Bildung: Die stille Sparpolitik trifft ein System am Limit
Seit Jahrzehnten leidet das Bildungssystem an chronischer Unterfinanzierung. Mehr und mehr wird eine staatliche Kernaufgabe aufs Spiel gesetzt und zunehmend Privatschulen überlassen. Doch die sind Teil des Problems.
Das deutsche Bildungssystem steht vor immensen Herausforderungen. Genannt seien nur einige Schlagworte: Integration, Digitalisierung, Fachkräftemangel, marode Infrastruktur, Ganztagsbetreuung, soziale Ungleichheit. Seit Jahrzehnten sind die Probleme bekannt – und doch geschieht wenig bis nichts. Deutschland ist immer noch weit von dem selbstgesetzten Anspruch einer „Bildungsrepublik“ entfernt. Denn Bildung genießt aller politischen Rhetorik zum Trotz hierzulande keine Priorität.
Das lässt sich auch an den Bildungsausgaben ablesen. Diese sind zwar in den vergangen zehn Jahren absolut um 46 Prozent gestiegen, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt waren das allerdings nur magere 0,2 Prozentpunkte. Nach wie vor liegen die Bildungsinvestitionen in Deutschland mit 4,4 Prozent des BIP unter dem OECD-Durchschnitt und deutlich unter den Ausgaben von Ländern wie Israel, Norwegen und dem Vereinigten Königreich mit über 6 Prozent. Gemessen an den stetig steigenden Schülerzahlen und den vielfältigen Problemen ist das vollkommen unzureichend. Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz werden im Jahr 2032 insgesamt 11,8 Millionen Schüler beschult werden müssen, knapp 600.000 mehr als 2024.
Bildungspolitik ist in Deutschland bekanntlich Ländersache und wird von Ländern und Kommunen gemeinsam getragen. Erstere sind vor allem für Hochschulen, schulische Inhalte und das Lehrpersonal zuständig, letztere für den Bau und die Ausstattung der Schulgebäude sowie die Bereitstellung von Kindertagesstätten und Hortplätzen. Laut einer aktuellen KfW-Befragung der Kommunen beläuft sich der Investitionsrückstand allein bei Schulgebäuden auf 67,8 Milliarden Euro – ein Rekordwert.
Auch beim Lehrpersonal herrscht frappanter Mangel, der von den Verantwortlichen konsequent heruntergespielt wird. Während die Kultusministerkonferenz von 50.000 Lehrern im Jahr 2035 ausgeht, werden nach Berechnungen des Bildungsforschers Dieter Dohmen zu diesem Zeitpunkt 115 bis 178.000 Personen im Schuldienst fehlen.
Die Diskrepanz erklärt sich zum Teil dadurch, dass Dohmen nicht nur die altersbedingt aus dem Schuldienst ausscheidenden Lehrkräfte einberechnet, sondern auch die rasant steigende Zahl derjenigen, die aus Überforderung und anderen persönlichen Gründen vorzeitig aus dem Schuldienst ausscheiden.
Ein wichtiger Grund dafür ist das steigende Burn-Out-Risiko von Lehrern. In der jüngsten Lehrkräftebefragung im Rahmen des Deutschen Schulbarometers, einer repräsentativen Studie im Auftrag der Robert Bosch Stiftung, gab fast ein Drittel der befragten Lehrkräfte an, sich mehrmals in der Woche erschöpft zu fühlen, jede Zehnte sogar täglich. 20 Prozent gaben an, dass ihre Arbeit sie emotional verhärten würde. Steigende Schülerzahlen, steigende Anforderungen an Digitalisierung und Integration bei konstant hohem Personalmangel führen dazu, dass weniger Lehrkräfte immer mehr leisten müssen: ein Teufelskreis.
Als Reaktion auf sinkende Steuereinnahmen setzen die Länder nun auch noch zusätzlich den Rotstift bei einem bereits unterfinanzierten und dauerhaft am Anschlag arbeitenden System an. Jüngst hat beispielsweise die hessische Landesregierung einen Sparplan vorgelegt, der unter anderem Personalkürzungen an Integrierten Gesamtschulen vorsieht, also jenen Schulen, die sich durch besonders heterogene Lerngruppen und daher erhöhten Personalbedarf auszeichnen. Je nach Jahrgang verlieren Integrierte Gesamtschulen nach diesem Plan bis zu 2,1 Lehrerwochenstunden pro Klasse. Das kann je nach Schule bis zu drei Lehrerstellen ausmachen.
Bildung und soziale Ungleichheit
Dabei sind die Missstände im Bildungswesen schon aus rein ökonomischen Gründen ein Desaster. So ist der Anteil der jungen Erwachsenen ohne Abitur oder Berufsausbildung in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen, auf aktuell 15 Prozent der 25- bis 34-Jährigen. 2019 lag dieser Wert noch bei 13 Prozent. Obwohl die Industrie händeringend Fachkräfte sucht und sie vermehrt kostspielig aus dem Ausland anwerben muss, wird das hiesige Potenzial an jungen Menschen fahrlässig verschwendet. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung wiegt dieser Umstand umso schwerer.
Gleichzeitig gehen die schulischen Leistungen kontinuierlich zurück. Grundlegende Fähigkeiten in Rechnen und Schreiben erreichen laut der jüngsten PISA-Erhebung der OECD nur noch 70 beziehungsweise 75 Prozent der Schüler. Diese Jugendlichen können zum Beispiel ohne Anweisungen die Gesamtlänge zweier alternativer Routen vergleichen; 30 Prozent scheitern an solchen einfachen Aufgabenstellungen. 2012 lag dieser Wert noch bei 18 Prozent.
Bei den Lesefähigkeiten sind 25 Prozent der Schüler nicht in der Lage, die Kernaussage eines einfachen Textes zu erfassen; an nichtgymnasialen Schularten beläuft sich dieser Anteil sogar auf über ein Drittel. Nach wie vor haben der sozioökonomische Hintergrund und eine Migrationsgeschichte einen erheblichen Einfluss auf schulische Leistungen und Bildungserfolg – deutlich mehr als in anderen OECD-Ländern.
Diese fatalen Defizite des Bildungssystems schreiben sich sukzessive in die Arbeits- und Erwachsenenwelt fort. So weist Deutschland in der OECD-Erhebung zu den Kompetenzen Erwachsener im Vergleich aller teilnehmenden Länder die größten Kompetenzunterschiede zwischen 25- bis 34-Jährigen mit einem (Fach-)Hochschulabschluss und gleichaltrigen Personen ohne Abitur oder Berufsausbildung auf. Im Bereich der Lesekompetenz beträgt der Abstand zwischen diesen beiden Gruppen in Deutschland 100 Punkte, in der alltagsmathematischen Kompetenz 108 Punkte. Im Durchschnitt der teilnehmenden OECD-Länder fallen die Differenzen mit 73 beziehungsweise 78 Punkten deutlich geringer aus.
Die unterschiedlichen Fähigkeiten schlagen sich auch in Erwerbschancen und Einkommen nieder. Das durchschnittliche Lohngefälle zwischen Erwerbspersonen mit und ohne Abitur oder abgeschlossener Berufsausbildung beläuft sich mittlerweile auf 27 Prozent.
Privatschulen als Alternative?
Vor dem Hintergrund der wachsenden Probleme des öffentlichen Schulsystems entscheiden sich immer mehr Eltern für eine Privatschule. Seit den 1990er Jahren hat sich die Zahl der Privatschulen auf derzeit über 3.800 beinahe verdoppelt. Auch die Zahl der Privatschüler ist in den vergangenen 30 Jahren ähnlich stark gestiegen: Lag die Quote der Privatschüler 1992 noch bei knapp 5 Prozent, so besucht inzwischen beinahe jeder zehnte Schüler eine Privatschule, insgesamt etwa 8,9 Millionen.
Aber sind Privatschulen tatsächlich eine gute Alternative zum öffentlichen Schulsystem? Es gibt viele gute Gründe dafür, dass öffentliche Schulen trotz der anhaltenden Misere immer noch die besseren Schulen sind und auf absehbare Zeit auch sein werden. Obwohl die Datenlage spärlich ist, unterscheiden sich die beiden Schultypen insgesamt nur moderat bis gar nicht voneinander. Privatschulen sind im Schnitt etwas kleiner als öffentliche Schulen und können auch mit geringfügig kleineren Klassen aufwarten. Die Differenz beträgt allerdings durchschnittlich nur einen Schüler pro Klasse. Auch hinsichtlich der erworbenen Kompetenzen unterscheiden sich private nur geringfügig oder gar nicht von öffentlichen Schulen. Dieser Befund zeigt sich auch im internationalen Vergleich: Wird der sozioökonomische Hintergrund berücksichtigt, erzielen Schüler an öffentlichen Schulen durchschnittlich höhere Lesekompetenzen als jene an Privatschulen.
Dass Privatschulen – entgegen ihrem zunehmend positiven Image – nicht zu leistungsorientierten Eliteschmieden geworden sind, kann mit Blick auf den hierzulande grassierenden Lehrkräftemangel nicht verwundern. Denn nach wie vor gilt, dass die wichtigste Ressource in Schulen die dort tätigen Pädagogen sind – deren Qualität und Quantität ist am Ende ausschlaggebend für guten Unterricht und nachhaltige Lernerfolge. Staatliche Schulen aber sind beim Wettbewerb um die besten Lehrkräfte klar im Vorteil: Deutlich höhere Gehälter und der Beamtenstatus machen hier den Unterschied. Mittel- und langfristig werden die Privatschulen daher besonders hart von dem Mangel an qualifiziertem Personal betroffen sein und noch häufiger als ohnehin schon auf Quereinsteiger zurückgreifen müssen.
Darüber hinaus hat die zunehmende Privatisierung des Bildungssystems erhebliche negative Auswirkungen und verschärft die ohnehin bestehenden Ungleichheiten. Denn sozioökonomisch schwächere Kinder und solche mit Migrationsgeschichte besuchen weitaus seltener eine Privatschule. Das ist ein klarer Verstoß gegen das Grundgesetz: Dieses sieht unzweideutig vor, dass Privatschulen nur gestattet sind, wenn die „Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“.
Jedoch geschieht genau das. Kinder aus einkommensschwächeren Haushalten werden durch die erhobenen Schulgelder effektiv vom Besuch einer Privatschule abgehalten. Selbst diejenigen ärmeren Familien also, die ihre Kinder gerne auf eine Privatschule schicken würden, scheitern daran aufgrund ihres zu geringen Einkommens. Denn das Sonderungsverbot wird in den Bundesländern unterschiedlich und insgesamt wenig transparent umgesetzt, in manchen durch sozial gestaffelte Schulgebühren, in anderen durch monatliche Höchstbeträge. In der Mehrzahl der Länder bleibt die Umsetzung der verfassungsrechtlichen Vorgaben jedoch den Privatschulen selbst überlassen und die Schulaufsicht beschränkt sich auf Einzelfallprüfungen.
Auch im internationalen Vergleich zeigt sich, dass mit der zunehmenden Privatisierung von Bildungseinrichtungen die soziale Ungleichheit zunimmt und sich damit gesellschaftliche Spannungen verschärfen. Länder mit einem ausgebauten Privatschulwesen, also einem höheren Anteil privater Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt, weisen eine deutlich höhere soziale Ungleichheit auf als jene mit primär öffentlichen Schulsystemen. Öffentliche Schulbildung wirkt dabei insofern als Garant für eine relative Gleichverteilung des gesellschaftlichen Wohlstands, als sie Kindern unabhängig vom sozioökonomischen Status des Elternhauses den Zugang zu vielversprechenden Karrierewegen öffnet.
Bildung als öffentliches Gut
Denn eines ist klar: Schulen sind weit mehr als Anstalten der Kompetenzvermittlung. Sie sind zentrale Sozialisationsräume und zugleich einem ganzheitlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag verpflichtet, auch im Hinblick auf Demokratiebildung. Gerade in Zeiten zunehmender Demokratieverdrossenheit ist es dringend geboten, diese Kernfunktion von Schulen wieder stärker in den Blick zu nehmen. Individuelle Wahlfreiheit und quasi personalisierte Bildungsangebote mittels Privatschulen mögen aus persönlicher Perspektive vielversprechend klingen. Aus gesellschaftlicher Perspektive indes sind sie fatal.
Wie die neoliberalen Bildungsexperimente in den USA, Chile oder Schweden zeigen, führen Privatisierungen des Schulsystems keineswegs zu besseren Bildungsergebnissen, sondern vor allem zu einer Trennung der Schülerschaft nach Einkommen und familiärer Herkunft. Die Privatisierungen einst auskömmlich finanzierter und qualitativ hochwertiger öffentlicher Schulsysteme führte nachweislich zu sozial gespaltenen Gesellschaften, in denen sich nicht nur soziale Ungleichheiten verbreiten und verfestigen, sondern zugleich das Bildungsniveau generell absinkt.
Die Erfahrungen in diesen Ländern zeigen zudem, dass immer dann, wenn sich die Mittelschicht in das Privatschulsystem verabschiedet hat, keine gesellschaftliche Kraft mehr bleibt, die die notwendigen Reformen des öffentlichen Schulsystems politisch wirksam einfordert.
Man sollte sich daher von der Illusion befreien, dass Privatschulen ein Ausweg aus der aktuellen Bildungsmisere darstellen. Statt die Exitoption zu wählen, muss der öffentliche Druck auf die politischen Verantwortlichen erhöht werden, den suizidalen Kahlschlag zu stoppen und das staatliche Bildungssystem endlich auskömmlich und nachhaltig zu finanzieren.