Deutschland: Industrienation ohne Kompass
Liebe Leserinnen und Leser,
zunächst die gute Nachricht: Deutschland ist nicht Weltmeister der Deindustrialisierung. Die schlechte: Viel fehlt nicht mehr. In unserem internationalen Vergleich der saisonbereinigten Industrieproduktion seit 2016 landet Deutschland nur auf Rang 51 von 52 untersuchten Volkswirtschaften. Schwächer schnitt zuletzt lediglich Palästina ab, dessen industrielle Basis durch den Gazakrieg und die schwierigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen unter der Besatzung massiv beeinträchtigt wurde.
Wie konnte es so weit kommen? Ein Blick nach China liefert zumindest einen Teil der Antwort. Während die Volksrepublik im Ranking einen Platz unter den Top Ten belegt, kämpft die deutsche Industrie zunehmend mit einem Problem, das Alina Steinbrenner treffend als „chronische Unzuverlässigkeit“ beschreibt. Förderprogramme werden angekündigt, verändert oder wieder gestrichen, bevor Unternehmen überhaupt Planungssicherheit gewinnen. Energiepreise bleiben hoch und schwanken deutlich stärker als in vielen Konkurrenzländern.
Hinzu kommt eine schwache Binnennachfrage. Die Reallöhne entwickeln sich seit Jahren schleppend, gleichzeitig hält die Fiskalpolitik an einem restriktiven Kurs fest. Unternehmen fehlt damit nicht nur eine verlässliche industriepolitische Perspektive, sondern oft auch ein stabiler Absatzmarkt. China verfolgt dagegen eine langfristig angelegte Industrie- und Nachfragepolitik, die strategischen Ziele über Jahre hinweg konsequent absichert. Gerade diese politische Kontinuität verschafft chinesischen Unternehmen einen Vorteil, den westliche Volkswirtschaften mit ihren häufigen Kurswechseln und kurzfristigen Förderlogiken immer seltener bieten können.
Vor diesem Hintergrund verändert sich auch die Debatte über die grüne Transformation. Lange stand vor allem die ökologische Notwendigkeit im Vordergrund. Heute wird Klimapolitik zunehmend als geoökonomische Strategie verstanden. Der Wirtschaftssoziologe Marc Dreher beschreibt, wie erneuerbare Energien immer stärker als geopolitische Ressource begriffen werden: Wer Energie im eigenen Land erzeugen kann, macht sich unabhängiger von globalen Krisen, Lieferketten und Rohstoffkonflikten.
Gerade darin liegt allerdings eine neue Spannung. Denn dieselben politischen Kräfte, die die ökologische Transformation als Sicherheitsfrage definieren, verbinden sie zunehmend mit Aufrüstung und geopolitischer Machtprojektion. Damit droht ausgerechnet jener Industriezweig an Bedeutung zu gewinnen, der besonders ressourcen- und energieintensiv ist: die Rüstungsindustrie. Die Vorstellung eines „olivgrünen Wirtschaftswunders“ ist deshalb widersprüchlich. Eine nachhaltige Industriepolitik wird sich kaum entwickeln lassen, wenn ökologische Modernisierung und militärische Expansion gleichzeitig zum neuen Wachstumsmodell erklärt werden.