Makroskop
Updates zur Konjunktur

Trübe Aussichten, fragile Stabilisierung: Deutschlands Wirtschaft im Frühjahr 2026

| 21. Mai 2026

Iran-Krieg, einbrechender Export, Rekordinsolvenzen und ein schwächelnder Arbeitsmarkt – die deutsche Wirtschaft ist einer Kumulation von Belastungen ausgesetzt, die sich wechselseitig verstärken. Der ifo-Geschäftsklimaindex signalisiert im Mai eine fragile Bodenbildung, doch eine Trendwende ist das noch lange nicht.

  • Drastische Absenkung der Konjunkturprognosen für Deutschland und die Eurozone durch EU-Kommission und Bundesregierung
  • ifo-Geschäftsklimaindex steigt im Mai leicht auf 84,9 Punkte
  • Einbruch der deutschen Exporte in die USA und nach China; strukturelle Krise des Exportmodells
  • Ausländische Direktinvestitionen auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise 2009
  • Rekordniveau bei Unternehmensinsolvenzen, neue Höchstwerte in Hotel, Gastronomie und Wohnungswirtschaft
  • Gastgewerbeumsätze auf dem niedrigsten Stand seit März 2022
  • Arbeitslosigkeit überschreitet erstmals seit 15 Jahren Drei-Millionen-Marke

Deutschlands Wirtschaft gerät weiter unter Druck. Die EU-Kommission halbierte ihre Wachstumserwartung für 2026 auf nur noch 0,6 Prozent. Auch für die Eurozone wurde die Prognose deutlich gesenkt. Gleichzeitig dürfte die Inflation im Euroraum auf drei Prozent steigen – deutlich über dem EZB-Ziel. Mit dem Iran-Krieg erlebt Europa binnen sechs Jahren bereits den dritten schweren Wirtschaftsschock nach Pandemie und Ukrainekrieg. Aus der erhofften Erholung droht damit erneut eine Phase der Stagflation zu werden.

Haupttreiber der Entwicklung ist die faktische Blockade der Straße von Hormus, die Öl- und Gaspreise massiv verteuert hat. EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis warnte bereits vor einem schweren Energieschock. Sollte der Konflikt anhalten, könnten sich die ohnehin deutlich gesenkten Wachstumsprognosen nochmals nahezu halbieren. Die Bundesregierung erwartet nach ihrer Korrektur vom April nur noch 0,5 Prozent Wachstum, das Institut der deutschen Wirtschaft sogar lediglich 0,4 Prozent. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium heißt es, aktuelle Indikatoren deuteten auf einen „deutlichen Dämpfer“ im zweiten Quartal hin. Eine Frühjahrsbelebung bleibt aus, selbst die zuletzt gestiegenen Industrieaufträge gelten eher als Vorzieheffekt denn als Zeichen einer nachhaltigen Erholung.

Gleichzeitig treibt die teure Energie die Inflation wieder nach oben: Mit 2,9 Prozent erreichte die Teuerungsrate im April den höchsten Stand seit Anfang 2024, ein Überschreiten der Drei-Prozent-Marke gilt inzwischen als wahrscheinlich.

ifo-Geschäftsklima: Bodenbildung auf niedrigem Niveau

Inmitten der gedrückten Konjunkturlage sendete der ifo-Geschäftsklimaindex für Mai ein überraschendes, aber widersprüchliches Signal. Entgegen den Erwartungen stieg der Index leicht von 84,5 auf 84,9 Punkte. Die rund 9.000 befragten Unternehmen bewerteten sowohl ihre aktuelle Lage als auch die Geschäftserwartungen etwas weniger pessimistisch. ifo-Präsident Clemens Fuest sprach von einer vorläufigen Stabilisierung der deutschen Wirtschaft – allerdings auf niedrigem Niveau und mit fragiler Grundlage.

Getragen wurde der leichte Anstieg vor allem vom Dienstleistungssektor. Im Verarbeitenden Gewerbe hellte sich zwar die Einschätzung der aktuellen Lage etwas auf, zugleich verschlechterten sich jedoch die Erwartungen für die kommenden Monate weiter. Besonders problematisch: Die Neuaufträge gingen erneut zurück. Im Bauhauptgewerbe setzte sich die Schwäche ohnehin fort, der Index gab dort leicht nach.

Verbraucherstimmung: Gemischte Signale

Auch die Verbraucherstimmung hellt sich leicht auf – allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Der Konsumklimaindex der Marktforscher von GfK und NIM stieg für Juni überraschend auf minus 29,8 Punkte. NIM-Konsumexperte Rolf Bürkl warnte jedoch, die Belastungen durch den Nahostkonflikt blieben im Konsumklima klar sichtbar. Viele Verbraucher rechneten weiterhin mit steigenden Preisen und einer Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage.

Wie angespannt die Stimmung tatsächlich ist, zeigt das Gastgewerbe – ein besonders sensibler Frühindikator für den privaten Konsum. Wer sparen muss, verzichtet zuerst auf Restaurantbesuche, Kurzreisen oder Hotelübernachtungen. Laut Statistischem Bundesamt brach der reale Umsatz im Gastgewerbe im März gegenüber dem Vorjahr um 5,2 Prozent ein und fiel auf den niedrigsten Stand seit dem Frühjahr 2022. Besonders stark betroffen war die Hotelbranche. Dass sich die Gastronomie vergleichsweise stabil hielt, dürfte vor allem an der Mehrwertsteuersenkung auf Speisen liegen.

Die Entwicklung deutet auf ein tieferes Problem hin: Wenn Haushalte beginnen, selbst bei Alltagsausgaben und privater Vorsorge zurückzuhalten, verliert die Wirtschaft ihren wichtigsten Stabilitätsanker – den Konsum. Und ausgerechnet die Exportwirtschaft, lange Deutschlands Ausweichmotor, liefert derzeit kaum Entlastung.

Exporte unter Druck – ein Modell in der Krise

Deutschlands Wachstumsmodell hat über Jahrzehnte auf die Ausfuhr hochwertiger Güter in die Weltmärkte gesetzt. Dieses Fundament gerät zunehmend ins Wanken. Im ersten Quartal 2026 sanken die deutschen Exporte in die USA um rund zwölf Prozent, der Exportüberschuss mit den Vereinigten Staaten schrumpfte um über 30 Prozent. Gleichzeitig brachen die Ausfuhren nach China um 12,5 Prozent ein – China rangiert als Abnehmermarkt für deutsche Waren nur noch auf Platz neun. Mit der Nachfrage aus den beiden wichtigsten Absatzmärkten erodiert das strukturelle Fundament, auf dem die deutsche Industrie jahrzehntelang ihre Erträge erwirtschaftete. Eine ausführliche Analyse der Import- und Exportdaten folgt in der nächsten Ausgabe.

Standort Deutschland verliert Anziehungskraft

Parallel dazu verliert Deutschland auch als Investitionsstandort weiter an Attraktivität. Laut einer Auswertung der Beratungsgesellschaft EY sank die Zahl ausländischer Investitionsprojekte 2025 um zehn Prozent auf nur noch 548 – der achte Rückgang in Folge und der niedrigste Wert seit der Finanzkrise 2009. Als zentrale Belastungsfaktoren gelten hohe Energie- und Arbeitskosten, steuerliche Belastungen sowie eine zunehmend als schwerfällig wahrgenommene Bürokratie. Während andere europäische Staaten ihre Verwaltungen digitalisieren und Genehmigungsverfahren vereinfachen, wächst in Deutschland bei vielen Unternehmen der Eindruck eines strukturell blockierten Standorts.

Die wirtschaftspolitischen Antworten bleiben dennoch weitgehend angebotsorientiert: schnellere Genehmigungen, Bürokratieabbau, steuerliche Investitionsanreize. All das mag Investitionen erleichtern – ersetzt aber keine Nachfrage. Denn Unternehmen investieren nicht allein wegen niedrigerer Kosten, sondern vor allem dann, wenn sie Absatz erwarten können. Genau hier liegt das tiefergehende Problem der deutschen Wirtschaft: Mit steigenden Preisen, schwacher Beschäftigungsdynamik und sinkender Kaufkraft gerät die Binnennachfrage zunehmend unter Druck. Die Gefahr ist ein sich selbst verstärkender Abwärtseffekt: schwacher Konsum, geringe Investitionen, noch schwächeres Wachstum.

Insolvenzen auf Rekordhoch

Die wirtschaftliche Erosion schlägt sich ebenso klar in der Insolvenzstatistik nieder. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) verzeichnete im April 2026 insgesamt 1.776 Unternehmensinsolvenzen – drei Prozent mehr als im März, zehn Prozent mehr als im April 2025 und 82 Prozent über dem Vor-Corona-Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Zuletzt war ein ähnlich hohes Niveau im Juni 2005 zu beobachten.

In den größten zehn Prozent der insolventen Unternehmen waren im April knapp 20.000 Arbeitsplätze betroffen – mehr als doppelt so viele wie im entsprechenden Vor-Corona-Durchschnitt, darunter zwei Großinsolvenzen im Handel mit zusammen knapp 6.000 betroffenen Jobs. Neue Höchstwerte verzeichneten das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie die Grundstücks- und Wohnungswirtschaft; im Handel und bei Dienstleistungen wurden Rekordwerte nur knapp verfehlt. IWH-Insolvenzforscher Steffen Müller rechnet auf Basis aktueller Frühindikatoren damit, dass bis einschließlich Juli sehr hohe Insolvenzzahlen zu erwarten seien.

Arbeitsmarkt: Ende einer goldenen Dekade

All diese Entwicklungen verdichten sich schließlich am Arbeitsmarkt. Im April überschritt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals seit 15 Jahren die symbolisch bedeutsame Marke von drei Millionen – in einem Umfeld, in dem die Arbeitslosigkeit in 42 der vergangenen 48 Monate gestiegen ist. Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) konstatierte, die goldene Dekade von 2009 bis 2019 mit starker Jobschöpfung und sinkender Arbeitslosigkeit sei vorbei.

Die Automobil-, Maschinenbau- und Chemieindustrie bauen seit Jahren Stellen ab. Volkswagen plant bis 2030 den Abbau von 50.000 Stellen in Deutschland, Bosch will im selben Zeitraum 22.000 Stellen streichen. Der Verband der Automobilindustrie rechnet bis 2035 mit dem Wegfall von insgesamt 225.000 Arbeitsplätzen in der Branche – 35.000 mehr als noch vor Kurzem erwartet.

Seit Anfang 2022 sank die Zahl offener Stellen um 26 Prozent; ausgeschriebene Einstiegspositionen lagen 2025 laut Stepstone.de um 42 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Bernd Fitzenberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) warnte, die Chancen, nach einem Jobverlust rasch wieder eine Stelle zu finden, seien auf Niveaus gefallen, die zuletzt während der Pandemie zu beobachten waren; wer einmal arbeitslos werde, bleibe es länger – manche zögen sich ganz vom Arbeitsmarkt zurück.

Bundeskanzler Friedrich Merz setzt auf ein kreditfinanziertes Ausgabenprogramm für Infrastruktur und Verteidigung und bezeichnete den Anstieg der Arbeitslosigkeit als Beleg dafür, dass das Land Reformen der Wirtschaftspolitik und der Genehmigungsverfahren brauche. Wie wirksam angebotsseitige Reformen jedoch sind, wenn gleichzeitig die Nachfrage der privaten Haushalte wegbricht, bleibt die zentrale Frage. Eine Wirtschaft, deren Exportmärkte schwächeln und deren Binnenkonsum unter Preis- und Einkommensdruck steht, hat wenig Puffer.