Makroskop
Energiepreise

Inflation ist nur das Symptom: Warum die Energiekrise mehr ist als ein Preisschock

| 16. April 2026
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Die „Verkäuferinflation“ erklärt steigende Preise – aber nicht ihre Ursache. Die aktuelle Krise zeigt ein tieferes Problem: die Abhängigkeit von fossilen Energien. Statt Zeit zu kaufen, ist ein struktureller Umbau nötig. 

Isabella Weber und Gregor Semieniuk zeigen in einem aktuellen Beitrag im New Statesman, wie Preisschocks bei Öl, Gas und chemischen Vorprodukten entlang der Wertschöpfungsketten durchschlagen. Ihr zentrales Argument: Inflation entsteht nicht nur durch Nachfrage oder steigende Löhne, sondern auch durch Marktmacht, Engpässe und Verteilungskonflikte – eine Form der „Verkäuferinflation“, bei der Anbieter ihre Position gezielt nutzen.

Im Kern geht es darum, dass Unternehmen an strategischen Engstellen der Produktion Kostenschübe weitergeben und teilweise überproportional in Preise übersetzen. Auf diese Weise pflanzt sich Inflation durch das gesamte System fort – mit spürbaren Folgen für Realeinkommen und wirtschaftliche Stabilität. Die Diagnose ist überzeugend. Die offene Frage bleibt jedoch, welche wirtschaftspolitischen Antworten daraus folgen.

Weber und Semieniuk leiten daraus konkrete Eingriffe ab: die Freigabe strategischer Reserven, temporäre Margenbegrenzungen und koordinierte Preisobergrenzen im Großhandel, um die Verteilungswirkungen von Energie- und Rohstoffschocks abzufedern. Der Ansatz ist klar interventionistisch – und hebt sich wohltuend von der geldpolitischen Standardreaktion ab, die Inflationsphasen primär mit Zinserhöhungen beantwortet. Im Fokus steht der Schutz von Haushalten und industrieller Basis vor sprunghaften Kostenanstiegen.

Gleichzeitig bleibt der Vorschlag im Rahmen klassisch sozialdemokratischer Stabilisierungspolitik. Ziel ist es, das bestehende System widerstandsfähiger zu machen, nicht es grundlegend umzubauen. Die Maßnahmen setzen an der Preisbildung an, ohne die strukturellen Ursachen von Knappheit und Abhängigkeiten zu verändern. Damit wirken sie ausgleichend, aber nicht transformativ – sie dämpfen Symptome, ohne die zugrunde liegenden Produktions- und Versorgungsstrukturen neu zu ordnen.

Das Problem sind nicht nur volatile Öl- und Gaspreise

Diese Begrenzung wiegt umso schwerer, als es sich bei der aktuellen Lage nicht um eine gewöhnliche Inflationsphase handelt. Vielmehr verweist sie auf ein tieferliegendes, strukturelles Problem. Aus thermoökonomischer Perspektive ist Wirtschaft kein abstraktes Zusammenspiel von Preisen und Präferenzen, sondern vor allem die Organisation von Energie- und Materialflüssen. Produktion, Handel und gesellschaftliche Reproduktion sind unmittelbar vom Zugang zu stabilen Energiequellen abhängig. Der moderne Kapitalismus ist historisch um die Eigenschaften fossiler Energieträger gewachsen – ihre hohe Energiedichte, Transportfähigkeit und Flexibilität.

Genau diese Abhängigkeit wird nun zur Schwachstelle. Das Problem sind nicht nur volatile Öl- und Gaspreise. Es ist die strukturelle Bindung einer gesamten Wirtschaftsordnung an Ressourcen, deren Förderung, Transport und geopolitische Absicherung immer wieder Engpässe, Konflikte und Machtkonzentration erzeugen. Vor diesem Hintergrund ist Inflation mehr als ein monetäres oder verteilungspolitisches Phänomen – sie wird zum Indikator für Spannungen innerhalb eines unter Druck geratenen Energiesystems.

Vor diesem Hintergrund greift das Konzept der Verkäuferinflation zwar einen zentralen Mechanismus auf, bleibt aber unvollständig. Es beschreibt, wie Preisschocks im konzentrierten Kapitalismus weitergegeben werden, liefert jedoch keine hinreichende Erklärung für die tiefer liegende Transformation des Energiesystems. Der aktuelle Schock im fossilen Sektor ist nicht nur ein Anlass für Unternehmen, ihre Margen auszuweiten – er signalisiert auch, dass die energetische Basis der bestehenden Wirtschaftsordnung an Stabilität verliert. Der Engpass liegt damit nicht allein in der Marktstruktur, sondern in deren Abhängigkeit von fossilen Ressourcen. Maßnahmen, die lediglich Preisspitzen glätten und diese Abhängigkeit fortschreiben, laufen Gefahr, bestehende Strukturen zu konservieren, anstatt notwendige Anpassungen anzustoßen.

Das zeigt sich besonders bei Instrumenten wie der Freigabe strategischer Reserven oder temporären Preisobergrenzen. Kurzfristig können sie sinnvoll sein, um Haushalte und produktive Unternehmen vor massiven Belastungen zu schützen. Doch ohne eine klare Einbettung in eine Strategie zur raschen Reduktion fossiler Abhängigkeiten bergen sie Nebenwirkungen: Sie dämpfen die unmittelbaren Preissignale und damit auch die Wahrnehmung realer Knappheiten. Der Eindruck von Stabilität bleibt erhalten, obwohl die energetische Grundlage dieser Stabilität zunehmend erodiert. In der Folge kann die notwendige Anpassung – etwa durch Elektrifizierung, Effizienzsteigerungen oder industrielle Transformation – verzögert werden. Der Schock wird gemanagt, aber nicht gelöst.

Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Im liberalen wie im sozialdemokratischen Krisenmanagement greift der Staat häufig ein, um Verluste abzufedern und die Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft zu sichern. Das ist in akuten Krisen oft notwendig – und der Alternative des Nichtstuns klar vorzuziehen. Im Energiesektor kann diese Logik jedoch zur strukturellen Falle werden.

Denn während staatliche Eingriffe Preisschwankungen dämpfen und soziale Verwerfungen begrenzen, bleiben die zugrunde liegenden Abhängigkeiten unangetastet. Die infrastrukturellen Bindungen an fossile Energieträger und die Marktmacht zentraler Akteure bestehen fort – und damit auch die Wahrscheinlichkeit künftiger Schocks. Es entsteht eine Form permanenter Krisenbewältigung: Reserven werden freigegeben, Preise subventioniert, Margen begrenzt und temporäre Entlastungen gewährt, in der Hoffnung, dass sich die Märkte wieder stabilisieren.

Das Ergebnis ist weniger Transformation als eine Art kontrollierter Stillstand. Die Anpassung wird vertagt, während die Kosten schrittweise sozialisiert werden. So entsteht der Eindruck von Stabilität – tatsächlich aber wird die strukturelle Verwundbarkeit des Systems lediglich überdeckt.

Der Ansatz der Thermoökonomie

Die Thermoökonomie hat einen anderen Ansatz. Im Zentrum steht nicht nur die Frage, wie die Kosten eines Energieschocks verteilt werden – so wichtig sie politisch ist –, sondern wie die ökonomische Basis selbst verändert werden kann. Eine rationale Reaktion auf knapper werdende fossile Energieträger besteht nicht darin, den bestehenden Zustand möglichst lange zu stabilisieren, sondern den Umbau aktiv zu beschleunigen.

Konkret heißt das: eine systematische Verlagerung von der Verbrennung hin zu elektrifizierten Anwendungen, gespeist aus diversifizierten und möglichst heimischen Energiequellen. Für private Haushalte bedeutet das den Ausbau elektrischer Heizsysteme, Wärmepumpen, effizientere Gebäude und den Abschied von fossilen Koch- und Heiztechnologien. Im Verkehrssektor stehen Elektromobilität, elektrifizierter Gütertransport und ein leistungsfähiger öffentlicher Nahverkehr im Mittelpunkt. In der Industrie geht es um elektrifizierte Prozesswärme, den Ausbau von Netzen und Speichern sowie eine strategisch koordinierte Industriepolitik.

Ziel ist nicht, Engpässe bei fossilen Energien lediglich abzufedern, sondern die strukturelle Abhängigkeit von ihnen schrittweise zu überwinden.

Nach thermoökonomischen Gesichtspunkten müssten öffentliche Ausgaben gezielt darauf ausgerichtet werden, den Übergang vom fossilen zum elektrifizierten Energiesystem zu beschleunigen. Statt primär die sozialen Kosten von Kohlenwasserstoffen abzufedern, ginge es darum, den notwendigen Kapitalumbau zu finanzieren: den Ausbau von Stromnetzen und Speichern, Ladeinfrastruktur, heimischen Produktionskapazitäten sowie die Neuordnung industrieller Lieferketten entlang nicht-fossiler Energiequellen.

Der Fokus verschiebt sich damit grundlegend: Nicht die Verbilligung bestehender Abhängigkeiten steht im Zentrum, sondern deren schrittweise Auflösung.

Eine Frage ökonomischer und politischer Souveränität

Damit rücken Fragen struktureller Marktmacht in den Mittelpunkt, die im Rahmen der Verkäuferinflation nur teilweise erfasst werden. Die Analyse von Weber und Semieniuk zeigt überzeugend, wie konzentrierte Unternehmen Krisenlagen zur Preisdurchsetzung nutzen. Die tiefere Asymmetrie liegt jedoch nicht allein auf Unternehmensebene, sondern in der Kontrolle über zentrale Vorprodukte einer fossilen Wirtschaft. Wer Zugang zu energiereichen Inputs wie Öl und Gas steuert, verfügt nicht nur über Preissetzungsmacht, sondern auch über erheblichen politischen Einfluss. Maßnahmen wie Reservefreigaben oder Margenbegrenzungen können diese Macht temporär begrenzen – sie verändern jedoch nicht ihre strukturelle Grundlage.

Ein Umbau hin zu elektrifizierten Systemen hätte dagegen das Potenzial, diese Marktmacht grundlegend zu verschieben. Eine stärkere Elektrifizierung kann die Abhängigkeit von importierten Energieträgern reduzieren, die geopolitische Bedeutung fossiler Lieferketten relativieren und die Energieversorgung breiter streuen. Gleichzeitig verlagert sich die Kontrolle stärker in Richtung inländischer Infrastruktur und öffentlicher Steuerung. Der Übergang ist damit nicht nur eine klimapolitische Option, sondern eine Frage ökonomischer und politischer Souveränität.

Vor diesem Hintergrund sollte die aktuelle Lage weniger als Phase der Stabilisierung, sondern vielmehr als Moment beschleunigter Erneuerung verstanden werden. Die Krise ist nicht nur ein Problem der Inflationssteuerung, sondern Ausdruck einer grundlegenden Transformation des Energiesystems.

Wer sich darauf beschränkt, Preise zu stabilisieren, ohne die energetische Basis der Wirtschaft zu verändern, behandelt Symptome statt Ursachen. Kurzfristige Eingriffe können die unmittelbaren Verteilungseffekte abmildern. Bleibt die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern jedoch bestehen, wird damit zugleich die Grundlage für künftige Schocks erhalten. Krisenpolitik darf nicht nur stabilisieren, sondern muss die Verwundbarkeit des Systems verringern.