„Reise nach Jerusalem“: 77 Jahre fast immer mehr Arbeitslose als offene Stellen
Die Lage am deutschen Arbeitsmarkt hat sich zuletzt spürbar verschlechtert. Im August letzten Jahres kletterte die Zahl der Arbeitslosen zum ersten Mal seit zehn Jahren über die Drei-Millionen-Marke. Nach dem aktuellen Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit (März) haben sich zudem die Abgangschancen aus der Arbeitslosigkeit deutlich eingetrübt und liegen auf einem der niedrigsten Niveaus seit Jahren.
Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung beschlossen, das Bürgergeld zu reformieren beziehungsweise abzuschaffen, um mögliche Fehlanreize zu reduzieren und die Aufnahme von Erwerbstätigkeit zu fördern.
Ob dieser Ansatz die gewünschte Wirkung entfalten kann, erscheint jedoch fraglich. Maßgeblich ist dabei das Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen, das sich seit 2022 deutlich verschlechtert hat. Während damals rechnerisch 2,86 Arbeitslose auf eine offene Stelle kamen (bei einer Arbeitslosenquote von 5,3 Prozent), lag dieser Wert im ersten Quartal 2026 bereits bei 4,9 (bei einer Arbeitslosenquote von 7,1 Prozent).
Damit übersteigt die Zahl der Arbeitssuchenden die verfügbaren Stellen deutlich. Zusätzlicher Druck auf Arbeitslose führt unter diesen Bedingungen kaum zu höherer Beschäftigung, sondern vor allem zu stärkerem Wettbewerb um die vorhandenen Arbeitsplätze. Die Lage erinnert an die „Reise nach Jerusalem“ – das Kreisen um zu wenig Stühle.
Das Missverhältnis fügt sich in einen langfristigen bundesdeutschen Trend ein: In 64 von 77 Jahren lag das Verhältnis von Menschen ohne Arbeit und offenen Stellen außerhalb des gelben Kastens in der Graphik. Das heißt: Das Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen lag in rund 83 Prozent der Jahre oberhalb eines ausgeglichenen Niveaus. Nur in etwa 17 Prozent der Zeit – insbesondere in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren – gab es rechnerisch ausreichend Stellen für alle Erwerbslosen. In diesen Phasen lag die Arbeitslosenquote in der Regel bei unter einem Prozent.
Eine logarithmische Modellierung zeigt einen für makroökonomische Verhältnisse starken Zusammenhang: Sie kann gerundet 83 Prozent der Varianz erklären.