angriff auf die innere Logik des statischen Gleichgewichtsmodells, dem das Weltgeschehen zusätzliche Wucht verlieh: Hatte die Weltwirtschaftskrise nicht gerade das inhärente Ungleichgewicht des Marktes mit aller Brutalität unter Beweis gestellt? „So etwas wie eine normale Zeit in der Geschichte gibt es nicht“, schrieb sie später einmal. „Normalität ist eine Fiktion der Ökonomie-Lehrbücher.“ Auch mit der These, dass Löhne durch die Grenzproduktivität der Arbeit bestimmt werden, rechnete Robinson ab.
Für Robinson war die Vorstellung einer vollständigen Konkurrenz bar jeder Realität. Tatsächlich bestimmten schon damals in vielen Branchen große oder mittelgroße Konzerne das Geschehen ‒ nicht unbedingt Monopolisten, aber längst keine kleinen Unternehmen mehr. „The Economics of Imperfect Competition“ zollte dieser Realität Rechnung und bot in scharfem Kontrast zur neoklassischen Modellwelt eine neue Theorie der Unternehmen auf monopolistischen Märkten an, sprich ‒ eine Theorie der unvollständigen Konkurrenz: Unternehmen streben danach, zu wachsen, ihre Marktposition auszubauen und Preise als strategische Variable zu nutzen, auf Kosten der eigenen Angestellten, denen sie weniger zahlen als unter vollständiger Konkurrenz, und der Konsumenten, denen sie höhere Preise abverlangen. Die Folge ist eine immer größere Marktmacht. Politik und unternehmerische Strategien vermengen sich zu einem Konglomerat und werden damit zum Problem für die Demokratie.
Inspiriert und beeinflusst wurde Robinsons Arbeit durch einen Artikel ihres Mentors in Cambridge, dem italienischen Ökonomen Piero Sraffa, der unter dem Titel „The Law of Returns under Competitive Conditions“ 1926 im Economic Journal erschien. Sraffa hatte noch lange vor der Wirtschaftskrise in seinen Vorlesungen, die Robinson besuchte, immer wieder auf die Inkonsistenzen des neoklassischen Gleichgewichtmodells hingewiesen.
Trotzdem distanzierte sich Robinson schon bald von ihrem eigenen Werk, da es, so sie selbst, zu sehr in der Tradition der statischen Gleichgewichtstheorie stehe, die alten Analyseinstrumente verwende und deshalb in eine Sackgasse führe. Diese Selbstkritik kam nicht von ungefähr, denn schon während ihrer Arbeit an „Imperfect Competition“ geriet Robinson allmählich in den Dunstkreis der sich abzeichnenden „Keynesschen Revolution“. Sie wurde Teil des "Cambridge-Circus", eines Diskussionskreises, in dem Keynes die Vorarbeiten zu seiner epochalen "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" (1936) diskutierte.
Keynes in der langen Frist
Keynes Nachweis, dass Marktwirtschaften aus eigener Kraft nicht Vollbeschäftigung sichern können, war ein weiterer Meilenstein einer sich im Umbruch befindlichen Ökonomik. Die effektive Nachfrage, so Keynes, bestimmt kurzfristig das Niveau von Produktion und Beschäftigung. Wo der Markt versagt, muss der Staat einspringen. Wie Briefwechsel zeigen, war Joan Robinson stark in den Diskurs mit Keynes und damit in diese Theorierevolution eingebunden. Keynes, so die Einschätzung Robinsons, habe die Tür zur dynamischen Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung weit aufgestoßen.
Keynes war es auch, der nach der Weltwirtschaftskrise einen noch viel stärkeren Angriff gegen die Gleichgewichtstheorie unternahm als zuvor Robinson. Nun aber warf man sich die Bälle zu. In ihren „Essays in the Theory of Employment“ ( 1937) sucht Robinson wiederum die Grundsätze von Keynes’ „General Theory of Employment, Interest and Money“ auf weitere Gebiete anzuwenden: den Arbeitsmarkt, die Vollbeschäftigung, offene und verdeckte Arbeitslosigkeit und die makroökonomische Analyse von Nominal- und Reallohn.
Allerdings sah sie mit der Zeit auch Defizite in der General Theory . Vernachlässigt werde auch von Keynes das wirkliche Leben, fand Robinson. Weil die Wirtschaft eben nicht statisch, sondern dynamisch ist, reiche es nicht, wenn der Staat nur zyklisch in die Wirtschaft eingreife. In ihrem zweiten Hauptwerk "The Accumulation of Capital" 1956 versuchte Joan Robinson, die Kurzfristanalyse von Keynes in einen Langfristrahmen zu integrieren und damit zu verallgemeinern.
Keynes selbst hatte an einer Korrektur seiner General Theory gearbeitet, die aber durch seinen frühzeitigen Tod unvollendet blieb. Nun wurde Robinsons Rezeption seines Werkes zur maßgeblichen Interpretation. 2013 urteilte das Wirtschaftsmagazin The Economist , dass es Robinson gewesen sei, die Keynes’ ökonomischer Theorie in der öffentlichen Wahrnehmung eine „linke Tönung“ gegeben hätte. Tatsächlich aber verteidigte Robinson Keynes Erbe gegen seine neoklassische Vereinnahmung, die auch heute postkeynesianischen Strömungen wie der Modern Monetary Theory droht .
Vor allem gegen ihren langjährigen Gegenspieler im amerikanischen Cambridge, Paul A. Samuelson, vertrat sie diese Positionen. Für den Vertreter der sogenannten „neoklassischen Synthese“ und Verfasser des US-amerikanischen Lehrbuchklassikers „Economics“ prägte sie stellvertretend den Begriff „Bastard-Keynesianismus“. Samuelson war anders als Robinson der Auffassung, dass bei einem nur kurzfristigen, antizyklischen Einsatz der Währungs- und Fiskalpolitik Massenarbeitslosigkeit und Inflation überwunden werden könnten, so dass nun bei Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität die alten klassischen Wahrheiten wieder voll gelten würden.
Es war die theoriegeschichtlich vielleicht bedeutendste und folgenreichste Vermischung zweier an sich "unverträglicher" Theorien, bei der die Neoklassik als das grundsätzlich korrekte Modell angesehen wird, mit dem sich die Gesetzmäßigkeiten einer Marktwirtschaft zutreffend beschreiben lassen. Langfristig gelte das neoklassische Modell, kurzfristig könne es zu einigen keynesianischen Störungen kommen. Anders gesagt: Nur auf kurze Sicht habe Keynes recht. Mit diesem Schlussstrich kehrte die Ökonomik wieder zum alten Dogma der Gleichgewichtstheorie zurück.
Dass die „neoklassische Synthese“ zur herrschenden Keynes-Interpretation mutierte, konnte Robinson also nicht verhindern. Keynes, so später ihr Vorwurf, sei daran auch selbst schuld. Aus Diskussionen mit ihm wusste sie von seiner heimlichen Sehnsucht nach einer Gleichgewichtsökonomie zu berichten, dass er „selbst erschrocken über die Anklage des Systems freier Unternehmenswirtschaft [war]“, die sich in seiner General Theory darzustellen schien. Deswegen, so Robinson weiter, habe Keynes „das letzte Kapitel in einem sehr besänftigenden Stil“ geschrieben, „der es der orthodoxen Lehre möglich machte, sie zu akzeptieren und sehr leicht die peinlichen Fragen zu übergehen, die die vorangegangenen Kapitel aufgeworfen hatten."
Ihr Widersacher Samuelson merkte einmal an, dass er zwar den wenigsten Beiträgen Robinsons zustimme, ihr aber dennoch den Nobelpreis dafür gegönnt hätte. Einen Preis, den die unbequeme Joan Robinson bis zu ihrem Tod 1983 nie erhalten sollte.
Ob sie den US-amerikanischen Dichter Walt Whitman las, ist nicht bekannt. Stellt man sich unter dem "Astronomen" einen Ökonomen vor, klingen die Verse Whitmans in „Als den gelehrten Astronomen ich hörte…“ fast wie eine Hommage an Robinson.
Als den gelehrten Astronomen ich hörte,
als die Beweise, die Zahlen in langen Reihen er vor mir entwickelte’,
als die Tabellen und Diagramme er mir zeigte,
sie zu addieren, zu teilen und sie zu messen,
als den Astronomen ich hörte, der seinen Vortrag hielt unter großem Applaus,
Wie bald wurde ich da so sonderbar müde und krank,
Bis ich mich erhob, aus dem Saale mich schlich und einsam wanderte,
Hinaus in die feuchte, mystische Nacht, wo von Zeit zu Zeit
den Blick still ich hob nach den Sternen.
Robinsons Blick war weit, der Applaus des Saales aber war ihr letztlich nicht vergönnt.