Makroskop
Energie-Schock

Iran-Krieg: Wie Russland und China Asiens Gasmärkte neu ordnen

| 21. April 2026
IMAGO / CFOTO / bearbeitet

Der Iran-Krieg hat ein Fünftel des globalen LNG-Angebots ausgelöscht. Während Europa nach Ersatz sucht, sichern sich Russland und China mit Infrastruktur, Rabatten und strategischer Planung die Energiemärkte Asiens.

Der Krieg gegen den Iran hat die globalen Energiemärkte nicht einfach erschüttert, sondern neu sortiert. Mit der Sperrung der Straße von Hormus und der Zerstörung zentraler LNG-Infrastruktur in Katar ist schlagartig rund ein Fünftel des weltweiten Angebots vom Markt verschwunden. Katar, bislang einer der wichtigsten Lieferanten für Europa und Asien, fiel praktisch über Nacht aus.

Was wie ein regionaler Schock begann, hat sich zu einer geopolitischen Verschiebung entwickelt – und während Europa noch nach Alternativen sucht, haben Russland und China längst begonnen, die Lücke zu besetzen.

Dabei liegt die eigentliche Pointe darin, dass diese Entwicklung nicht erst mit dem Iran-Krieg begonnen hat. Sie ist das Ergebnis einer strategischen Neuorientierung, die bereits 2022 einsetzte, als Europa seine Energieimporte aus Russland drastisch reduzierte. Moskau verlor damit seinen wichtigsten Absatzmarkt und musste plötzlich Abnehmer für enorme Mengen finden – rund 4 Millionen Barrel Öl pro Tag sowie große Teile seiner Gasexporte.

Die naheliegende Lösung lag im Osten. China, ohnehin der größte Energieimporteur der Welt, wurde zum zentralen Ziel. Doch zwischen russischen Gasfeldern und chinesischen Verbrauchszentren lag ein praktisches Problem: Es fehlten die Leitungen. Die bestehende ESPO-Pipeline war auf etwa 30 Millionen Tonnen Rohöl jährlich ausgelegt – tatsächlich nahm China schon damals rund 35 Millionen Tonnen ab. Nachfrage war also da, die Infrastruktur hinkte hinterher.

Russland reagierte mit einer Investitionsoffensive, die man ohne Übertreibung als energiepolitischen Kraftakt bezeichnen kann. Die Pipeline „Power of Siberia 1“ wurde auf eine Kapazität von 44 Milliarden Kubikmetern ausgebaut, die Leitung „Far East Gas“ auf 12 Milliarden. Gleichzeitig begann der Bau von „Power of Siberia 2“, die künftig weitere 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr transportieren soll.

Diese Projekte gehören zu den größten Infrastrukturinvestitionen Russlands seit Jahrzehnten. Sie waren ein Wagnis – denn sie setzten darauf, dass China dauerhaft bereit sein würde, die Rolle Europas zu übernehmen.

China hat dieses Angebot nicht nur angenommen, sondern aktiv ausgeweitet. Noch 2021 stammten etwa 10 Prozent seiner Gasimporte aus Russland. Bis 2024 war dieser Anteil auf rund 25 Prozent gestiegen. In absoluten Zahlen bedeutet das: 27 Milliarden Kubikmeter Gas flossen 2024 über „Power of Siberia 1“, ein Jahr später bereits rund 38 Milliarden. Damit übertrafen die tatsächlichen Liefermengen teilweise sogar die ursprünglichen Vertragsvereinbarungen.

Dass China diese zusätzlichen Mengen aufnehmen konnte, war kein Zufall. Das Land hatte in den vergangenen Jahren massiv in strategische Reserven investiert und seine Importinfrastruktur systematisch ausgebaut. Gleichzeitig wächst der Energiebedarf weiter dynamisch, während Erdgas bislang nur einen relativ kleinen Anteil am Energiemix ausmacht. Es gab also Spielraum – und Peking nutzte ihn.

Der Katar-Schock und seine Folgen

Mit dem Iran-Krieg beschleunigte sich diese Entwicklung dramatisch. Der Ausfall Katars bedeutet nicht nur einen kurzfristigen Engpass. Rund 13 Millionen Tonnen LNG pro Jahr fallen voraussichtlich über Jahre aus – bei einem Marktwert von etwa 20 Milliarden Dollar jährlich. Über fünf Jahre summieren sich die Verluste auf rund 100 Milliarden Dollar, hinzu kommen erhebliche Kosten für den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur.

Für Europa ist das ein strategischer Albtraum. Nach dem politischen Bruch mit Russland hatte die EU ihre Energieversorgung gezielt in Richtung Naher Osten diversifiziert – und steht nun vor dem Problem, dass genau diese Alternative weggebrochen ist. Katar hat für zahlreiche Lieferverträge höhere Gewalt erklärt. De facto heißt das: Die EU kann derzeit weder auf russisches noch auf katarisches LNG zurückgreifen.

Während Europa in dieser Lage gefangen ist, agieren Russland und China erstaunlich offensiv. Besonders auffällig ist dabei Russlands Preisstrategie. Statt die Knappheit für maximale Gewinne zu nutzen, bietet Moskau sein LNG in Asien mit deutlichen Abschlägen an – teilweise bis zu 40 Prozent unter dem Spotmarktpreis.

Das wirkt zunächst widersinnig, ist aber strategisch konsequent. Russland geht es nicht um kurzfristige Margen, sondern um langfristige Marktanteile. Über Handelsstrukturen, häufig mit chinesischer Beteiligung, wird das Gas in asiatische Märkte weiterverteilt – günstig genug, um neue Kunden dauerhaft zu binden.

Die Wirkung ist bereits sichtbar. Viele asiatische Volkswirtschaften beginnen, ihre Lieferketten neu auszurichten. Die Abhängigkeit vom Persischen Golf wird reduziert, stattdessen entstehen neue Bindungen an Russland als Produzenten und China als zentrale Drehscheibe.

Damit verändert sich nicht nur der Energiemarkt, sondern auch das geopolitische Gefüge. Wer die Energieflüsse kontrolliert, gewinnt Einfluss – ökonomisch wie politisch. Russland sichert sich neue Absatzmärkte, China baut seine Rolle als strategischer Vermittler aus, und beide zusammen werden für Teile Asiens zu einer neuen Lebensader.

Ironischerweise gehört auch der Iran zu den indirekten Gewinnern dieser Entwicklung. Durch die Destabilisierung der Region hat er eine Kettenreaktion ausgelöst, von der seine Partner profitieren – selbst wenn die unmittelbaren wirtschaftlichen Effekte für das Land selbst ambivalent bleiben.

Was hier entsteht, ist keine kurzfristige Marktanpassung, sondern eine strukturelle Verschiebung. Die globalen Energieflüsse orientieren sich neu – weg vom Westen, hin zu einem asiatisch geprägten Netzwerk.

Europa hingegen steht am Rand dieser Entwicklung. Und während in Asien neue Abhängigkeiten entstehen, wird im Westen langsam klar, dass politische Entscheidungen über Energiepartnerschaften langfristige Konsequenzen haben – besonders dann, wenn die Alternativen plötzlich verschwinden.