Makroskop
Henri Proglio

Der heimliche Atom-Influencer im Herzen Moskaus

| 28. April 2026
Henri Proglio - Bildmontage E. Stegen

In keinem der 19 EU-Sanktionspakete taucht die Atomenergie auf – dank einer Schlüsselpersonalie. Der ehemalige Atomkonzern-Manager Henri Proglio unterhält seit 10 Jahren mehrere Berater-Büros in Moskau. Bis heute sitzt der Ex-Chef der staatlichen Électricité de France im internationalen Beirat von Putins Atomkonzern-Konglomerat Rosatom.

Déjà vu: Ein Aufschrei ging durch Deutschland, als die „Familien-Unternehmer“ mit einer Einladung an die AfD Grenzen austesteten. Der Wirtschafts-Lobby-Verband ruderte schließlich zurück. Die deutschen „Konzern-Familien“ haben sich womöglich durch die französische Rechte inspirieren lassen, die seit geraumer Zeit ihre Netze in die Konzernführungs-Etagen auswerfen.

Der französische Testballon stieg vor zwei Jahren, wenige Monate vor den Wahlen, und provozierte Wirbel in der Presse. Marine Le Pen, die Präsidentschafts-Kandidatin des Rassemblement National, RN, inszenierte ein Treffen mit einem äußerst polarisierenden Manager: Henri Proglio. Er war einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse des Landes, bis er beim Atomkonzern Électricité de France, EdF, als unhaltbar galt.

Kritiker halten den bekennenden Putin-Fan, der sich selbst als „Killer“ bezeichnet, für „nicht so erfolgreich, wie er glauben machen möchte“. Er habe „ein System aus Clans, Banden und Pfründen entwickelt“, das Atomtechnik-Exporte in Krisen-Regionen vorantrieb. Unter seiner Ägide (2009-2014) knüpfte er Bande mit chinesischen Herrschern, dem libyschen Diktator Gaddafi, der saudischen Bin Laden Group und weiteren zweifelhaften Geschäftspartnern. Sein Mentor, Nicolas Sarkozy, stolperte über die Libyen-Affäre in den Knast.

Eine weitere Schlüsselfigur dieser Korruptions-Clique, der heimliche Beschützer von Proglios Karriere, „Monsieur Alexandre“, bekam ebenfalls eine Haftstrafe. Proglios Mann fürs Grobe, ein ehemaliger Bandenführer aus den Pariser Banlieues, kennt Gefängnisse von innen. Aus der Unterwelt stieg der Mittelsmann auf, in die höchsten Zirkel von Politik und Wirtschaft: „Ich halte sie alle an den Eiern“.

„Das ist fast wie eine Pressemitteilung!“

Dieser Henri Proglio sollte also mit Marine Le Pen den Crash-Test machen, den Weg ebnen, um die Rechtsnationalen bei den Großunternehmern salonfähig zu machen. Betont langsam und in Signalfarben gekleidet durchschritt sie das exklusive „Laurent“ im Pariser Business-Viertel. Die Inszenierung galt nicht nur der Wirtschafts-Elite, die ebenfalls dort diniert, „um gesehen zu werden“ und die Schlagzeilen kamen wie bestellt. In Frankreich kursieren Gerüchte, dass Proglio ins Wirtschaftsministerium berufen würde, sollte der RN eine künftige Regierung anführen.

Proglios Pläne sind deckungsgleich mit denen der Rechten. Seine energiepolitischen Einlassungen zerschmettern in aller Offenherzigkeit das PR-Narrativ, demzufolge Atomkraft und Erneuerbare als „Klima-Dreamteam“ dargestellt werden. Der Vorrang für Wind und Solarenergie „schadet der Nuklear-Energie, die nicht für eine Modulation ausgelegt ist, und führt neben ihrer Schwächung sogar zu einer deutlichen Preiserhöhung für Atomenergie.“

Genau das ist eigentlich ein Argument von Atomkraftkritikern: Das bedarfsgerechte Auf- und Ab-Regeln der AKW zieht Verschleiß und Kosten nach sich.

Proglio und der RN reden dem „Frexit“ das Wort, wollen aus dem EU-Strommarkt aussteigen und die Unternehmen der Grande Nation privilegieren. Diese europäischen Spaltungsgedanken werden im Kreml gern gehört. Im krassen Widerspruch zu Proglios Ausführungen zur „Energieunabhängigkeit“ Frankreichs steht sein Bekenntnis zu „den Russen“, die „unsere natürlichen Partner im Nuklearsektor waren“. Dass „die Brennstoffe, mit denen unsere Atomkraftwerke laufen, größtenteils aus Russland“ stammen, ist jedoch nichts Anderes als Import-Abhängigkeit. Und das bei einer Hochrisiko-Technologie mit zivil-militärischer Relevanz.

„Warum bleibt die Atomindustrie verschont?“ fragten Investigate Europe und Tagesspiegel schon 2022. In keinem einzigen der (mittlerweile 19) EU-Sanktionspakete taucht die Atomkraft auf. In der gemeinsamen Recherche zeigen sie: „Für die enge Verbindung zwischen der französischen und der russischen Atomindustrie steht nicht zuletzt Henri Proglio, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des staatlichen französischen Stromversorgers EDF, der bis heute im internationalen Beirat von Rosatom sitzt“, dem russischen Atomkonglomerat, das von Wladimir Putin als geopolitisches Instrument zur Ausweitung seines Einflusses in Europa genutzt wird.

Import-Abhängigkeit und eine Schlüsselpersonalie

Zusätzlich zu seinem Posten bei Rosatom unterhält er seit 10 Jahren mehrere Berater-Büros in Moskau, verdient kräftig mit an Putins Ukraine-Krieg und fädelt obskure Geschäfte ein. Auch im Atom-Bereich. Das ist pikant, denn er ist in die strengsten Geheimnisse der zivil-militärischen Atommacht Frankreich eingeweiht.

Er kann zwar Geheimnisse für sich behalten – selbst gegenüber dem Untersuchungsausschuss verschwieg er die lukrativen Tätigkeiten, unter anderem von ‚Henri Proglio Consulting‘ und ‚HP Energy Advisory‘ in Moskau – aber ob das immer zum Wohle von Frankreich bzw. Europa geschieht, ist mehr als fragwürdig. Wie wirksam der Undercover-Netzwerker hinter den Kulissen die Strippen zieht, damit die EU-Atom-Lobby durch keines der Sanktionspakete Putins Abhängigkeits-Netz entkommen, ist kaum transparent.

Raubkopien für China

Der lichtscheue Nukleokrat und heimliche Atom-Influencer meldete sich erst kürzlich wieder aus dem Off: Man solle die Pläne, weitere Europäische Druckwasser-Reaktoren, EPR, in Frankreich zu bauen, einstampfen. Proglio selbst hatte seinerzeit den EPR-Bau im britischen Hinkley Point – mit chinesischer Hilfe – genehmigt. Auch den kleineren Nachfolger, den EPR2, den es nur auf dem Papier gibt, will er stoppen. Die Erneuerbaren sowieso. Man solle die Altmeiler so lange laufen lassen, bis ein Reaktor mittlerer Leistung (1000 MW) entwickelt sei. Das Verscherbeln der Rechte am geistigen Eigentum für exakt diese Technik nach China hat er selbst zu verantworten. Das war der Todesstoß für den französischen Reaktorbauer Areva.

Dessen Ingenieure fielen aus allen Wolken, als ihnen eine chinesische Raubkopie ihrer Pläne, die sie mit japanischen Kollegen für einen 1000-MW-Reaktor entwickelt hatten, in die Hände fiel. Dahinter steckte Proglio: „Wir werden französisch-chinesische Reaktoren bauen. Und wir werden auch französisch-russische Reaktoren bauen.“ Er selbst war bei der klammheimlichen Unterzeichnung weitreichender Verträge dabei, die einer Eintrittskarte in das Herz der hochsensiblen Atom-Infrastruktur Frankreichs glich.

Die Gewerkschafterin, die das an die Öffentlichkeit brachte, sollte mit einem teuflischen Überfall, mit sexualisierter Gewalt, mit Mafia-Methoden zum Schweigen gebracht werden. Die Investigativ-Journalistin Caroline Michel-Aguirre dokumentierte diesen Staatsskandal. Sie war es, die Vertuschungen, Ungereimtheiten und Ermittlungsfehler aufdeckte und einen frappierend ähnlichen Fall aufstöberte. Beide Fälle liegen sechs Jahre auseinander, beide handeln von Whistleblowern, die schmutzige Geschäfte aufdecken, in beiden Fällen war Henri Proglio Chef des jeweiligen Konzerns. In beiden Fällen spielte sein Freund und Vermittlungs-Agent, Monsieur Alexandre Djouhri, eine tragende Rolle. Den Zankapfel vom zweiten Fall, den 1000-MW-Reaktor, bringt Proglio nun also wieder ins Spiel, um Frankreichs Atomzukunft zu zementieren. Und bis dahin? Mit der schrottreifen Altmeilerflotte die erneuerbare Konkurrenz jahrzehntelang aus dem Markt halten. Letzteres hat er elastischer formuliert.

Kriminelle Energie

Nicolas Sarkozy, der Proglio auf den Thron des Staatskonzerns EDF gehievt hatte, wollte einst gemeinsam mit Proglio AKW an den Libyschen Diktator Gaddafi verhökern, damit dieser im Gegenzug Geldschränkeweise Wahlkampfhilfen in den Elysee-Palast schickt. Die beiden waren stets bemüht, ihre starken Bande zu kaschieren – ein Fotograf, der Proglio auf Sarkos Party erwischte, durchkreuzte den Plan. Sarkozy, dem präsidialen Hochleistungs-Außendienstler der französischen Atomwirtschaft, wurde seine Mitgliedschaft in einer „kriminellen Vereinigung“ nun gerichtlich bestätigt.

Die Libyen-Affäre machte große Schlagzeilen, den brisanten Atom-Deal dahinter hat die deutsche Presse kaum durchdrungen. Der Ex-Präsident saß zwischenzeitlich hinter schwedischen Gardinen, der Ex-Atom-Boss sitzt hinter diskret verschlossenen, russischen Türen.

Erst kürzlich konnte Proglio vor Gericht seinen Kopf aus der Schlinge ziehen – es ging um Vetternwirtschaft, um Millionenschwere Beraterverträge. Er und sein Zwillingsbruder René Proglio spielten auch eine unrühmliche Rolle bei der EDF-EnBW-Affäre, über die Ex-Ministerpräsident Mappus stolperte und die die Steuerzahler im Ländle Milliarden kostete.

Henri Proglio ist nach wie vor auf freiem Fuß und pendelt quasi monatlich zwischen Paris und Moskau. Seit dem Flugverbot im EU-Luftraum reist er über Serbien oder die Türkei. Proglio ist auch Mitglied des Verwaltungsrats der türkischen 100-prozentigen Rosatom-Tochter, die für Putin und Erdoğan vier Reaktorblöcke „sowjetischer Bauart“ in die anatolische Erdbebenregion von Akkuyu setzt.

„Sein Freund“, Putins Mastermind

Schon 2010, als EDF-Chef, fädelte Proglio diverse Kooperationen mit der Russischen Energie-Wirtschaft ein. Besonders bemerkenswert sind seine Verbindungen zu Sergej Kirijenko, seinerzeit Chef von Rosatom. Für EDF und Rosatom unterzeichneten Proglio und Kirijenko mit großem Pomp auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg im Juni 2010 ein Kooperationsabkommen. Sogar der damalige Präsident Sarkozy warf durch seine Anwesenheit den nötigen Glanz auf seinen Protegé. „Von diesem Tag an stellte Henri Proglio Kirijenko als seinen Freund vor, und er wurde in Russland sehr gut eingeführt”, äußerte ein Ex-EDF-Manager.

Der damalige Rosatom-Chef Kirijenko ist zum Top-Vertrauten Putins aufgestiegen. Er gilt als sein möglicher Nachfolger und Chef-Propagandist, der vom Präsidentenpalast aus die Einflussnahme auf Frankreich steuern soll, mit dem Ziel, „die westliche Unterstützung für die Ukraine im Krieg zu untergraben”. Putins Mastermind Kirijenko orchestriert Desinformations-Kampagnen, um den Einfluss des Kreml im Internet auszuweiten, organisiert als „Vizekönig des Donbass“ manipulierte Referenden, infiltriert Lehrpläne und Kultur mit Putins Narrativen.

Proglio bezeichnet sein Verhältnis zu Kirijenko dennoch als „privilegiert und freundschaftlich“. Schon damals gehörten die Rosatom-Töchter zu den wichtigsten Brennstoff-Lieferanten, auch für französische AKW. Die Import-Abhängigkeit und der diskrete Verbündete als Versicherung gegen Atom-Sanktionen.

Rosatoms Geostrategie für weltweite Abhängigkeit 

Nach eigenen Angaben ist „Rosatom das einzige Unternehmen weltweit, das über alle Technologien des nuklearen Brennstoffkreislaufs verfügt“. Die Nuklearkrake mit ihren 450 Armen beschäftigt rund 420.000 Mitarbeiter und will sich als Weltmarktführer in der gesamten nuklearen Prozesskette etablieren, vom Uran-Abbau über Konversion, Anreicherung, Brennelement-Produktion, Reaktor-Bau, -Betrieb, -Wartung und -Rückbau bis zum Abfallmanagement.

Auf der Website von 'Rosatom-Europe' ist die „Eröffnung der französischen Tochtergesellschaft ROSATOM Western Europe SARL“, dem „Operationszentrum in Paris“, vom 15. Oktober 2014 dokumentiert. Einen Tag zuvor musste Proglio bei der EDF seinen Hut nehmen.

Doch Proglio gilt als „unsinkbar“, denn „er weiß immer mehr über andere als sie über ihn“. Umgehend nahm er zwei neue Posten an: eine Führungsposition an der Spitze des französischen Rüstungsgiganten Thales und einen bei Rosatom. Das allerdings erklärte die Regierung Hollande für unvereinbar und setzte Proglio im Mai 2015 die Pistole auf die Brust. Entweder Thales oder „vergütete Verpflichtungen bei großen Akteuren des militärischen und zivilen Sektors, insbesondere der russischen Atomindustrie“ insistierte der damalige Wirtschaftsminister, Emmanuel Macron.

Proglios delikates Doppelagenten-Spiel und sein Wutausbruch gegen Macron schlugen hohe Wellen, bis in die internationale Presse: „Ich werde seit Wochen durch eine vom Wirtschaftsministerium angeheizte Kampagne diffamiert!“ Macron, der die Verleumdungs-Vorwürfe öffentlich zurückwies, konnte in allen Zeitungen nachlesen, dass Proglio genug habe „von Verdächtigungen und Demütigungen.“ Er forderte: „Hören Sie auf, mich als Marionette, Spion, gierigen Mann und Verräter hinzustellen!“ Auch während des Ukraine-Kriegs pflegt der französische Rosatom-Berater „ein freundschaftliches Verhältnis zu meinen russischen Freunden“  und sieht „keinen Grund, sie durch eine Rücktrittsankündigung zu beleidigen“.

Sollte Proglio Macron im Wirtschaftsministerium tatsächlich unter einer extrem rechten Regierung beerben, wären süße Rachegefühle womöglich das geringste Übel. Schwerwiegender wäre wohl: Das Pariser Rosatom-Regionalbüro könnte seine Aktivitäten in Belgien, Österreich, Großbritannien, Deutschland, Griechenland, Spanien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Portugal, Finnland, Frankreich, Schweden und der Schweiz unter für Russland günstigeren Konditionen koordinieren.

Angesichts dieser Verflechtungen ist es nur schwer nachvollziehbar, wie manche Zeitgenossen – ob in tatsächlicher oder strategischer Unwissenheit – kolportieren, man könne ja noch ein bisschen in Atomkraft machen, um Import-Abhängigkeiten zu umgehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Eva Stegen.