Die Neoklassik und die Straße von Hormus
Der Iran-Krieg könnte schwerwiegendere wirtschaftliche Folgen haben als jeder Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Grund liegt darin, dass das globale Wirtschaftssystem fragiler ist, als es nach außen wirkt.
Noch vor einem Monat hatten viele Menschen nicht einmal von der Straße von Hormus gehört — jener Meerenge, die Trump in seiner Großspurigkeit kürzlich als „Straße von Trump" bezeichnet hat. Doch nun stehen wir vor den Konsequenzen der Abriegelung dieser lebenswichtigen Schlagader im Kreislaufsystem der Weltwirtschaft. Eigentlich hätte deren Bedeutung längst Allgemeinwissen sein müssen. Doch unser Verständnis der Weltwirtschaft beruht auf einem Fundament von Selbsttäuschungen — und ich werde mich bemühen zu zeigen, welchen Anteil daran die neoklassische Ökonomie trägt.
Die Illusion des Wettbewerbs
Die neoklassische Ökonomie hat uns stets in falscher Sicherheit gewiegt — mit ihrer törichten Annahme, die meisten Branchen seien „wettbewerblich", jedenfalls nach ihrer eigenen Definition von Wettbewerb. Eine „wettbewerbliche" Branche ist in der neoklassischen Theorie eine Branche mit einer Vielzahl von Anbietern, die ein homogenes Produkt herstellen. Eine in zweifacher Hinsicht wirklichkeitsferne Definition: Die meisten Branchen werden von wenigen sehr großen Unternehmen beherrscht, und alle Produkte sind stark differenziert.
In der neoklassischen Welt würde der Ausfall einiger Produzenten die Gesamtproduktion kaum berühren, weil es Tausende, ja Millionen von Anbietern gibt und jedes Produkt ein vollkommener Ersatz für alle anderen ist. In der Wirklichkeit werden die meisten Branchen von einer Handvoll großer Unternehmen dominiert, und das Produkt des einen lässt sich nicht ohne Weiteres durch das eines anderen ersetzen.
Genau das erleben wir im aktuellen Krieg auf harte Weise: Venezolanisches Öl kann Öl aus dem Persischen Golf nicht über Nacht ersetzen. Und die beschädigten Schlüsselanlagen — etwa Katars LNG-Verarbeitungswerke, deren Bau vier Jahre in Anspruch genommen hat und die nun durch den Krieg lahmgelegt wurden — können nur von einer kleinen Zahl von Unternehmen wieder instandgesetzt werden. Diese Reparaturen werden Jahre dauern.
Das Versagen der Modelle
Schlimmer noch: Das klassische Angebots-Nachfrage-Diagramm der neoklassischen Ökonomen blendet den Faktor Zeit schlichtweg aus. In der neoklassischen Welt genügt es, den Preis zu erhöhen, und schon steigt die Angebotskurve und mündet in einer höheren Produktionsmenge. In der Realität dauert es mehrere Jahre, diese „Angebotskurve" zu erklimmen, wenn die LNG-Produktion 25 Prozent unter dem gewünschten Niveau liegt. So wie es derzeit der Fall ist – nicht nur infolge der kriegsbedingten Zerstörungen in Katar, sondern auch wegen der Auswirkungen des tropischen Zyklons Narelle auf Australiens LNG-Anlagen.
Die Beschreibung der Wirklichkeit durch die neoklassische Ökonomie ist im Laufe der Zeit sogar noch unzulänglicher geworden und heute nahezu vollständig vom realen Produktionssystem des Planeten entkoppelt. Wäre der Iran-Krieg allerdings 1976 statt 2026 geführt worden, hätten neoklassische Ökonomen die verheerenden Folgen einer Blockade der Straße von Hormus sehr viel klarer erkannt.
Vor fünfzig Jahren verwendete die Mainstream-Ökonomie sogenannte CGE-Modelle — Modelle des berechenbaren allgemeinen Gleichgewichts –, um Produktions- und Verteilungssysteme abzubilden. Diese Modelle arbeiteten mit Input-Output-Matrizen: ähnlich einem Kochbuch, das die Zutaten für viele verschiedene Gerichte auflistet, waren diese Matrizen Zahlenfelder, die angaben, wie viele Einheiten eines Gutes benötigt wurden, um andere Güter herzustellen. Neoklassische Ökonomen des Jahres 1976 hätten deshalb gewusst, dass der Ausfall bestimmter Lieferungen Folgewirkungen auf die Produktion aller anderen Güter nach sich zieht.
Heute dominieren DSGE-Modelle – dynamisch-stochastische allgemeine Gleichgewichtsmodelle. Sie haben die Input-Output-Matrizen durch eine einzige fantastische Gleichung ersetzt, die sogenannte Cobb-Douglas-Produktionsfunktion: Das Bruttoinlandsprodukt wird darin allein aus Arbeit und Maschinen erzeugt, multipliziert mit einer Größe namens „totale Faktorproduktivität". Arbeit und Maschinen treten in die Fabrik ein, Güter und Dienstleistungen am anderen Ende heraus – so einfach, so falsch. Moderne neoklassische Ökonomen wissen schlicht nicht, dass man zum Produzieren physische Vorleistungen aus der Natur braucht. Sie finden das gerade auf die harte Weise heraus.
Cobb-Douglas und die Illusion der Substitution
Der grundlegende Fehler lässt sich präziser beschreiben. Die Cobb-Douglas-Produktionsfunktion modelliert den Output als Produkt aus Kapital, Arbeit und – wenn diese überhaupt vorkommt – Energie. Dabei wird jeder Faktor mit einem Exponenten gewichtet, der seinem Anteil am BIP entspricht. Arbeit erhält beispielsweise einen Exponenten von 0,7, Kapital von 0,25, Energie 0,05. Die entscheidende Konsequenz: Da diese Größen miteinander multipliziert werden, lässt sich jeder Faktor durch einen anderen ersetzen. Fehlt Energie, kann man laut diesem Modell einfach mehr Arbeit einsetzen – und der Gesamteffekt eines 10-prozentigen Energierückgangs auf das BIP beträgt gerade einmal 0,5 Prozent.
Das ist absurd. Wenn der Tank leer ist, hilft es nicht, den Tankwart ins Fahrzeug zu setzen. Man kann einen Produktionsfaktor nicht durch einen anderen ersetzen, wenn die physische Grundlage fehlt.
Leontief und die Realität der Produktion
Die Alternative zu diesem Denkfehler lieferte der russisch-amerikanische Mathematiker und Ökonom Wassily Leontief. Er untersuchte empirisch Daten zu Einkommen und Kapital aus aller Welt und stellte eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit fest: Unabhängig von der gewählten Messmethode findet sich stets ein konstantes Verhältnis zwischen Kapital und Output – grob gesprochen ergibt ein Kapitalstock von 300 einen Output von 100, ein Kapitalstock von 600 einen Output von 200. Leontief konnte diese Regelmäßigkeit zwar nicht vollständig erklären, hielt sie aber für so robust, dass er sie zum Kern seines Modells machte: Der Output entspricht dem verfügbaren Kapital geteilt durch das sogenannte Kapital-Output-Verhältnis, das in der Regel etwa drei beträgt.
Noch wichtiger war eine zweite Erkenntnis aus Leontiefs empirischer Analyse: Kapital, Arbeit und Energie sind keine Substitute. Man braucht sie in den richtigen Proportionen, und fehlt einer der Faktoren, bestimmt eben dieser die Obergrenze des gesamten Outputs. Man kann keine Energie durch Maschinen ersetzen, wenn die Energie fehlt, die Maschinen anzutreiben. Man kann keine Arbeit durch Kapital ersetzen, wenn die Arbeiter fehlen, die das Kapital bedienen. Die drei Faktoren wirken zusammen – sie sind komplementär, nicht austauschbar.
Das ist die post-keynesianische Sicht auf Produktion. Und sie führt zu fundamental anderen Prognosen: Ein 10-prozentiger Rückgang der verfügbaren Energie erzeugt nach dem Leontief-Modell einen 10-prozentigen Rückgang des BIP – nicht einen halben Prozentpunkt, wie die Cobb-Douglas-Funktion behauptet. Wir werden in den kommenden Monaten herausfinden, welches Modell die Realität beschreibt.
Energie ist alles
Energie steht an erster Stelle – und das lässt sich empirisch belegen. Legt man den weltweiten Energieverbrauch in Petajoule über das globale Bruttoprodukt, verlaufen beide Kurven nahezu deckungsgleich. Das Verhältnis ist eins zu eins. Ein Rückgang der Energie um 5 Prozent erzeugt einen Rückgang des Bruttoweltprodukts um 5 Prozent. Mein Schluss: Arbeit ohne Energie ist ein Leichnam, Kapital ohne Energie eine Skulptur. Ohne Energie lässt sich schlechterdings nichts produzieren.
Derzeit wurden ungefähr 20 Prozent des weltweiten Flüssigerdgases abgeschnitten. Zusammen mit dem Ausfall des Öl aus der Straße von Hormus und weiteren Versorgungsunterbrechungen könnte die globale Energieversorgung um rund 10 Prozent zurückgehen — was nach dem Leontief-Modell einem ebenso großen Rückgang des globalen BIP entspräche. Das ist eine ernste wirtschaftliche Erschütterung. Doch es ist nicht das Schlimmste.
Das Nahrungsmittelproblem
Noch gravierender könnte der Rückgang der Nahrungsmittelproduktion infolge ausbleibender Düngemittellieferungen sein. Ökonomen haben kaum ein Gespür dafür, wie Lebensmittel tatsächlich erzeugt werden – und deshalb fehlt dieses Bewusstsein auch in der breiten Öffentlichkeit. Wir unterschätzen, wie stark unsere Nahrungsmittelproduktion von Erdöl und seinen Folgeprodukten abhängt.
Düngemittel werden im Haber-Bosch-Verfahren hergestellt, das im Ersten Weltkrieg entwickelt wurde. Dabei werden Erdgas — Methan, CH₄ —, Wasser und atmosphärischer Stickstoff zu Ammoniak, NH₃, umgewandelt, aus dem wiederum Dünger wie Harnstoff gewonnen wird. Ohne dieses Verfahren läge die Tragfähigkeit des Planeten bei schätzungsweise der Hälfte der aktuellen Weltbevölkerung. Wir sind acht Milliarden Menschen. Ungefähr ein Drittel der weltweiten Düngemittelproduktion passiert die Straße von Hormus — und infolge des Iran-Krieges geschieht das derzeit nicht.
Hinzu kommt ein Zeitproblem, das keine Angebots-Nachfrage-Kurve abzubilden vermag: Düngemittel müssen zur Aussaat verfügbar sein. Trifft der Nachschub nicht rechtzeitig ein, lässt er sich nicht nachträglich einbringen. Auch hier gilt das Leontief-Prinzip: Man kann Düngemittel nicht durch Feldarbeit ersetzen. Fällt die Düngemittelversorgung um 20 Prozent, fällt die Nahrungsmittelproduktion in ähnlicher Größenordnung – mit erheblichen Belastungen vor allem für jene Regionen, die über keine eigenen Reserven verfügen.
Historisch trafen Versorgungsengpässe dieser Art vor allem ärmere Länder. Diesmal könnte es auch Industrieländer treffen, denn die Nahrungsmittelproduktion in den USA und in Europa ist womöglich sogar stärker von Düngemittelzufuhr abhängig als jene in Afrika, Asien und Lateinamerika.
Das Überleben wird von Getreidereserven abhängen. China verfügt über Vorräte für ungefähr achtzehn Monate und ist damit gegen die Verwerfungen des Jahres 2026 weitgehend abgeschirmt – auch weil das Land seit Jahrzehnten in Energiealternativen und Versorgungssicherheit investiert hat. Auch die USA und Indien besitzen erhebliche Reserven; andere Länder dagegen – darunter Großbritannien – haben so gut wie keine. Australien produziert zwar fünfmal so viel Getreide wie es verbraucht, doch seine Lagerbestände würden den Inlandsbedarf für weniger als einen Monat decken.
Deflation, nicht Inflation
Schon der Einbruch des BIP infolge des Energieschocks wäre schwerwiegend genug. Doch die zweite Welle – die deflationäre – wird von der Mainstream-Ökonomie vollständig ignoriert, weil sie einen weiteren blinden Fleck hat: private Schulden.
In Amerika liegt die private Verschuldung derzeit bei rund 140 Prozent des BIP. Wenn Unternehmen infolge höherer Energiepreise weniger Gewinn erwirtschaften, wenn die Arbeitslosigkeit steigt, werden viele nicht mehr in der Lage sein, ihre Schulden zu bedienen. Man kann Einkommen nicht durch private Schulden ersetzen – auch das ist ein Leontief-Moment. Das Ergebnis wäre ein Einbruch der kreditgetriebenen Nachfrage, vergleichbar mit 2007 bis 2008, nur in größerem Maßstab.
Irving Fisher hat diesen Mechanismus in den 1930er Jahren präzise beschrieben – was ich Fishers Paradoxon nenne: Je mehr Schuldner zahlen, desto mehr schulden sie. Denn wenn alle gleichzeitig versuchen, Schulden abzubauen, vernichten sie Geld, bremsen die Wirtschaft und drücken die Preise. Die reale Schuldenlast steigt, während das Preisniveau fällt. Das ist es, was zu großen Depressionen führt.
Und es ist auch der Grund, warum die Weimarer Inflation nicht Hitler an die Macht gebracht hat – ein hartnäckiger Mythos, der korrigiert werden muss. Hitler saß während der Weimarer Inflation im Gefängnis. Was ihn an die Macht brachte, war die Deflation zehn Jahre später – der kaskadenartige Zusammenbruch von 1932 bis 1933, als die Preise Jahr für Jahr um 10 Prozent fielen.
Jede Hyperinflation in der Geschichte — Deutschland in den 1920ern, Chile, Frankreich — wurde nicht durch Staatsausgaben für Sozialleistungen verursacht, wie die Lehrbücher behaupten, sondern durch die Notwendigkeit, Auslandsschulden zu bedienen. Der Globale Süden trägt heute enorme Auslandsschulden in Dollar – dieser Mechanismus droht erneut.
Die Zerbrechlichkeit des Netzes
Mit dem Wegfall kritischer industrieller Vorleistungen werden sich die Probleme weit über die Ernährung hinaus kaskadenartig ausbreiten. Zu den weiteren kritischen Gütern, die normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert werden, gehören Helium, das für die Halbleiterfertigung unentbehrlich ist, und Schwefelsäure, die für zahlreiche Produktionsprozesse benötigt wird.
Was die wenigsten wissen: Helium lässt sich nicht lagern – es entweicht innerhalb von Wochen durch jeden Behälter. Sobald die Versorgung unterbrochen ist, brechen jene Industrien, die darauf angewiesen sind, unmittelbar zusammen. Die Schließung der Meerenge kappt ein Drittel der weltweiten Heliumproduktion und etwa die Hälfte der globalen Schwefelsäureproduktion. Wenn die Produktion von LNG, Erdöl, Helium und Schwefelsäure einbricht, wird zugleich die Fähigkeit beeinträchtigt, beschädigte Anlagen überhaupt wieder instand zu setzen.
Der Iran-Krieg gleicht dem Zerschlagen eines Spinnennetzes – und anschließend dem Töten der Spinne. Spinnenseide ist von erstaunlicher Belastbarkeit: Sie ist fünfmal stärker als ein gleich breiter Stahlfaden. Doch wenn man das Netz seitlich zerreißt und die Spinne tötet, wird aus einem wirksamen Instrument ein wertloses Knäuel aus verfilzten Fasern. Genau das richtet dieser Krieg im Produktions- und Verteilungssystem des Planeten an.
Ich glaube nicht, dass es sich um ein durchgeplantes Komplott handelt. Es ist vor allem Unkenntnis. Die israelische und US-amerikanische Führung, die den Krieg begonnen haben, wissen schlicht nicht, dass man physische Vorleistungen aus der Natur braucht, um Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Sie haben die Volkswirtschaft in einer Tradition gelernt, die Energie für eine vernachlässigbare Restgröße hält und glaubt, ein fehlender Produktionsfaktor lasse sich stets durch einen anderen ersetzen. Diese Annahme ist falsch – und wir alle werden die Kosten tragen, während die Theorie sich der Realität anpassen muss.