Makroskop
Theorie

Die Neoklassik ist inkonsistent und irrelevant

| 22. April 2026

Die Gleichgewichtsmodelle der Neoklassik müssen logisch scheitern. Zentrale Größen wie Zins und Inflation können sie nicht erklären.

In der langen Serie MAKROSKOP for beginners (hier die letzte Folge), die sich mit der Neoklassik auseinandergesetzt hat, ist vieles Richtige gesagt worden. Dennoch bleibt bei mir der Eindruck, dass die Kritik nicht weit genug ging und entscheidende Elemente nicht genannt wurden. Ich will daher versuchen, in drei kurzen Papieren den Kern der Kritik, so wie ich ihn sehe, noch einmal herauszuarbeiten. Ausführlicher und mit Literaturverweisen versehen findet man das alles in meinem letzten Buch aus dem Jahre 2024.

Teile der Kritik, die in der Serie vorgebracht wurden, beziehen sich darauf, dass die Neoklassik in vieler Hinsicht vollkommen unrealistische Annahmen macht. Vollkommene Information aller Markteilnehmer ist die in vielen kritischen Arbeiten am häufigsten genannte. Einer der klügsten Kritiker der Neoklassik, der Philosoph und Erkenntnistheoretiker Hans Albert, nannte die Methode der Neoklassik schon in den 1960er Jahren „Modellplatonismus“, weil Aussagen gemacht werden, die zwar innerhalb des Modells richtig sind, sich aber einer empirischen Überprüfung und der Möglichkeit der Falsifikation entziehen. 

Ich habe Hans Albert in den 1980er Jahren kennengelernt und einige Male mit ihm sehr interessante Diskussionen geführt. Mein Gefühl war schon damals, dass Albert vollkommen richtig liegt, dass seine sehr allgemein gehaltene Kritik aber nicht durchschlagend sein wird. Trotz seiner absolut berechtigten Einwände hat Albert praktisch keinen Einfluss auf die Entwicklung der Neoklassik genommen. Die erfuhr in den 1970er Jahren sogar eine grandiose Renaissance, weil man behauptete, der Keynesianismus habe im Zuge der Ölpreisexplosionen versagt, da er Stagflation nicht verhindern konnte.

Das hat einen guten Grund. Die Einwände der Neoklassiker gegen die allgemeine Kritik an der Realitätsnähe ihrer Theorie sind nicht leicht zurückzuweisen. Sie verweisen darauf, dass es sich um ein sehr komplexes System handele, dessen Funktionsweise man nur mit stark vereinfachenden Annahmen beschreiben und verstehen könne. Selbst wenn in jedem einzelnen Markt die Annahmen nicht vollständig zuträfen, könne man doch am Ergebnis vieler Märkte erkennen, dass die Grundtendenz der neoklassischen Aussagen weitgehend richtig ist. Man sagte auch, man könne nur Mustervorhersagen (pattern predictions) machen, weil sich die konkreten Abläufe in der wirtschaftlichen Wirklichkeit gar nicht erfassen lassen. 

Wenn man nicht so einfach abgewimmelt werden will, muss man gründlicher vorgehen. Man kann sich auch nicht einfach auf John Maynard Keynes oder die Keynesianer berufen. Keynes hat selbst, wie ich in meinem Buch gezeigt habe, viele Fehler gemacht, weil er sich von bestimmten Grundannahmen der neoklassischen Theorie nicht lösen konnte. Bei den sogenannten Keynesianern schließlich gibt es so viele Varianten, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten. Auch hier werden in meinen Augen sehr oft unnötige Zugeständnisse an die herrschende Lehre gemacht. Ein berühmter Nobelpreisträger hat sogar eine „neoklassische Synthese“ vorgeschlagen, was der größte Unsinn ist.

Inkonsistenz

Fangen wir also ganz von vorne an und fragen zunächst, ob es das berühmte allgemeine Gleichgewicht der Neoklassik geben kann, selbst wenn man die meisten Annahmen dieser Lehre einmal akzeptiert. Danach kommt dann die noch viel wichtigere Frage der Relevanz, nämlich die Frage, ob die Neoklassik überhaupt von dem Forschungsobjekt handelt, dem das weit überwiegende gesellschaftliche Interesse gilt.

Das allgemeine Gleichgewicht der Märkte hat in der neoklassischen Lehre einen so herausragenden Platz eingenommen, weil man damit zeigen kann, dass es ein Marktsystem geben könnte, das die weitaus meisten Probleme bei der Verteilung der Ressourcen (der sogenannten Allokation der Ressourcen, nicht aber der Verteilung der Einkommen) simultan (also für alle Märkte gleichzeitig) lösen könnte, ohne dass der Staat aktiv eingreift. Die besondere Leistung dieses System ist die Simultanität. Wenn die Märkte funktionieren und die Preise flexibel sind, gibt es eine Lösung, die sehr effizient ist, weil jeder Marktteilnehmer im Prinzip weiß, wie sich seine Abschlüsse in das Gesamtsystem der Märkte einfügen. Große Friktionen und Nachverhandlungen sind dann nicht zu erwarten.

Das ist nicht alles, was in einer Gesellschaft zählt, aber es ist auch nicht wenig. Wenn man es vergleicht mit einem System, wo Beamte sich über jede einzelne Schraube Gedanken machen müssen und man gewaltige Pläne braucht, um eine Produktion von unüberschaubaren vielen Gütern in Gang zu bringen und in Gang zu halten, spricht einiges dafür, dass so ein dezentrales System, wenn es denn funktionierte, enorme Vorteile hätte.

Das entscheidende logische Problem taucht auf, wenn wir uns in diesem System von den Einzelmärkten wegbewegen und die gesamtwirtschaftliche Ebene erreichen. Man kann sich ohne weiteres vorstellen, dass die Preise einzelner Produkte nur von Angebot und Nachfrage auf einem einzelnen Markt bestimmt werden. Doch wenn es um den Preis für Kapital geht (den Zins) oder um den Preis für Arbeit (den Lohn), dann gibt es keinen einzelnen Markt mehr, der die Preise bestimmt, denn Arbeit vergleichbarer Qualität und Kapital mit einer vergleichbaren Laufzeit werden über viele Märkte hinweg gehandelt. Es muss also einen irgendwie gearteten gesamtwirtschaftlichen Markt geben, auf dem der Preis für Arbeit und der für Kapital festgelegt wird. Auch die Währungsrelationen (die Wechselkursveränderungen) zwischen zwei unabhängigen Währungen fallen in eine besondere Kategorie, wie später gezeigt wird.

Die Schwierigkeit liegt zunächst darin, einen Mechanismus zu finden, der über viel Einzelmärkte hinweg den Preis für Arbeit und Kapital festlegen kann, ohne dass es zu Machtmissbrauch der Arbeitgeber kommt. Die Arbeitgeber sitzen gegenüber den Arbeitnehmern in vieler Hinsicht am längeren Hebel, insbesondere, wenn die Arbeitnehmer, aus welchen Gründen auch immer, räumlich relativ immobil sind. 

Aber, und noch viel schwerwiegender wiegt die Tatsache, dass Lohn und Zins von den im Markt agierenden Unternehmen nur dann vernünftig interpretiert werden können, wenn die Unternehmen das Preisniveau kennen, das sich im Zusammenspeil aller Märkte gebildet hat. Ob ein Lohnzuwachs oder ein Zins hoch oder niedrig sind, ist abhängig vom Preisniveau. Ein Zins von fünf Prozent ist niedrig, wenn zu erwarten ist, dass das Preisniveau über die Laufzeit des Kreditvertrages ebenfalls um fünf Prozent steigt. Steigt das Preisniveau nicht, können fünf Prozent sehr hoch sein. Mit anderen Worten, die Unternehmen müssen den Reallohn und den realen Zins kennen, um beurteilen zu können, wie sie die Signale, die von den Preisen von Arbeit und Kapital ausgehen, umsetzen.

Damit ist allerdings der entscheidende Vorteil des allgemeinen Gleichgewichts verschwunden. Weil man das Preisniveau erst kennen kann, wenn alle Preisfindungsprozesse abgeschlossen sind, gibt es für die entscheidenden Preise für Arbeit und Kapital keine Simultanität mehr. Die Idee eines allgemeinen Gleichgewichts ist grundsätzlich hinfällig geworden. Noch schlimmer, es kann kein Preisniveau oder keine Inflationsrate geben, die verlässliche Signale aussenden, weil die Löhne nicht ohne das Preisniveau und das Preisniveau nicht ohne die Löhne bestimmt werden können. Man braucht zwingend einen Staat, der dafür sorgt, dass es weder spiralen nach unten noch nach oben bei dem Versuch gibt, die Löhne an die Preise anzupassen und umgekehrt. 

Folglich ist die Idee eines vom Staat unabhängigen Systems von Märkten, das die Allokationsaufgabe übernehmen kann, auch theoretisch hinfällig. Nicht nur, weil die Annahmen unrealistisch gewesen wären, sondern weil die ganze Konstruktion selbst bei Geltung ihren eigenen Annahmen nicht tragfähig ist. Die Neoklassik ist im Kern mit ihrer Behauptung, die Anpassung von Angebot und Nachfrage erfolge auch auf der Ebene der Gesamtwirtschaft mithilfe flexibler Preise in einem simultan über viele Märkte ablaufenden Prozess, falsch. 

Irrelevanz

Es ist genau umgekehrt, wie es die Neoklassik vermutet: Damit Märkte einige gesellschaftliche Aufgaben effizient übernehmen können, braucht man an vielen entscheidenden Stellen unflexible vom Staat gesteuerte oder zumindest stark beeinflusste Preise. Das ist nicht nur die Folge der theoretischen Schwäche der Neoklassik, sondern Ausdruck der kaum zu bestreitenden Tatsache, dass Gleichgewicht an allen Märkten in keiner Weise dem Ziel entspricht, das praktisch alle modernen Gesellschaften haben. Diese Gesellschaften streben Entwicklung in realer Zeit an, also die Möglichkeit, durch neue Kombination von Arbeit und Kapital das Einkommen aller Mitglieder der Gesellschaft zu erhöhen. 

Zeitloses Gleichgewicht bei der Allokation der Güter ist nicht das, was uns interessiert, sondern die Frage, wie und unter welchen Umständen sich Gesellschaften im Zeitverlauf entwickeln können. Wünschten wir Gleichgewicht, könnte uns nicht einmal die Neoklassik helfen. Nur weil wir gar kein Gleichgewicht anstreben, sondern wirtschaftliche Entwicklung, haben wir eine Chance, vernünftig und erfolgreich – unter Einbeziehung von Märkten und Unternehmen – zu wirtschaften. 

Das lässt sich am besten an der Funktion der Unternehmen in einer Marktwirtschaft zeigen, wie es Joseph Alois Schumpeter schon vor mehr als 100 Jahren beschrieben hat. Während die Unternehmen im allgemeinen Gleichgewicht der Neoklassik nur Verteiler der vorhandenen Ressourcen sind, die weder Gewinn noch Verlust machen, ist es offenkundig, dass sie in der gesellschaftlichen Wirklichkeit eine ganz andere Rolle übernehmen. 

Die Unternehmen machen tatsächlich Gewinne und Verluste, weil sie beständig die Verfahren der Produktion und die Art der Produkte ändern. Nur das Unternehmen, das aus dem Gleichgewicht ausbricht, das bei gegebenen Löhnen seine Produktivität erhöht und sich absolute Vorteile verschafft, ist erfolgreich und schafft auf diese Weise die Möglichkeit, das gesamtwirtschaftliche Einkommen zu erhöhen. Das ist das, was ich den intertemporalen Strukturwandel nenne. Im Ablauf der Zeit führt die Erhöhung der Produktivität bei einem einzelnen Unternehmen zu einer Veränderung des Niveaus der Nachfrage und der Struktur des Angebots.

Nur eine Gesellschaft, der es gelingt, optimale Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass möglichst viele Unternehmen Gleichgewicht verhindern, weil sie temporäre Gewinne machen, wird sich entwickeln. Es ist aber keineswegs so, dass immer Gewinne gemacht werden. Eine Reihe von Versuchen, mit unternehmerischen Mitteln etwas Neues durchzusetzen, wird scheitern.

An der Stelle kommt das ins Spiel, was Keynes einst „objektive Unsicherheit“ nannte. Der Unternehmer, der ein neues Produktionsverfahren oder ein neues Produkt auf den Markt bringt, arbeitet in eine objektiv ungewisse Zukunft hinein. Niemand kann vorhersagen, was passiert. Um eine ausreichende Menge der unsicheren unternehmerischen Aktivität zu generieren, ist ein niedriger und möglichst lange Zeit stabiler (ein möglichst inflexibler) Zins unabdingbar. 

Einen niedrigen Zins und Zinsstabilität gibt es nicht ohne Geldwertstabilität bzw. Preisniveaustabilität. Hier ist jeder Versuch in Sachen Neoklassik dann endgültig am Ende. Die Neoklassik verfügt weder über eine Inflationstheorie noch über eine Zinstheorie[1]. Aus dem allgemeinen Gleichgewicht kann kein bestimmtes Preisniveau oder keine stabile Preisniveauänderung abgeleitet werden und der Versuch, sich mit der Quantitätsgleichung und dem Monetarismus zu behelfen, ist kläglich gescheitert (wie in meinem Buch ausführlich erklärt). 

Was leicht vergessen wird: Zinsstabilität kann es nur geben, wenn es keinen Versuch einer Steuerung des „Geldangebots“ gibt. Weil die Notenbank den Zins stabil hält, kann sie das Geldangebot nicht steuern, denn sie muss jede Nachfrage (die in der Regel heftig schwankt) nach Geld befriedigen, um ihr Zinsziel zu erreichen. Man kann darüber lange philosophieren, man kann aber auch einfach die Evidenz zur Kenntnis nehmen. Keine moderne Zentralbank, selbst wenn sie, wie die Bundesbank eine Weile behauptete, sie hätte ein Geldmengenziel, hat jemals die direkte Zinssteuerung aufgegeben. 

Wenn es keine Steuerung einer Geldmenge oder eines Geldangebotes gibt, hängt die Preisstabilität als wirtschaftspolitisches Ziel vollkommen in der Luft. Über den Zins die Preise in einer Volkswirtschaft steuern zu wollen, ist eine Krücke, aber eine, die nicht beim Gehen hilft, weil sie nur wenige Zentimeter hoch ist. 

Die einzige Inflationstheorie, die empirische Gültigkeit beanspruchen kann, ist die Inflationstheorie der Löhne bzw. der Lohnstückkosten. Verfolgt man diesen Ansatz, muss man von vorneherein konzedieren, dass die Lohnentwicklung den Arbeitsmarkt nicht steuern kann (wie im zweiten Artikel dieser Serie gezeigt wird), aber für die Inflationsentwicklung entscheidend ist. Dann ist es offensichtlich, dass die Geldpolitik die vordringliche Aufgabe hat, über die Investitionstätigkeit die wirtschaftliche Entwicklung so zu beeinflussen, dass ein hoher Beschäftigungsstand möglich ist. Insofern ist das Mandat der amerikanischen Zentralbank das implizite Zugeständnis, dass neoklassische Überlegungen für sie keine Rolle spielen. 

Die Verwendung von allgemeinen Gleichgewichtsmodellen in der Wissenschaft ist der Beweis dafür, dass man sich nicht ernsthaft um die Probleme der Wirklichkeit kümmern will, sondern ein Glasperlenspiel (Hermann Hesse) spielt, dessen Realitätsbezug einfach nicht interessiert. Solche Wissenschaftler gehören natürlich nicht in die Politikberatung. Die politische Verwendung von solchen Modellen, etwa in der Geldpolitik, ist grandioser Unsinn, weil sie mit Sicherheit in die Irre führen. Verfolgt die Geldpolitik allerdings auch ein Beschäftigungsziel, ist von vorneherein klar, dass sie der Verwendung eines Gleichgewichtsmodells keine Bedeutung für die praktische Politik zumisst.

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[1] Da trifft sie sich in gewisser Weise mit der Modern Monetary Theory (MMT), die eine wirtschaftspolitische Bedeutung des Zinses bestreitet und die Notwendigkeit einer Inflationstheorie strikt verneint.