Makroskop
Iran-Krieg

Die Ölkrise, die Straße von Hormuz und das Ende der Trump-Revolution

| 22. April 2026

Das Zerwürfnis zwischen den USA und Europa wegen des Iran-Kriegs hat einen Vorläufer in der Ölkrise der 1970er Jahre. Der Rückblick zeigt auch, dass die Verstimmung zu neuer Kooperation führen kann.

Am 16.November 1973 traf der französische Präsident Georges Pompidou den britischen Premierminister Edward Heath auf dessen Landsitz in Chequers nordwestlich von London. Thema der geheimen Unterredung war die Ölkrise, die Panik in den westlichen Ländern ausgelöst hatte. Der Ölpreis war innerhalb von wenigen Wochen um 70 Prozent von 3 auf mehr als 5 Dollar pro Fass gesprungen. Am 9.November hatte die westdeutsche Regierung den ersten autofreien Sonntag verordnet.

Die beiden Staatsmänner sprachen jedoch nicht nur über die wirtschaftlichen Probleme. Noch viel stärker betrübte sie die politische Lage. Pompidou beklagte, Europa sei in letzter Zeit „auf fast schon demütigende Weise“ auf der internationalen Bühne unsichtbar gewesen. Es brauche eine gemeinsame Anstrengung, um der amerikanischen Hegemonie entgegenzutreten. Gleichzeitig warnte er vor zu hohen Erwartungen. Es bestehe die Gefahr, dass die Staats- und Regierungschefs nur lautstark „Europa, Europa“ skandierten und dass „das einzige Ergebnis Unbestimmtheit und Zweideutigkeit sein würde“.

Pompidous Plan führte Frankreich in die Isolation

In der Folge bemühte sich Paris mit allen Mitteln, Unabhängigkeit gegenüber Washington zu demonstrieren und die anderen Mitglieder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, wie die EU damals hieß, auf einen neuen Kurs einzuschwören. Statt sich gegen das arabische Erdölkartell Opec zu wehren, suchte Pompidou den Ausgleich. Frankreich schloss 1974 Abkommen mit Algerien, Iran, dem Irak, Libyen, Syrien und Saudi-Arabien ab, die zum einen langfristige Erdölverträge und zum anderen die Lieferung von französischen Rüstungsgütern und Nukleartechnologie umfassten. Die Strategie war, die gegnerische Seite zu besänftigen, um von zukünftigen Krisen und Sanktionen verschont zu werden.

Die Rechnung ging nicht auf. Die westdeutsche Regierung lehnte den französischen Sonderzug ab, unterstützte hingegen den Kurs von US-Außenminister Henry Kissinger, der darin bestand, die Macht des arabischen Erdölkartells durch die Bildung eines Konsumentenkartells zu brechen. Dafür schuf man die Internationale Energieagentur (IEA) als Teil der OECD. Frankreich war das einzige westliche Land, das sich weigerte, beizutreten, und stand vollkommen isoliert da. Der Plan einer gemeinsamen Energie- und Sicherheitspolitik war nur noch Makulatur. Pompidou sollte mit seiner Befürchtung recht behalten.

Alarmistische Diagnosen sind historisch nicht begründet

Heute sind wir wieder an einem ähnlichen Punkt angelangt. Die Umstände haben sich zwar geändert, aber der alte transatlantische Konflikt ist wieder voll ausgebrochen. Gerade die französische Kultur hat dafür einen treffenden Spruch geschaffen: „Plus ça change, plus c’est la même chose.“ Die europäischen Länder versuchen, neutral zu bleiben („Das ist nicht unser Krieg“), Israel und die USA wählen die Konfrontation. Der französische Präsident Emmanuel Macron sucht wie sein Vorgänger Pompidou den Ausgleich, indem er für eine Waffenruhe und Verhandlungen mit Teheran plädiert. Die Straße von Hormuz könne «nur in Absprache mit Iran» wieder geöffnet werden.

Einmal mehr lässt sich aus historischer Sicht festhalten: Die Vorstellung, dass das Verhältnis zwischen Europa und den USA noch nie so gefährdet war wie heute, ist schlicht falsch. Solch alarmistische Diagnosen sind nur möglich, weil diejenigen, die sie stellen, bewusst die Geschichte ignorieren. Wenn die Vergangenheit weggelassen wird, ist in der Tat alles ganz neu, was heute passiert.

Europa und die USA sind aufeinander angewiesen

Der Rückblick auf die Ölkrise der 1970er Jahre zeigt auch, dass die Zeit der transatlantischen Verstimmung nicht von langer Dauer sein muss. Im November 1975 trafen sich die Staatschefs der USA, der größten westeuropäischen Länder und Japans zum ersten Mal zu einem Gipfeltreffen im Schloss von Rambouillet außerhalb von Paris. Eingeladen hatte der neue französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing zusammen mit Bundeskanzler Helmut Schmidt. In vertraulicher Runde diskutierte man in konstruktiver Weise über die Energiepolitik, die Währungsturbulenzen und die globale Rezession. Daraus haben sich die jährlichen G-7-Treffen ergeben, die bis heute stattfinden.

Die Verstimmung dürfte auch diesmal nicht ewig anhalten. Die europäischen Länder sind in ihrer Energie- und Verteidigungspolitik abhängig von den Vereinigten Staaten. Ein Alleingang ist völlig undenkbar. Umgekehrt kann es sich die US-Regierung nicht leisten, ihre europäischen Verbündeten zu verlieren. Die Kosten der globalen Hegemonie, die jetzt schon die Supermacht zu überfordern drohen, würden weiter steigen. Und zu guter Letzt wird im kommenden November gewählt. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus verlieren, weil die regierende Partei bisher fast immer bei den Zwischenwahlen abgestraft wurde. Dies wird auch das Ende der Trump-Revolution einläuten.