Hat die MMT eine richtige Inflationstheorie?
Entgegen verbreiteter Kritik enthält die MMT eine fundierte Inflationstheorie. Dabei unterscheidet sie zwischen angebotsinduzierter und nachfrageinduzierter Inflation. Was dominiert dabei?
In unserer Rubrik „Frag‘ den MAKROnauten“ können Leserinnen und Leser der Redaktion Löcher in den Bauch fragen. Eine Leserin wollte wissen, ob die Modern Monetary Theory über eine eigene Inflationstheorie verfügt.
Liebe Leserin,
danke für die relevante Frage! Die Modern Monetary Theory (MMT) verfügt nämlich entgegen verbreiteter Kritik tatsächlich über eine fundierte Inflationstheorie. Wie Günther Grunert auf MAKROSKOP erläutert, unterscheidet die MMT zwischen kosteninduzierter (oder: angebotsinduzierter) und nachfrageinduzierter Inflation.
Bei einer kosteninduzierten Inflation leitet entweder ein Lohn-Preis- oder aber ein Preis-Lohn-Mechanismus einen Inflationsprozess ein. Im ersten Fall setzen die Arbeitnehmer über die Produktivitätszunahme hinausgehende Nominallohnzuwächse durch, um sich einen größeren Teil des gesamtwirtschaftlichen Einkommens zu sichern. Die Unternehmen geben diese höheren Lohnkosten allerdings in Gestalt von Preissteigerungen weiter, so dass die Arbeitnehmer trotz Lohnsteigerungen ihre relative Einkommensposition nicht verbessern können.
Fordern Arbeitnehmer darauffolgend nun Nominallohnzuwächse, um ihren Konsum oder ihre Realeinkommen zu sichern, reagieren die Unternehmen wiederum mit Preiserhöhungen. Das Ergebnis: eine inflationäre Lohn-Preis-Spirale, entstehend aus einem Verteilungskonflikt zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen über die Höhe der Reallöhne und Gewinnmargen. Im zweiten Fall versuchen umgekehrt die Unternehmen, ihre realen Gewinnmargen über einen erhöhten Gewinnaufschlag zu steigern, die Arbeitnehmer wehren sich zur Verteidigung ihrer Reallöhne mit höheren Nominallohnforderungen etc., was in eine Preis-Lohn-Spirale mündet.
Neben der Lohnentwicklung sind steigende Rohstoff- und Energiepreise ein weiterer wesentlicher Faktor der angebotsinduzierten Inflation. Hierbei ist jedoch eine wichtige Differenzierung zu anderen Kostenaspekten vorzunehmen: Während Lohnverhandlungen innerhalb eines nationalen Systems beeinflussbar sind, wirken Preisschocks bei Rohstoffen oft als externe Impulse, beispielsweise durch steigende Weltmarktpreise für Öl.
Ein solcher Preissprung stellt für sich genommen noch keine Inflation dar, sondern zunächst eine einmalige Erhöhung des Preisniveaus. Er wird erst dann zum dauerhaften inflationären Prozess, wenn er den oben beschriebenen Verteilungskonflikt über die Löhne befeuert. Wenn Unternehmen gestiegene Energiekosten weitergeben und Arbeitnehmer daraufhin Nominallohnsteigerungen zum Ausgleich für die höheren Preise durchsetzen, verwandelt sich der externe Schock in eine interne Preisspirale.
Im Gegensatz dazu steht die nachfrageinduzierte Inflation. Diese wird dann relevant, wenn die nominale Gesamtnachfrage die realen Produktionskapazitäten der Volkswirtschaft übersteigt. Fließt zusätzliche Nachfrage in eine realwirtschaftliche Branche, die bisher unter ihren Möglichkeiten produziert hat, ist eine Erweiterung der Produktion zu erwarten, kein Preisanstieg. Ist die Wirtschaft jedoch bereits ausgelastet, steigen bei erhöhter Nachfrage die Preise, da keine Ausweitung der Kapazitäten möglich ist und die Nachfrager sich gegenseitig überbieten.
Auch die Geldmenge wird in diesem theoretischen Rahmen nicht als Ursache, sondern als Folge der Inflation betrachtet: Da Geld endogen durch Kreditnachfrage entsteht, führt ein höheres Preisniveau zu einer höheren Geldmenge und nicht umgekehrt.
Hier stellt sich die Frage, welche relative Bedeutung nach Ansicht der MMT den angeführten Angebots- und Nachfragefaktoren für die Entwicklung der Preissteigerungsrate zukommt. Geht der Impuls in erster Linie von der Angebotsseite (das heißt, von Unternehmen, die steigende Kosten – vor allem Lohnkosten, aber auch z.B. steigende Rohstoffkosten – in Form von höheren Preisen weitergeben oder die ihre Marktmacht nutzen, um ihre Gewinnspannen zu erhöhen) oder stärker von einer „überschießenden“ nominalen Gesamtnachfrage aus, die die Kapazitätsgrenzen (zumindest einiger Sektoren) überschreitet?
Entgegen einer weit verbreiteten Meinung hebt die MMT in ihrer Inflationserklärung die Dominanz angebotsinduzierter gegenüber nachfrageinduzierten Faktoren hervor. So stellen beispielsweise Fullwiler/Grey/Tankus, die zu den Begründern der MMT zählen, in einem Beitrag für die Financial Times unmissverständlich klar, „dass wir nicht behaupten, dass alle Inflation durch eine Übernachfrage verursacht wird. Tatsächlich ist unserer Ansicht nach ein Nachfrageüberschuss nur selten die Ursache für Inflation.“
In diesem Zusammenhang ebenfalls bedeutsam ist die Rolle des Zinses beziehungsweise die Reaktion der Zentralbank. Konventionelle Geldpolitik versteht den Zins als primäres Instrument der Inflationsbekämpfung. Zwar kann eine Erhöhung des Zinses über die künstliche Erzeugung einer Krise die gesamtwirtschaftliche Nachfrage einbrechen lassen und so über ein Klima der Angst auch weitere Lohnforderungen unterdrücken. In postkeynesianischen Kreisen gilt diese Strategie jedoch weder als effektiv noch als effizient.
Gerade in Zeiten eines externen Energiepreisschocks bei wirtschaftlicher Stagnation kann eine Erhöhung des Zinses keine Linderung bringen, da die Ursache weder nachfrage- noch konfliktinduziert ist. Das heißt, die Zentralbank kann gegen eine Angebotsinflation, die von gestiegenen Energiepreisen aufgrund von Engpässen ausgeht, wenig ausrichten, da sie mit ihrer Geldpolitik nicht ein knappes Angebot erhöhen kann. Eine Erhöhung des Zinses führt, außerhalb einer Situation der Vollbeschäftigung, Unternehmen unnötig in die Krise und erschwert notwendige private Investitionen, etwa für die sozial-ökologische Transformation.
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