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Taiwans Energiereserven sind nahezu erschöpft

| 14. Juli 2026
Jack Brind / Unsplash

Fast einhundert Prozent seines Energiebedarfs importiert Taiwan aus dem Ausland. Inzwischen reichen die Reserven des Landes nur noch für wenige Wochen. Die strategische Verwundbarkeit der Insel könnte eine globale Kettenreaktion auslösen.

Seit einigen Jahren zeichnet sich am geopolitischen Horizont ein chinesischer Angriff auf Taiwan ab. Einer möglichen chinesischen Blockade dürfte Taiwan angesichts eines nur mangelhaft ausgebauten Energiesystems kaum standhalten. Beinahe die gesamte Energie, die das Land verbraucht, muss importiert werden. Die Knappheit fossiler Energieträger infolge des Iran-Kriegs zehrt an der Substanz des Landes. Die Gasreserven halten etwa zwei Wochen, Kohle ist nur noch für sechs Wochen verfügbar.  

Trotzdem steigt die Regierung unter Präsident Lai Ching-tes Demokratischer Fortschrittspartei (DPP) aus der Atomenergie aus. Als langfristige Resilienz-Strategie versiert Taiwan wie viele andere Volkswirtschaften ein auf erneuerbaren Energien basierendes Energiesystem an. Heimische Erzeugung und verringerte Importabhängigkeit sollen die Souveränität des Landes sichern.

Doch der Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung verläuft nur schleppend. Die ehrgeizigen Ausbauziele der Regierung werden durch lokale Widerstände der Bevölkerung, Korruptionsskandale und die Geografie der Insel selbst erheblich behindert. Zwar signalisierte die Regierung bereits unter Lai Ching-Tes Vorgängerin Tsai Ing-wen (ebenfalls DPP) einen Kurs gegen Atom- und pro Erneuerbare Energie. Doch schon damals traf die Umsetzung auf empfindliche Hürden. Taiwan bleibt in erheblichem Maß von importierten Energieträgern abhängig. 

Hohes Offshore-Wind-Potenzial, schwierige Lage für Solar

Weil große Teile Taiwans von dicht bewaldeten Gebirgen geprägt sind, stößt der Ausbau der Photovoltaik seit Jahren auf Flächenkonflikte. Größere Hoffnungen ruhten deshalb auf der Offshore-Windkraft, für die die Küsten der Insel ausgezeichnete Bedingungen bieten. Tatsächlich zog Taiwan zunächst zahlreiche Investoren an, begünstigt durch hohe garantierte Einspeisevergütungen.

Gleichzeitig verfolgte die Regierung das Ziel, eine eigene Windindustrie aufzubauen. Ein großer Teil der Anlagen und Komponenten sollte deshalb im Inland gefertigt oder von heimischen Unternehmen geliefert werden. Diese sogenannten Local-Content-Vorgaben verteuerten jedoch viele Projekte und bremsten den Ausbau, weil die taiwanische Industrie die erforderlichen Kapazitäten bislang nicht bereitstellen kann. Hinzu kommen die angespannten Beziehungen zu China, dem weltweit größten Hersteller von Rotorblättern und zahlreichen weiteren Windkraftkomponenten. Sie erschweren den Bezug fehlender Bauteile und verzögern den Bau neuer Offshore-Windparks.

Hinzu kommen die grundsätzlichen Anforderungen eines Stromsystems, das zunehmend auf erneuerbaren Energien basiert. Ein Netz mit vielen dezentralen und wetterabhängigen Erzeugern funktioniert anders als eines, das überwiegend auf zentralen, jederzeit regelbaren Kraftwerken beruht. Das taiwanesische Stromnetz ist historisch auf diese zentrale Struktur ausgelegt. Dadurch kam es in der Vergangenheit wiederholt zu großflächigen Stromausfällen. Zugleich entstehen sicherheitspolitische Risiken, weil wenige zentrale Knotenpunkte im Krisenfall potenzielle Ziele militärischer Angriffe darstellen.

Wie Deutschland muss deshalb auch Taiwan erhebliche Summen in Batteriespeicher, intelligente Netze und flexible Stromverbraucher investieren, um die schwankende Einspeisung von Wind- und Solarenergie auszugleichen. Der Umbau eines solchen Energiesystems ist kapitalintensiv und benötigt Jahre. Vor diesem Hintergrund erscheint das Ziel der Regierung, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und Importen rasch zu verringern, ausgesprochen ambitioniert.

Risiko einer globalen Kettenreaktion

Taiwan hat mit der Energiewende dieselben Probleme wie die meisten Länder. Neue Technologien und hoher Investitionsbedarf sind wirtschaftlicher und sozialer Zündstoff. Doch der Grad der Abhängigkeit ist in Taiwan beispielslos.

Für die Weltwirtschaft ist die unklare energetische Zukunft der Insel ein fast genau so großes Problem: Der Technologie-Riese TSMC stellt einen großen Anteil der weltweit nachgefragten Hochleistungs-Halbleiter her. Selbst Nvidia, Teil der „Magnificent Seven“, lässt seine Grafikprozessoren dort fertigen. Der Energiemangel und die strategische Verwundbarkeit des gesamten Energiesystems machen einen Produktionsausfall bei TSMC wahrscheinlicher.

Damit steigt zugleich das Risiko eines massiven Schocks, der sich global auf fast alle Technologie-Lieferketten auswirken könnte. Taiwan wird auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, auf neue Engpässe bei Öl und Gas zu reagieren. Bleibt das so, ist eine Kettenreaktion mit Erschütterungen der gesamten Weltwirtschaft ein realistisches Szenario.