Makroskop
Don’t Make Economy Crazy Again

Christian Rieck: Ungleichheit? Alles Neider, oder was?

| 16. Juli 2026
IMAGO / Christian Spicker

Die individuelle Vermögensungleichheit nimmt zu. Wer nicht glaubt, dass davon am Ende alle profitieren, sei neidisch und habe kein wirtschaftliches Verständnis. Leider warten „die Neider“ bis heute auf den großen Trickle-Down.

Die Kolumne „Don’t Make Economy Crazy Again” kommentiert pointiert umstrittene Beiträge aus der Welt der Wirtschaftspolitik. Dein ökonomischer Trash-TV in geschriebener Magazin-Form.

„Kaum ist Elon Musk offiziell Billionär, kommen die Neider. Haben sie Recht?“ Mit klassisch liberaler Rhetorik läutet Spieltheoretiker Christian Rieck sein aktuelles YouTube-Video (20.06.) ein. Vor einem großen digitalen Publikum spricht der marktgläubige Staatsskeptiker dann über die florierende Entwicklung des allgemeinen Wohlstands durch die Akkumulation individuellen Vermögens.

Mit dem jüngsten Börsengang von SpaceX ist das Gesamtvermögen von Elon Musk zunächst auf über eine Billion Dollar gestiegen – ein weltweiter Wohlstandsrekord für eine einzelne Person. Für Rieck ist klar: Von konzentriertem Wohlstand, wie das Phänomen Elon es symbolisiert, profitieren am Ende alle Menschen. Wer anders denkt, sei neidisch und habe kein wirtschaftliches Verständnis.

Die Logik dahinter: Die Kapitaleigentümer investieren ihr Vermögen in die Realwirtschaft, wodurch Wirtschaftswachstum entsteht, das dann mittelfristig auf die Konten aller arbeitenden Menschen „durchsickert“. Dieser implizite Mechanismus wird in der Literatur als Trickle-Down-Effekt diskutiert.

„Der Neider“ – so die Analyse des von Rieck zitierten selbsternannten Wissenschaftlers Dr. Dr. Rainer Zitelmann – verstehe diesen Effekt nicht. Anstatt dessen sehe er den einseitigen Wohlstand im Lichte seines Neids fälschlicherweise als Nullsummenspiel. Der Profit des einen werde unwissend als Verlust des anderen gesehen.

Der Trickle-Down-Effekt, den Rieck und Zitelmann als universellen Geltungsmechanismus präsentieren, stützt sich zunächst auf zwei Annahmen: Erstens, das akkumulierte Vermögen führt zu erhöhten realen Nettoinvestitionen (Instandhaltung abgezogen) und daraus resultierend Produktivitätswachstum. Zweitens, der aggregierte Wohlstandsgewinn kommt auch bei allen Beteiligten an.

Machen wir den Realitätscheck: In Deutschland ist die individuelle Vermögensungleichheit dauerhaft hoch und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiter verschärft. Sicherlich geht dieser Wohlstandsgewinn mit steigenden Investitionen und Löhnen einher, oder?

Ein Blick auf die Daten zeigt: Seit den frühen 2000ern zirkulieren die Nettoinvestitionen in Deutschland um den Nullpunkt und bewegen sich zwischenzeitlich gar im negativen Bereich. Im Vergleich dazu zeigten die USA und besonders China deutlich höhere Werte.

Darüber hinaus: Während die Lohnentwicklung bis in die 1980er noch mit der Produktivitätsentwicklung schritthielt, trübte sie sich anschließend spürbar ein. Das Wachstum kam somit nicht mehr proportionale bei den Arbeitenden an. Bemerkenswerterweise fiel insbesondere Elon Musks Unternehmen Tesla jüngst in Deutschland mit lohndrückenden Praktiken auf.

Bleibt das Trickle-Down-Versprechen uneingelöst? An alle Neider: Habt keine Zweifel über die steigende Ungleichheit und zeigt noch ein wenig Geduld. Wenn ihr den Gürtel jetzt noch ein bisschen enger schnallt, werdet ihr in Zukunft von sprießenden Investitionen ganz sicher profitieren.

Und wenn nicht? Dann ist halt der unvernünftige und regulierende Staat schuld. Genau wie Musk hantiere dieser auch mit Billionen – für Rieck wohl eine Anspielung auf hohe Staatsschulden. Tatsächlich beträgt das Nettovermögen des deutschen Staates fast zwei Billionen Euro. Die Bundesrepublik ist also auch Billionär und bisher noch etwas reicher als Elon Musk.

Beim Staat funktioniert Trickle-Down nach Rieck allerdings nicht. Dieser treibe Steuern ein, verwende sie aber nicht produktiv. Das Steueraufkommen komme dabei von einer kleiner werdenden [wohlhabenden] Gruppe. Da müsse man auch schauen, ob das Steuergeld so verwendet wird, wie die Gebenden sich das wünschen, so der Professor.

Wenngleich es stimmt, dass die Steuerlast in absoluten Größen am stärksten beim wohlhabenden Teil der Einkommensverteilung liegt, ist es relativ zum Bruttoeinkommen die Mittelschicht, die am meisten Steuern zahlt.

Ob es das „Geld der Reichen“ zwangsläufig für die Finanzierung des Staates braucht, steht auf einem anderen Blatt. Fakt ist jedoch: In vielen Fällen folgt die Politik den Interessen der Wohlhabenden. Ein politisches Ergebnis dieser Legislatur war etwa eine pauschale Unternehmenssteuersenkung, deren Investitionswirkung – unter anderem wegen der schlechten Konjunktur – wohl größtenteils verpuffen dürfte.

Darüber hinaus könnten wir auch fragen, ob die Unternehmensumsätze, die von einer „größer werdenden Gruppe“ mit erarbeitet werden, auch so verwendet werden, wie diese sich das wünschen. Für reale Investitionen und faire Löhne zum Beispiel, die sich an der Produktivität orientieren.

Rieck aber bleibt dabei: Der Staat ist das Problem. Dass das staatlich gelenkte China und auch die USA mit ihren expansiven Staatsausgaben erheblich mehr investiert haben – geschenkt. Sind es vielleicht doch auch die Schuldenbremse und eine mangelnde Industriepolitik, die sinnvolle Investitionen in Deutschland blockieren und das Konjunkturklima trüb halten?

Es entsteht der Verdacht, dass die hohe Vermögensungleichheit und ein sparender Staat das Leben für viele eben doch nicht besser machen. Aber was sollen die Zweifel? Ihr Neider, zeigt noch ein wenig Geduld. Euer Tag wird kommen – irgendwann!