Rumänien, neue Krise, alte Erkenntnis: Osteuropa steckt in der Aufwertungsfalle
Steigende Arbeitskosten, sinkende Wettbewerbsfähigkeit: Osteuropa gerät durch reale Aufwertung zunehmend in eine wirtschaftliche Sackgasse – die politischen Krisen sind nur der Vorbote.
„Like a Dentist“ (Name der neuen Kolumne von Heiner Flassbeck auf MAKROSKOP) geht auf ein Diktum von John Maynard Keynes zurück: Ökonomen sollten keine Propheten oder Ideologen sein, sondern nüchterne Praktiker – wie ein Zahnarzt: sachlich, pragmatisch und am konkreten Problem orientiert.
Wenn es eine Konstante in Osteuropa gibt, dann ist es der Mangel an Konstanz. Nirgendwo sonst gibt es so häufige Regierungswechsel oder verzweifelte Versuche, durch eine Neuwahl nach der anderen zu einer handlungsfähigen Regierung zu kommen. Eine eklatante Neuwahlserie hatte etwa Bulgarien hingelegt, bevor nach den Wahlen vor zwei Wochen wenigstens Hoffnung auf die Bildung einer handlungsfähigen Regierung besteht. Jüngster Fall ist Rumänien, wo eine erste im letzten Sommer gebildete Regierung zu Anfang dieses Jahres schon wieder auseinandergefallen ist und der Premierminister gestürzt werden soll.
Meist stehen beim Scheitern der Regierungen wirtschaftliche Probleme im Vordergrund. In Rumänien konnte man sich zuletzt nicht darauf einigen, wo im Staatssektor gespart werden solle. Auch in Ungarn, ich habe kürzlich darauf hingewiesen, stand die Regierung Orban vor nahezu unlösbaren wirtschaftlichen Problemen, bevor sie abgewählt wurde. Dass die neue Regierung hier eine Lösung findet, ist sehr unwahrscheinlich. Selbst Polen, wo die Wachstumszahlen eigentlich eine befriedigende wirtschaftliche Entwicklung anzeigen, ist Teil dieses nicht leicht zu verstehenden Komplexes.
Arbeitskosten steigen in Osteuropa zu stark
Ob mit oder ohne eigene Währung: offenbar ist es in Ost- und Mitteleuropa ungeheuer schwer, einer realen Aufwertung (der eigenen Währung oder des Euro) zu entgehen. Reale Aufwertung ist nichts anderes als der Verlust von Wettbewerbsfähigkeit, weil die heimischen Inflationsraten, getrieben durch sehr hohe Lohnsteigerungen, stärker steigen als im Rest Europas (Friederike Spiecker, Constantin Heidegger und ich haben das Thema bereits im Atlas für Weltwirtschaft 2022/2023 zu einem Schwerpunktthema gemacht und auf das sich anbahnende Krisenszenario mit aller Deutlichkeit hingewiesen).
In manchen Fällen, auch das habe ich mehrfach angesprochen, steigen auch nur die Löhne und die Preise passen sich wegen des hohen Wettbewerbsdrucks der Entwicklung in Rest Europas an. Aber auch das bedeutet, dass die Unternehmen in den betroffenen Ländern Gewinneinbußen oder Verluste erleiden, die ihre Fähigkeit zum Investieren, stark einschränken.
Betrachten wir also die Arbeitskostenentwicklung der vergangenen fünf Jahre in einer Reihe von Ländern, die jeweils mit Deutschland, Frankreich und Italien vergleichen werden (der Index der Arbeitskosten ist hier bei Eurostat zu finden). Die Entwicklung wird hier abgebildet mit einem Index mit der Basis 2020 = 100, weil die jüngst eingetretenen besonderen Lohnentwicklungen vor allem im Zuge des Preisschubes, der nach dem Corona-Schock einsetzte, zu beobachten sind. Die untere Grafik zeigt unter anderen die baltischen Länder, die alle Mitglieder der Eurozone sind.
Wie schon vor der großen globalen Finanzkrise zu Beginn des Jahrhunderts, hat sich die Lohnentwicklung in den drei Ländern deutlich von den wirtschaftlichen Verhältnissen gelöst, da die Produktivitätsfortschritte nicht viel größer sind als im Westen. In den drei westlichen Ländern erreicht der Index im Jahr 2025 Werte um 120, zeigt also, dass die Löhne in diesen fünf Jahren um insgesamt 20 Prozent gestiegen sind. Dagegen stehen fast 75 Prozent für Litauen und um die 50 Prozent für Estland und Lettland. Das bedeutet eine reale Aufwertung von über 50 Prozent gegenüber den westlichen Ländern.
Noch viel dramatischer ist die Auseinanderentwicklung zwischen dem Westen und Bulgarien und Kroatien. Bulgarien erreicht fast 85 Prozent Zuwachs und Kroatien 65 Prozent. Kroatien ist der Eurozone im Jahr 2023 beigetreten, Bulgarien zu Beginn dieses Jahres.
Ebenfalls betroffen sind Länder, die noch über eigene Währungen verfügen. Polen, Rumänien und Ungarn landen ziemlich gleichförmig zwischen 65 und 75 Prozent Lohnzuwachs seit 2020.
Diese Länder könnten sich aus der Falle befreien, wenn sie dafür sorgen würden, dass ihre Währungen gegenüber dem Euro deutlich abwerten. Doch das ist jedoch offensichtlich leichter gesagt, als getan. Abwertung der eigenen Währung ist für Regierungen, die Erfolge vorweisen wollen, immer schwierig. In Osteuropa gilt das jedoch in besonderem Maße, weil dort immer sofort der Euro als Alternative für die eigene Währung im Raume steht. Wertet die eigene Währung ab, werden automatisch die Stimmen lauter, die einen Eintritt in die Eurozone fordern. Folglich versuchen auch die Länder, die wegen der internen Lohnentwicklung eine Abwertung dringend bräuchten, ihre Währungen gegenüber dem Euro stabil zu halten.
Die Folgen werden dramatisch sein
Wer in einem solchen Maße real aufwertet, verliert ohne jeden Zweifel in großem Maße Marktanteile und Arbeitsplätze gegenüber den Ländern, die abwerten. Die unmittelbare Folge sind in der Regel stark defizitäre Handels- und Leistungsbilanzen, die dazu führen, dass diese Länder, wie dereinst Griechenland, von den internationalen Kapitalmärkten in die Mangel genommen werden.
In Osteuropa gibt es allerdings eine Reihe von Faktoren, die schlussendlich die Krise nicht verhindern werden, die jedoch dafür sorgen, dass die unmittelbaren Folgen für einige Zeit weniger dramatisch aussehen. Zunächst gibt es dort zumeist in ernstzunehmender Menge westliche Unternehmen, bei denen diese Lohnsteigerungen keine existenzielle Krise auslösen, weil sie sehr hohe Produktivitätsniveaus haben. Folglich winken diese Unternehmen die Lohnerhöhungen durch.
Zum anderen wird durch Abwanderung von Arbeitskräften die Dimension des Problems vor den Augen der Öffentlichkeit verschleiert. Solange die Arbeitslosigkeit relativ gering ist, hat man den Eindruck, dass alles in die richtige Richtung läuft. Das langfristige Problem, dass die originär heimischen Unternehmen systematisch verschwinden und die Basis der gesamten Volkswirtschaft erodiert, wird einfach ignoriert.
Hinzu kommt, dass die Auswirkungen des Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit in vielen Fällen durch Brüsseler Hilfszahlungen überdeckt werden. Die Handelsbilanz ist fast überall defizitär, aber die Leistungsbilanz sieht viel besser aus, weil die Brüsseler Zuschüsse die Lücke vermindern.
In einigen Fällen, wie insbesondere in Kroatien, überdeckt auch eine sehr positive Tourismusbilanz die gewaltigen Defizite in der Handelsbilanz.
All das ändert aber nichts daran, dass die Folgen dramatisch sein werden. Man kann in einer Welt mit freiem Handels- und Kapitalverkehr wie im europäischen Binnenmarkt nicht einfach die gesamtwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit ignorieren, ohne dass man dafür früher oder später die Rechnung bekommt.
Die westlichen Unternehmen, die jetzt noch in großer Zahl in Osteuropa aktiv sind, weil sie das (in absoluten Größen immer noch vorhandene) Lohngefälle ausnutzen, werden sich aus Osteuropa wieder zurückziehen, sobald die Lohnlücke zwischen Ost und West deutlich kleiner wird. Die Länder, die bis dahin keine eigene wettbewerbsfähige Industrie aufgebaut haben, werden enorme Probleme bekommen, weil auch die Hilfen aus Brüssel nicht für alle Ewigkeit fließen.
Ich danke Erik Münster für die Hilfe bei der Statistik.