Makroskop
Editorial

Der schleichende Rückzug des Sozialstaates

| 23. April 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die öffentliche Daseinsvorsorge genießt in Deutschland weiterhin breite Zustimmung. Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB-Sozialstaatsradar 2026) sprechen sich rund 77 Prozent der Befragten für eine solidarisch organisierte Rentenversicherung aus. Knapp 80 Prozent befürworten eine Bürgerversicherung in Gesundheit und Pflege. Auch im Bereich der Bildung ist die Erwartung an staatliches Engagement hoch: Nach dem ifo Institut (ifo-Bildungsbarometer 2024) plädieren etwa 78 Prozent für steigende staatliche Ausgaben für Schulen.

Doch es zeigt sich eine wachsende Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und politischer Praxis. Zwar werden die Ausgaben insbesondere auf Ebene der Länder und Kommunen weiterhin erhöht, doch auf Bundesebene ist die Dynamik zuletzt schwächer ausgefallen, teils mit realen Rückgängen.

Zugleich lassen die Reformdebatten in der Renten-, Gesundheits- und Pflegepolitik in der Tendenz eine partielle Verlagerung von Risiken erkennen: Während das morscher werdende System der öffentlichen Sicherung fortbesteht, gewinnen individuelle Absicherung und private Vorsorge eine wachsende Bedeutung.

Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz – in den Worten Hartmut Reiners vielmehr ein "Spargesetz" – entzieht sich Gesundheitsministerin Nina Warken der Aufgabe, das System durch tragfähige Reformen zu stabilisieren. Stattdessen stopft sie Budgetlöcher der gesetzlichen Krankenversicherung durch eine Erhöhung der Medikamentenzuzahlungen oder Einschränkungen der beitragsfreien Mitversicherung – was auf eine individuelle Mehrbelastung der Versicherten hinausläuft.

Und die auf den Weg gebrachte Reform der Rentenversicherung ist so ziemlich das Gegenteil von der mehrheitlich gewünschten Bürgerversicherung. Das umlagefinanzierte System ist für Merz nur noch eine „Basis-Rente“. Die Bundesregierung setzt vielmehr auf die Förderung einer kapitalgedeckten Privatvorsorge. Für den Wirtschaftswissenschaftler Frank Hoffer eine Verschiebung der Risiken auf die Versicherten, während die Finanzwirtschaft erheblich von der staatlichen Förderung profitiere, die ihr „Millionen neuer Kunden“ zuführt.

Auch der Zustand der öffentlichen Schulen ist das Ergebnis politischer Prioritätensetzung. Seit Jahren wächst der Investitionsstau, der Lehrkräftemangel ist längst strukturell – und dennoch reagieren Länder wie Hessen auf knapper werdende Kassen reflexhaft mit weiteren Einsparungen. Der Politökonom Michael Schedelik spricht von einer Politik, die „den Rotstift bei einem bereits unterfinanzierten und dauerhaft am Anschlag arbeitenden System“ ansetzt. Der Staat riskiert damit, was er eigentlich garantieren soll: funktionierende Bildung als Kernaufgabe.

Stattdessen wächst der private Schulsektor – nicht, weil er flächendeckend pädagogisch überzeugt, sondern weil öffentliche Strukturen erodieren. Der Staat scheint diese Entwicklung hinzunehmen, obwohl sie die soziale Spaltung vertieft. Wo Schulgelder zur Eintrittskarte werden, bleiben Kinder aus einkommensschwächeren Haushalten faktisch außen vor.

Aber Kürzungen sind – erst recht in einer Rezession – kein Ausweis ökonomischer Vernunft. Vielmehr sägen sie an den grundlegenden Pfeilern des Gemeinwesens – und damit an den automatischen Stabilisatoren der Wirtschaft und Gesellschaft in den Krisen, die da noch kommen mögen.