Makroskop
Updates zur Konjunktur

Deutschlands Wirtschaft zwischen Energieschock und Strukturkrise

| 23. April 2026

Vier Jahre Stagnation und eine strukturell schwache Binnenwirtschaft: Die aktuelle Krise ist mehr als eine Folge geopolitischer Schocks – sie legt ein lange verdrängtes Grundproblem offen.

Vier Jahre wirtschaftliche Stagnation, ein neuer Energiepreisschock infolge des Kriegs im Iran und strukturelle Schwächen, die seit Jahren ungelöst bleiben: Deutschland steht vor einer der schwierigsten konjunkturellen Phasen der Nachkriegszeit. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute und die Bundesregierung haben ihre Prognosen zuletzt deutlich nach unten korrigiert.

  • Wachstumsprognosen für 2026 durch Bundesregierung, Forschungsinstitute und Industrieverbände erneut gesenkt
  • Energiepreisschock durch die Blockade der Straße von Hormus belastet Preise und Industrie → Stagflationsrisiko: schwaches Wachstum bei gleichzeitig steigender Inflation
  • Kurzfristiger Preisvorteil für deutsche Chemiefirmen gegenüber asiatischen Wettbewerbern – bei gleichzeitig wachsender struktureller Gefährdung der Branche
  • Mangelnde Binnennachfrage als zentrales, strukturell unterschätztes Problem

Deutschland steht vor dem vierten Jahr ohne nennenswerte wirtschaftliche Dynamik. Für 2026 erwartet die Bundesregierung nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,5 Prozent – im Januar war sie noch von 1,0 Prozent ausgegangen. Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute senkten ihre Gemeinschaftsprognose von zuvor 1,3 Prozent auf nunmehr 0,6 Prozent für das laufende Jahr sowie von 1,4 auf 0,9 Prozent für 2027. Das Institut für Weltwirtschaft Kiel revidierte seine Jahresprognose von 1,0 auf 0,8 Prozent.

Für Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ist klar: Die erhoffte wirtschaftliche Erholung wird erneut durch externe geopolitische Schocks ausgebremst. Der Krieg im Iran treibt Energie- und Rohstoffpreise nach oben, belastet private Haushalte und erhöht die Kosten für Unternehmen. Clemens Fuest stellte fest, der Krieg habe die Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung vorerst beendet. Im April fiel der ifo-Geschäftsklimaindex auf 84,4 Punkte – den niedrigsten Stand seit Mai 2020.

Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) kassierte seine Prognose von plus 1 Prozent und rechnet nun bestenfalls mit Stagnation. BDI-Präsident Peter Leibinger sieht die Ursachen nicht allein in externen Schocks, sondern auch in tiefgreifenden strukturellen Problemen des Standorts.

Iran-Krieg als Brandbeschleuniger

Unmittelbarer Auslöser der erneuten Prognoserevision sind für Bundesregierung und Wirtschaftsnstitute der Ende Februar ausgebrochene Krieg im Iran. Seither ist die Straße von Hormus faktisch blockiert, die Ölpreise sind zeitweise um weit über 50 Prozent gestiegen. Die Internationale Energieagentur spricht von der stärksten Energiekrise aller Zeiten.

Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte ein Maßnahmenpaket in Höhe von 1,6 Milliarden Euro zur kurzfristigen Dämpfung der Kraftstoffpreise an. Angesichts der Vielzahl globaler Krisen sei die Lage außerordentlich schwierig, so der Kanzler.

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer berichtet, dass 83 Prozent der befragten Unternehmen negative Auswirkungen auf ihre Geschäfte verzeichnen. Laut Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), ist strategische Planung derzeit kaum möglich; viele Unternehmen fahren nur noch auf Sicht. Entsprechend schwach fallen die Perspektiven für langfristige Investitionen aus.

Sollten die Störungen im Schiffsverkehr anhalten, droht nach Einschätzung des BDI das fünfte Jahr in Folge mit rückläufiger Produktion im verarbeitenden Gewerbe – bei einer Kapazitätsauslastung von lediglich 78 Prozent.

Chemiebranche: Kurzfristiger Vorteil, langfristige Gefahr

Der Energiepreisschock erzeugt in der deutschen Chemieindustrie ein paradoxes Bild. Einerseits nutzen große Konzerne die veränderte Marktlage für deutliche Preiserhöhungen: BASF hob die Preise für Standardprodukte um rund 30 Prozent an, Lanxess erhöhte bestimmte Spezialchemikalien um bis zu 50 Prozent. Wacker Chemie, Covestro und Evonik folgten mit Aufschlägen bei Basischemikalien, Konservierungsstoffen und Polymeren.

Der Hintergrund ist eine asymmetrische Betroffenheit: Asiatische Wettbewerber sind deutlich stärker auf Rohstoffe wie Naphtha und Methanol aus der Golfregion angewiesen und geraten durch die Blockade stärker unter Druck als europäische Produzenten – zumindest kurzfristig. Das Muster erinnert an das Jahr 2022, als Mineralölkonzerne Preissteigerungen überproportional weitergaben. Entsprechend reagierten auch die Finanzmärkte: Einzelne Chemieaktien legten innerhalb einer Woche um mehr als 40 Prozent zu.

Dieser Vorteil ist jedoch fragil. Wolfgang Große Entrup warnte, steigende Rohstoffkosten könnten die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Chemieproduzenten langfristig untergraben. Zudem lassen sich höhere Preise nicht in allen Segmenten durchsetzen. Laut ifo-Forscherin Anna Wolf war die Nachfrage nach Basischemikalien bereits vor dem Krieg schwach; in diesem Bereich stoßen Preiserhöhungen schnell an Grenzen. Mehr Spielraum besteht lediglich bei Spezialchemikalien, deren Wettbewerbsfähigkeit stärker von Qualität als vom Preis abhängt.

Die strukturelle Verwundbarkeit der Branche reicht weit über den aktuellen Schock hinaus. Seit der russischen Invasion der Ukraine 2022 haben deutsche Chemieunternehmen rund 20.000 Stellen abgebaut und Investitionen im Inland reduziert. Die Produktion der Chemie- und Pharmaindustrie liegt auf dem Niveau von Ende 2004 und stagniert seit drei Jahren. BASF etwa hat jüngst seinen zweiten großen Verbundstandort in China eröffnet und gleichzeitig Stellenstreichungen in Deutschland angekündigt. Der Vorsitzende der Chemie- und Energiegewerkschaft IGBCE, Michael Vassiliadis, warnte, ohne gezielte Unterstützung drohe eine chaotische Deindustrialisierung mit dem Verlust ganzer Industriecluster.

Strukturelle Schwächen und das Nachfrageproblem

Hinter den aktuellen Krisensymptomen liegen tiefere strukturelle Probleme. Clemens Fuest beschreibt die Stagnation als neues Normal: Die lange gepflegte Erwartung, Wachstum kehre irgendwann von selbst zurück, sei nicht länger haltbar. Als Ursachen nennt er eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung, schwaches Produktivitätswachstum und zunehmende Bürokratie.

Eine Umfrage von KPMG unter 400 in Deutschland tätigen Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen bestätigt dieses Bild: Hohe Energiekosten, komplexe Regulierung und Defizite bei der Digitalisierung mindern die Attraktivität des Standorts.

Diese angebotsseitige Diagnose greift jedoch zu kurz, wenn sie isoliert betrachtet wird. Bürokratieabbau und Steuerentlastungen mögen langfristig Investitionsanreize setzen, sie schaffen jedoch keine unmittelbare Nachfrage. Genau hier liegt ein chronisch unterschätztes Problem: Im ersten Quartal erreichten die Unternehmensinsolvenzen den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren, während die Arbeitslosigkeit saisonbereinigt weiter anstieg und deutlich über dem Vorpandemieniveau liegt.

Zugleich berichten Händler von einer spürbaren Konsumzurückhaltung infolge der Inflation. Steigende Energiepreise entziehen den Haushalten reale Kaufkraft – Ausgaben, die an anderer Stelle in der Wirtschaft fehlen. Dieser Kaufkraftentzug verstärkt die ohnehin schwache Binnennachfrage zusätzlich und bremst jede konjunkturelle Erholung.

Einige Ökonomen, darunter Heiner Flassbeck, verweisen seit Langem auf einen strukturellen blinden Fleck der deutschen Wirtschaftsdebatte: Private Haushalte und Unternehmen sparen per Saldo erheblich, während der traditionelle Ausgleich über den Außenhandel schwindet. Der Leistungsbilanzüberschuss dürfte nach Prognosen der Institute deutlich zurückgehen. Wer die daraus entstehende Nachfragelücke schließen soll, bleibt in der wirtschaftspolitischen Diskussion oft unbeantwortet.

Stagflation und fiskalisches Dilemma

Zum schwachen Wachstum kommt eine anziehende Inflation – eine besonders problematische Kombination. Die führenden Institute erwarten für 2026 eine Inflationsrate von durchschnittlich 2,8 Prozent und für 2027 von 2,9 Prozent – deutlich über dem Ziel der Europäische Zentralbank von 2 Prozent. Noch vor einem halben Jahr lag die Prognose für 2026 bei lediglich 2 Prozent.

Steigende Energiepreise verteuern über Düngemittel auch Nahrungsmittel und wirken sich auf Transport- und Produktionskosten aus – eine Entwicklung, die sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette fortsetzt.

Das geldpolitische Dilemma in einem solchen Stagflationsszenario ist bekannt: Da die EZB primär der Preisstabilität verpflichtet ist, geraten Zinserhöhungen in den Fokus. Diese würden die Konjunktur zusätzlich belasten, ohne die angebotsgetriebene Inflation wirksam zu bekämpfen.

Parallel dazu erlebt Deutschland eine sicherheitspolitische Zäsur. Verteidigungsminister Boris Pistorius stellte die erste Militärstrategie der Nachkriegszeit vor und betonte eine stärkere Rolle Deutschlands innerhalb der NATO. Die Bundeswehr soll von derzeit rund 185.000 auf 260.000 Berufssoldaten wachsen, die Zahl der aktiven Reservisten auf etwa 200.000 mehr als verdoppelt werden. Das Strategiepapier bezeichnet Russland als größte unmittelbare Bedrohung im euro-atlantischen Raum. Deutschland ist seit dem Rückzug der USA unter Präsident Donald Trump zum größten Waffenlieferanten der Ukraine geworden – eine Entwicklung, die sich auch fiskalisch bemerkbar macht.

Ausblick

ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser bringt das Dilemma auf den Punkt: Der Energiepreisschock trifft die wirtschaftliche Erholung hart, während eine expansive Fiskalpolitik zugleich stabilisierend wirkt und ein tieferes Abrutschen verhindert.

Für 2027 rechnet die Bundesregierung mit einem Wachstum von 0,9 Prozent – allerdings unter erheblichen Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Entwicklung im Nahen Osten. Im günstigsten Fall eines raschen Kriegsendes halten die Institute für das laufende Jahr ein Wachstum von 0,8 Prozent für möglich.

Der Internationale Währungsfonds schließt sich der pessimistischen Einschätzung an und warnt, die Weltwirtschaft drohe erneut aus der Spur zu geraten. Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute empfehlen, statt direkter Eingriffe in die Energiemärkte stärker auf zielgerichtete soziale Ausgleichsmaßnahmen zu setzen. Diese könnten kurzfristige Kaufkraftverluste abfedern und den privaten Konsum stabilisieren.

Ob dies ausreicht, um sowohl den gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch die industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, bleibt die zentrale offene Frage.