Makroskop
Kreislauf, Klima, Kapital

„WAHRHEIT, WISSENSCHAFT, FAKTEN!“

| 21. Mai 2026

Warum der US-Präsident sich auf einmal über den Weltklimarat freut und Kolumbien in den Fokus der UN-Klimakonferenz rückt. 

Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort, sondern eine Systemfrage. In seiner Kolumne „Kreislauf, Klima, Kapital“ beleuchtet Lukas Poths die Schlüsselindustrien der ökologischen Transformation – von der Energiebranche über Mobilität und Landwirtschaft bis zu den Finanzmärkten.

Normalerweise schreit ein MAKROSKOP-Text seine Leser nicht schon im Titel an. Zur Einordnung: Es handelt sich um ein Zitat aus einem Donald Trump-Post auf Truth Social. Die Großschreibung ist dem Original entnommen.  

Der US-Präsident insistiert auf die ihm eigene subtile Weise, dass seine Regierung „WAHRHEIT, WISSENSCHAFT, FAKTEN!“ als Credo ihrer Arbeit auffasse – im Gegensatz zum Weltklimarat. Denn der hatte im April sein Klimapfadszenario RCP 8.5 selbst als unplausibel erklärt. Ein Worst-Case-Szenario, das potenziell katastrophale Entwicklungen simulierte.  

Bedeutet das, wie Trump behauptet, dass die IPCC-Szenarien (International Panel on Climate Change; dt. „Weltklimarat“) falsch beziehungsweise unwissenschaftlich seien? So einfach ist es nicht. Doch gab die Nachricht insbesondere Medien aus dem konservativen bis rechten Spektrum einen willkommenen Anlass, auf die vorgebliche Sinnlosigkeit von Klimapolitik zu pochen. Der Tenor: Wenn katastrophale Szenarien wie RCP 8.5 nach aktuellem Stand unplausibel sind, warum machen wir Politik auf dieser Grundlage?

Kurz gesagt: Tun wir gar nicht. Aber es gibt durchaus berechtigte Kritik an Studien, die das explorative Szenario ohne methodische Notwendigkeit als Grundannahme verwenden.

Fatal ist, dass diese Nachricht in einen Zeitraum mit globalem Momentum fällt. Die Skepsis gegenüber der Fossilwirtschaft wird infolge des Irankriegs und gestiegener Preise an der Zapfsäule größer, erneuerbare Technologien werden in militärischem Duktus als strategische Assets geframet. 

Hier bietet sich eine Chance, aus thermoökonomischen Geschäftsmodellen auszusteigen – was auch geschieht. Doch Deindustrialisierung und drohende Stagflation erhöhen insbesondere in der EU den Druck auf Regierungen, schnelle und vor allem billige Antworten auf die Energiekrise zu finden. Netzausbau und Digitalisierung dauern aber leider ihre Zeit. Und die Rufe nach dem „Zurück!“ werden lauter. Dementsprechend defensiv äußerten sich auch die Teilnehmer der letzten Klimakonferenz in Belém.

Gleichzeitig entzündet sich am Zögern der Politik neuer Widerstand: Globale Initiativen wie die TAFF-Konferenz (Transitioning away from Fossil Fuels), die dieses Jahr im kolumbianischen Santa Marta startete, versucht den Fossilausstieg als multilateralen Prozess mit ehrgeizigen Zielen und einer sozial gerechten Flankierung zu gestalten. Ausdrücklich nicht als Ersatz zur UN-Konferenz, sondern als Vernetzungsmöglichkeit einer „Koalition der Willigen“.

Umwelt und Energie bleiben ein Spielfeld, auf dem energisch um Prioritäten und Deutungshoheit gerungen wird. Schwarz-Weiß-Malerei funktioniert hier schon lange nicht mehr, die Interessen sind zu vielfältig und es ist oft nicht klar, wo sie sich überschneiden und ausschließen. Umso aufschlussreicher ist die Polarisierung, die die Nachrichten aus den letzten Wochen bieten. Von „Ganz raus aus den Fossilen“ zu „Ganz raus aus der Energiewende“, von TAFF zu Trump, konnte man nahezu die ganze Bandbreite des Klima-Diskurses erleben.

Hier der Versuch einer Zusammenfassung:

Wankende Weltwirtschaft: Führt ein Schubs ins Glück?

Dass die aktuelle Krise einer auf fossilen Energieträgern aufbauenden globalisierte Welt eine Chance sein kann, den Übergang in ein stabileres System zu beschleunigen, hat kürzlich Warwick Powell bei MAKROSKOP geschrieben. Statt Stabilisierungspolitik brauche es jetzt eine Neuordnung der Produktions- und Versorgungsstrukturen. Die hinreichend aufgedeckten Schwächen eines fossilen Produktionssystems dürften nicht mit politischer Unterstützung notdürftig in einen semi-Stabilen Zustand überführt werden, sondern sollten in ein System neuer Energieversorgung münden dürfen.

Natürlich trifft das in einer weltweiten Wirtschaftskrise nicht auf Gegenliebe. Folgerichtig war die Klimakonferenz 2025 im brasilianischen Belém geprägt von Zurückhaltung und Relativierung.

Die Motivation für Santa Marta war daher eine Abkehr von alten diplomatischen Gepflogenheiten. Wenn man sich nicht mit allen einigen kann, dann muss man eben mit jenen beginnen, die wirklich wollen. Also versuchte man für die Koalition der Willigen aus 57 Staaten, Wissenschaftlern und indigenen Völkern eine Plattform zu bieten, um abseits des starren UN-Rahmens zu sprechen.

Das neue Format beschrieben Teilnehmer als durchaus „erfrischend“. Statt über das Ob, wurde über das Wie gesprochen. Wie baut man eine Wirtschaft um, die seit über einem Jahrhundert auf Kohlenstoffatomen fußt? Der nigerianische Minister Abubakar Momoh brachte es auf den Punkt: Auf fossilen Brennstoffen aufgebaute Volkswirtschaften brechen in Echtzeit zusammen. Öl und Gas sind im Jahr 2026 nicht mehr nur schmutzig – sie sind im Zuge geopolitischer Krisen unzuverlässig, unberechenbar und ein permanentes Sicherheitsrisiko geworden.

Trotz Fernbleiben der großen Fossilmächte USA, China und Russland repräsentieren die Teilnehmer etwa ein Drittel der weltweiten Wirtschaftskraft. Diese Blockbildung könnte für ökonomische Relevanz sorgen:

Die Angst vor den „Stranded Assets“: Die bestehende fossile Infrastruktur reicht bereits aus, um das 1,5-Grad-Ziel zu reißen. Doch gerade die Staaten im globalen Süden sehen sich damit konfrontiert, dass ausländische Investoren ihre Investitionen über ISDS-Verträge absichern und hartnäckig im Kapitalimportland verankern. Selbst wenn ein Land aus den Fossilen aussteigen will, macht es der Finanzmarkt schwer. Das Signal aus Santa Marta: Die regulatorische Luft für fossile Investitionen wird dünner, weil sich die durch Verträge gelähmten Staaten jetzt koordinieren und gemeinsame Lösungen suchen.  

Die Entkopplung von Welthandel und CO2: Indem ambitionierte Länder beginnen, ihre Handels- und Subventionspolitik zu koordinieren, entsteht wirtschaftlicher Druck. Wenn der Zugang zu Märkten der „Willigen“ für CO2-intensive Produkte teurer wird, müssen auch zögerliche Staaten nachziehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die Forderung nach einem rechtlich bindenden „Nichtverbreitungsvertrag für fossile Brennstoffe“ (Fossil Fuel Treaty) schaffte es nicht in die finalen Dokumente. Und doch ist der Stein im Rollen.

Klimaforschung auf Truth Social: Wenn der „Worst Case“ zum Strohmann wird

Ein ganz anderer Geist herrscht im Weißen Haus. Nachdem der Weltklimarat sein Worst Case-Szenario zurücknahm, war es für Donald Trump (und die üblichen Verdächtigen aus aller Herren Länder) ein gefundenes Fressen, um jede Klimapolitik für sinnfrei zu erklären.

Um das Missverständnis aufzuklären, muss man verstehen, was Klimaszenarien eigentlich sind. Wissenschaftler nutzen sie explorativ. Heißt: Sie sind keine Prognosen oder konkreten Wettervorhersagen für das Jahr 2100. Stattdessen testen Forscher damit hypothetische Zukünfte: Was passiert mit der Erderwärmung, wenn die Menschheit massiv Kohle verbrennt? Und was, wenn wir morgen emissionsfrei leben?

Das Szenario „RCP8.5“ (und dessen Nachfolger „SSP5-8.5“) repräsentiert seit über einem Jahrzehnt das extreme obere Ende dieser Skala – ein absolutes Worst-Case-Szenario, das von einer ungebremsten, massiven Rückkehr zur Kohlenstoffwirtschaft und einer Bevölkerungsexplosion ausgeht.

Dass dieses Extrem-Szenario im realen Verlauf der globalen Transformation an Wahrscheinlichkeit verloren hat, ist in der Wissenschaft ein alter Hut. „Es war nie ein wahrscheinliches Szenario“, stellt Detlef van Vuuren, einer der führenden Köpfe hinter den Modellen, klar. Dass der Weltklimarat nun für seine kommenden Berichte (den siebten Sachstandsbericht, AR7) die Szenarien aktualisiert und das unrealistisch gewordene RCP8.5 durch neuere Modelle ersetzt hat, ist handwerkliche Routine.

Also erstmal eine gute Nachricht. Die schlechte:

Medien wie die New York Post oder der Daily Caller feierten Trumps Post dennoch prompt als Beleg dafür, dass die Klimawarnungen der Wissenschaftler maßlos übertrieben gewesen seien. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss. Nur weil das apokalyptische Szenario dank des weltweiten Ausbaus erneuerbarer Energien wohl abgewendet wurde, bedeutet das keineswegs Entwarnung.

Die Fakten aus den neuesten IPCC-Modellierungen zeigen nämlich das genaue Gegenteil eines Freibriefs:

Das 1,5-Grad-Ziel ist de facto Historie: Die Autoren betonen, dass es ohne eine erhebliche, zeitweise „Überschreitung“ (Overshoot) der globalen Temperaturen schlicht „nicht mehr möglich“ ist, die Erwärmung auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Klarer Kurs auf starke Erwärmung: Auch ohne RCP8.5 befindet sich die Erde laut aktuellen Projektionen immer noch auf einem stabilen Kurs in Richtung 2,5 bis 3 Grad Erwärmung bis 2100.

Man muss kein Klimaforscher sein, um zu wissen, dass eine dauerhafte Erwärmung um 3 Grad von den Vereinten Nationen zu Recht als „katastrophal“ eingestuft wird. Es drohen das Kippen unumkehrbarer Ökosysteme, verheerende Dürren und ein rasanter Anstieg des Meeresspiegels.

Trumps „Good Riddance“ an ein theoretisches Extrem-Szenario ist ein klassisches Ablenkungsmanöver. Es bedient das Narrativ einer vermeintlich korrupten, zurückrudernden Wissenschaft, um die eigene fossile Agenda – wie die im Mai 2025 per Dekret beschlossene Aufweichung von Umweltauflagen – politisch zu rechtfertigen.

Die Realität schert sich jedoch nicht um Truth Social. Die Klimakrise wird nicht dadurch gelöst, dass man das schwärzeste Szenario von der Tafel wischt.